Ausstellung „Haut ab!“ über rituelle Beschneidung

Historiker und Theologe Dr. Thomas Lentes an Projekt im Jüdischen Museum Berlin beteiligt

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Dr. Thomas Lentes

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An der Entstehung der neuen Ausstellung „Haut ab! Haltungen zur rituellen Beschneidung“ im Jüdischen Museum Berlin war der Historiker und Theologe Dr. Thomas Lentes vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ beteiligt. Er beriet die Kuratorinnen der Ausstellung insbesondere zur Kulturgeschichte der Beschneidung und ihrer christlichen Rezeption. Der mehrdeutige Titel der Schau bezieht sich, wie das Museum mitteilte, einerseits auf den Akt der Knabenbeschneidung, und spielt andererseits auf die Kontroverse um die Erlaubtheit der Beschneidung aus dem Jahr 2012 an, bei der manche Juden und Muslime befürchtet hätten, mit ihrer religiösen Tradition in Deutschland nicht erwünscht zu sein. Anders als die politische Debatte stellt die Ausstellung die religiösen und kulturhistorischen Hintergründe dieses jahrtausendealten Rituals im Judentum, im Islam sowie dessen Rezeption im Christentum in den Mittelpunkt. Sie ist bis zum 1. März 2015 im Jüdischen Museum Berlin zu sehen.

Thomas Lentes hat im Ausstellungskatalog, der unter dem Titel „Haut ab! Haltungen zur rituellen Beschneidung“ im Wallstein Verlag erschienen ist, einen Essay zum Thema „Der hermeneutische Schnitt. Die Beschneidung im Christentum“ verfasst. Im Rahmenprogramm zur Ausstellung hält er am 8. Januar 2015 einen Vortrag zur Ikonographie der Beschneidung im Christentum. „Die Beschneidung Christi ist der bleibende jüdische Schnitt im christlichen Körper“, erläutert Lentes. Entsprechend habe das Christentum sich auf vielfältige Weise mit der Beschneidung auseinandersetzen müssen. „Nicht nur musste sich die Bibelexegese zum Beschneidungsgebot der hebräischen Bibel verhalten, sondern auch Jesus selbst galt ja nach dem Lukas-Evangelium als beschnitten. Bis ins 20. Jahrhundert wurde entsprechend am 1. Januar das Fest der Beschneidung Christi liturgisch begangen.“

Insgesamt verhandele das Christentum an der Beschneidung das Verhältnis von Kontinuität und Bruch, Identität und Differenz nicht nur zwischen Judentum und Christentum, sondern auch zwischen Orthodoxie und Heterodoxie, Rechtgläubigkeit und Häresie, so Lentes. Der Theologe hat viel über Körpermarkierungen wie Tätowierung und Beschneidung und deren religiöse Bedeutung geforscht. Am Exzellenzcluster ist er im Projekt B2-10 Das Himmlische Jerusalem als religiös-politischer Imaginationsraum tätig.

Anlass für die Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin war die Kontroverse, die das Kölner Landgericht im Mai 2012 mit dem Urteil über die rituelle Beschneidung von Jungen auslöste und die als „Beschneidungsdebatte“ bezeichnet wird. Das Recht auf freie Religionsausübung wurde mit dem Recht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes konfrontiert, wie das Museum erläutert. In der Ausstellung würden neue Perspektiven auf das Ritual aus jüdischer, islamischer und christlicher Sicht „weit über die Bescheidungsdebatte hinaus“ gezeigt. Sie liefert Einblicke über Fakten zur religiösen und kulturhistorischen Bedeutung der Beschneidung und stellt das breite Spektrum des Themas von den Wurzeln des Rituals bis zur Popkultur im US-Fernsehen dar.

„Ich wünsche mir von der Ausstellung ein tieferes Verständnis für die Bedeutung der rituellen Beschneidung von Jungen und dass ohne Ressentiments über Beschneidung gesprochen werden kann“, sagte die Programmdirektorin des Jüdischen Museums Berlin, Cilly Kugelmann, zur Ausstellungseröffnung.

Die Ausstellung will die Debatte von 2012 nicht aufnehmen und weiterführen. Vielmehr geben mehr als 60 Objekte und Kunstwerke aus internationalen Sammlungen Einblick in die Hintergründe des Rituals und die theologische Bedeutung. Die Schau spart dabei ressentimentgeleitete Haltungen nicht aus und konfrontiert die Besucher mit dem westlich-aufgeklärten Blick der Europäer auf beschneidende Gesellschaften. Im Entree zeigt eine Weltkarte der World Health Organisation, dass ein Drittel der männlichen Weltbevölkerung aus unterschiedlichen Gründen beschnitten ist. (Jüdisches Museum/han/vvm)