„Schuld – ein unbequemes Phänomen“

Neuer Band untersucht Schuld als Herausforderung für Theologie und Kirche

Buchcover „Schuld – Theologische Erkundungen eines unbequemen Phänomens“

Buchcover

© Grünewald Verlag

Mit dem Thema Schuld als Herausforderung für Theologie und Kirche beschäftigt sich ein neues Buch aus dem Exzellenzcluster „Religion und Politik“. Der Sammelband trägt den Titel „Schuld – Theologische Erkundungen eines unbequemen Phänomens“. Herausgeberin ist die katholische Theologin Dr. Julia Enxing vom Habilitandenkolleg des Exzellenzclusters. Die Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erörtern, wie sich Fragen von Schuld und Schuldbekenntnis in das Selbstverständnis der Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen integrieren lassen; teils geht es dabei um den kirchlichen Umgang mit Fällen sexueller Gewalt. Zu den Autoren gehören der Fundamentaltheologe Prof. Dr. Jürgen Werbick vom Exzellenzcluster, die Dogmatikerinnen Prof. Dr. Johanna Rahner aus Tübingen und Prof. Dr. Magdalene L. Frettlöh aus Bern sowie die Professorin für Systematische Theologie an der Universität Oldenburg, Prof. Dr. Ulrike Link-Wieczorek. Erschienen ist der Band im Grünewald Verlag. Er fasst Ergebnisse einer Tagung des Exzellenzclusters im Jahr 2014 zusammen.

Schuld zu verstehen und zur Sprache zu bringen, stellt die aktuelle Theologie nach Einschätzung von Julia Enxing auf die Probe. „Will sie eine Theologie sein, die sich am Menschen orientiert, kann sie nicht unberührt bleiben von schmerzhaften Realitäten und den Schuldverstrickungen der Kirche“, unterstreicht die Theologin. Ihr Band ergründet systematisch-theologisch das Phänomen der Schuld. Reflektiert werden etwa die Zusammenhänge von Schuld und Sünde, Scheitern und Vergebung, die Frage einer sündigen Kirche sowie einer verantwortbaren Rede von der Ursünde. Den katholischen und evangelischen Theologen geht es um ein tieferes Verständnis und eine gemeinsame Sprache für unbequeme Realitäten, wie Enxing sagt. „Zunächst werden systematische Reflexionen und theoretische Zugänge zum Thema angeführt; daran anschließend zeigt der Sammelband konkrete Anwendungsfelder auf und stellt praktische Bezüge zu Schuldfragen her.“

„Der Kirche fällt die Auseinandersetzung mit ihrer Schuld immer noch schwer, wie zuletzt im Umgang mit den Fällen sexueller Gewalt deutlich wurde“, sagt die Herausgeberin. „Die Vorgänge machen deutlich, wie schwer es ist, über Schuld und Sünde zu sprechen – sowohl in unserer Gesellschaft als auch in Theologie und Kirche.“ Es gebe nicht viele konstruktive Ansätze für eine theologische Rede von Schuld und Sünde, welche die eigene Fehlbarkeit thematisieren, anerkennen und artikulieren können. Ein zentrales Anliegen des Bandes sei es daher, „ein Gegengewicht zum Schweigen der Kirche über Schuld zu setzen, eine gemeinsame Sprache zu finden und die Theologie in ihrer Funktion als kritisches Korrektiv ernst zu nehmen.“

Dr. Julia Enxing forscht am Exzellenzcluster im Projekt C2-10 Kritik von innen. Modelle sozialen Wandels in der katholischen Kirche, das die Sozialethikerin Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins leitet. (han/vvm)


Hinweis: Enxing, Julia (Hg.): Schuld. Theologische Erkundungen eines unbequemen Phänomens, Ostfildern: Matthias Grünewald Verlag 2015 (2. unveränderte Auflage, unter Mitarbeit von Vanessa Görtz-Meiners und Jan-Hendrik Herbst), 308 Seiten, ISBN 978-3-7867-3038-5, 27 Euro.

Inhaltsverzeichnis:

  • Julia Enxing, Jan-Hendrik Herbst: Einleitung

Systematische Reflexionen – Theoretische Zugänge

  • Jürgen Werbick: Schuld und ScheiternMagdalene L. Frettlöh: Vergeben und vergessen. Eine theologisch und philosophisch bedachte Zwillingswendung zum Umgang mit Schuld eschatologisch perspektiviert
  • Eva Harasta: Im Anfang war das Nichts. Zum ontologischen Status der Ursünde
  • Julia Knop: Schuld und Vergebung. Überlegungen zum anthropologischen und hermeneutischen Potenzial des Sündenbegriffs
  • Johanna Rahner: Kirche und Schuld. Skizze einer dogmatischen Verhältnisbestimmung aus katholischer Sicht
  • Stephan Jütte: Die ureigenste Schuld der Kirche. In welchem Verhältnis steht die Kirche zur Schuld?
  • Klaus Viertbauer: Schuld als Disposition? Zum veränderten Charakter des Kirche-Welt-Verhältnisses
  • Bernhard Knorn SJ: Schuld und der kirchliche Dienst der Versöhnung

Konkrete Anwendungsfelder – Praktische Bezüge

  • Eva Kaufner-Marx: »Das war ich nicht!«? Verantwortung als Zumutung der Freiheit
  • Jan Loffeld: Menschliche Schuldverstrickung. Ein plausibler Ansatzpunkt gegenwärtiger Rede von Erlösung?
  • Ulrike Link-Wieczorek: Im Fadenkreuz von Schuld und Scham. Vor-Überlegungen zur Wiedergewinnung eines christlichen Sündenverständnisses
  • Julia Enxing: Schuld zur Sprache bringen. Eine Betrachtung des Schuldbekenntnisses Johannes Pauls II.
  • Jutta Koslowski: »… der sei verflucht!« (Gal 1,8). Der Umgang mit Lehrverurteilungen als Aspekt kirchlicher Schuldgeschichte
  • Katharina Peetz: Das Schuldbekenntnis von Detmold und sein Stellenwert für den ruandischen Versöhnungsprozess
  • Lydia Koelle: Schuld als Aufgabe. Deutsche Theologie der dritten Nach-Shoah-Generation und ihre Vergebungsdiskurse
  • Dominik Gautier: Sünde, Schuld und Rassismus im Christlichen Realismus Reinhold Niebuhrs
  • Julia Lis: Schuld und Umkehr angesichts der globalen Krise aus befreiungstheologisch-feministischer Perspektive

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