„Eine finstere Zeit des Unheils“

Ägyptologe Joachim Friedrich Quack über Zukunftsvisionen der Antike

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Prof. Dr. Joachim Friedrich Quack

© han

Über Zukunftsvisionen in der Spätzeit des Alten Ägyptens hat der Heidelberger Ägyptologe Prof. Dr. Joachim Friedrich Quack in der Ringvorlesung „Zukunftsvisionen zwischen Apokalypse und Utopie“ des Exzellenzclusters gesprochen. Er stellte mehrere prophetische Werke ab der 26. ägyptischen Herrscherdynastie während der Saitenzeit (ab 664 vor Christus) dar, in denen stets „ein visionärer Seher – oft eine gesellschaftlich marginale Figur außerhalb des Königshofs – eine finstere Zeit des Unheils ankündigte, auf welche dann eine umso glänzendere Heilszeit folgt“, so der Ägyptologe. Politisches Ziel der Texte, die stets dasselbe Grundschema aufwiesen, sei es gewesen, einen Heilskönig zu inszenieren, der den Weg aus dem Unheil herbeiführte. Diese Struktur sei in mehreren Überlieferungen wie dem „Lamm des Bokchoris“ und dem „Töpferorakel“ zu finden.

„Die utopische Kraft der Texte war nicht sonderlich ausgeprägt“, sagte der Wissenschaftler. „Die Verfasser entwarfen darin keine neuartige Gesellschaftsstruktur, sondern eine Rückkehr zu einem historisch bereits erfahrenen Optimum.“ Sie zeigten in den Texten Unbehagen an den aktuellen Zuständen, aber kein klares Konzept für Veränderungen. Die Möglichkeiten zur Interpretation der Textgattung seien ohnehin schwierig, da nur wenige Beispiele erhalten seien. „Im Gegensatz zu Texten, die fest zum einstigen Kanon gehörten, ist von allen erhaltenen prophetischen Texten nur je eine einzige Abschrift überliefert.“ Problematisch für die Forschung sei auch der schlechte Zustand der überlieferten Papyri, so Prof. Quack. „Dass alle überlieferten prophetischen Texte unvollständig sind, verringert ihre Verständlichkeit. Entsprechend sind unsere Interpretationen in besonderem Maße mit Unsicherheiten behaftet.“

Als Quellen untersuchte der Ägyptologe nicht nur Werke in ägyptischer Sprache, sondern auch aramäische und griechische Texte, die mutmaßlich aus dem Ägyptischen übersetzt wurden. Die Bedeutung, die den Texten in der Gesellschaft des späten Ägyptens zukam, sei schwer zu rekonstruieren, so der Wissenschaftler. „Während die früheren Prophezeiungsgeschichten in der untersuchten Zeit eine klare politische Stoßrichtung hatten, war in späteren Texten die heilsbringende Figur des Herrschers eigentümlich schwach gezeichnet. So bleibt die politische Bedeutung unklar“, sagte Prof. Quack. „Die insgesamt schmale Überlieferungsbasis deutet darauf hin, dass es sich in der damaligen ägyptischen Kultur um ein relativ randständiges Phänomen handelte.“ Der Vortrag trug den Titel „Prophetische und apokalyptische Texte aus dem späten Ägypten“.

„Zukunftsvisionen zwischen Apokalypse und Utopie“

Plakat der Ringvorlesung

Plakat

© fuyu liu, Shutterstock.com

Die neue Ringvorlesung, die das Habilitandenkolleg des Forschungsverbunds organisiert, widmet sich der Geschichte apokalyptischen und utopischen Denkens von der Antike bis heute und untersucht, wie religiöse und politische Elemente in Zukunftsvisionen verwoben sind. Die Themen der Vorträge reichen von geschichtsphilosophischen Zukunftsentwürfen über Richard Wagners „Kunstwerk der Zukunft“ bis zum utopischen Frauenbild spanischer Faschistinnen. Auch Kino-Erzählungen wie „Avatar“ und „Cloud Atlas“ werden unter die Lupe genommen. In der Ringvorlesung kommen Vertreter verschiedener Fächer zu Wort: aus der Geschichts-, Rechts- und Politikwissenschaft, Philosophie, Theologie, Archäologie, Ägyptologie und Musikwissenschaft.

Die Vorträge sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 in Münster zu hören. Den nächsten Vortrag am 4. November hält die Archäologin Prof. Dr. Rubina Raja aus Aarhus, Dänemark, zum Thema „Zukunftsvisionen im Grab. Grabporträts und Gesellschaft in Palmyra“. (han/vvm)


Ringvorlesung „Zukunftsvisionen zwischen Apokalypse und Utopie“

Wintersemester 2014/2015
dienstags 18.15 bis 19.45 Uhr
Hörsaal F2 im Fürstenberghaus
Domplatz 20-22
48143 Münster