Glaube an einen apokalyptischen Kreuzzug

Historiker Rubenstein über Nebukadnezars Traum in der Geschichtsschreibung der Kreuzfahrer

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Prof. Dr. Jay Rubenstein

© bhe

Über prophetisches Denken im Mittelalter hat der Historiker Prof. Dr. Jay Rubenstein von der US-amerikanischen University of Tennessee in der öffentlichen Ringvorlesung „Zukunftsvisionen zwischen Apokalypse und Utopie“ des Exzellenzclusters gesprochen. Der Wissenschaftler legte dar, wie der Traum des babylonischen Königs Nebukadnezar aus dem zweiten Buch Daniel der Bibel das apokalyptische Selbstverständnis der Kreuzfahrer und später die Geschichtsschreibung der Kreuzzüge beeinflusste. Der Forscher zeigte dies am Beispiel der Enzyklopädie „Liber Floridus“ aus dem Jahr 1120, in der der französische Gelehrte Lambert de Saint-Omer (um 1060-1125) den Kreuzzug beschrieb. „Die Eroberung Jerusalems durch die ersten Kreuzfahrer im Jahr 1099 hat das Verständnis vom Ende der Welt geprägt, das sich in solchen zeitgenössischen Berichten über den Kreuzzug findet“, so der Historiker. Nach dem Verständnis der Zeitgenossen ging 1099 ein christliches Zeitalter zu Ende, und ein Prozess der Apokalypse, nach damaliger Vorstellung eine Entwicklung zum Guten, wurde in Gang gesetzt. Der englischsprachige Vortrag trug den Titel „Nebuchadnezzar’s Dream: Apocalypse, History, and the First Crusade“ („Nebukadnezars Traum: Apokalypse, Geschichte und der Erste Kreuzzug“).

„Nebukadnezar sah in seinem berühmten Traum laut biblischer Überlieferung eine Statue aus Gold, Silber, Bronze und Eisen und auf tönernen Füßen“, erläuterte Prof. Rubenstein. „Die Statue stürzte zu Boden, als ein Stein ihre empfindlichen Füße traf.“ Im ursprünglichen Kontext symbolisierten die vier Metalle die großen irdischen Reiche Babylon, Medien, Persien und das Seleukidenreich, die Gott zerstören und durch sein eigenes Reich ersetzen würde, wie der Forscher darlegte. „Das Buch Daniel interpretiert den Traum als Zerschlagung der seleukidischen Monarchie und die anschließende Wiederherstellung eines unabhängigen jüdischen Königreiches in Jerusalem.“ Die jüngere, christliche Interpretation sah dem Wissenschaftler zufolge im vierten Königreich jedoch kein griechisches, sondern ein römisches Reich, das bis zur Wiederkunft Jesu andauern sollte.

Die Prophezeiung der vier Reiche verschmolz schließlich mit der Legende des Antichristen, nach der er das Römische Reich im Kampf um Jerusalem zerstören würde, wie der Historiker darlegte. Im 11. Jahrhundert herrschte die Erwartung vor, dass mit dem Krieg um Jerusalem die letzten Tage anbrechen würden. Damit verband sich die Hoffnung, dass Jerusalem als Zentrum eines neuen christlichen Reichs die bisherige christliche Führungsmacht Rom ablösen werde.

„Ein christliches Königreich in Jerusalem schien in dieses Muster zu passen, wie die Werke des Schriftstellers Lambert de Saint-Omer aus dem frühen 12. Jahrhundert zeigen“, sagte Prof. Rubenstein. Lambert sei für sein „Liber Floridus“ in diesem Punkt wahrscheinlich weniger von einem genauen Studium der Bibel inspiriert worden als durch eine Predigt des Kreuzfahrers Bohemund von Tarent (1051/52-1111) in Saint-Omer. Bohemund setzte die Taten der Kreuzritter darin ebenfalls in Bezug zu Nebukadnezars Traum. „Das legt nahe, dass der Glaube an einen apokalyptischen Kreuzzug bereits mit den Kreuzfahrern selbst begann und nicht erst mit der Rezeption der Kreuzzüge“, erläuterte der Wissenschaftler.

„Zukunftsvisionen zwischen Apokalypse und Utopie“

Plakat der Ringvorlesung „Zukunftsvisionen zwischen Apokalypse und Utopie“

Plakat

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In der Ringvorlesung, die das Habilitandenkolleg des Forschungsverbunds organisiert, kommen Vertreter verschiedener Fächer zu Wort: aus der Geschichts-, Rechts- und Politikwissenschaft, Germanistik, Philosophie, Theologie, Archäologie, Ägyptologie und Musikwissenschaft. Die Reihe widmet sich der Geschichte apokalyptischen und utopischen Denkens von der Antike bis heute und untersucht, wie religiöse und politische Elemente in Zukunftsvisionen verwoben sind. Den nächsten Vortrag am 18. November hält der Historiker Prof. Dr. Matthias Riedl von der Central European University Budapest (CEU) zum Thema „Die Welt als Kloster – Joachim von Fiore und sein Verfassungsentwurf für die zukünftige Menschheit“. Die Vorträge sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 in Münster zu hören. (bhe/vvm)


Ringvorlesung „Zukunftsvisionen zwischen Apokalypse und Utopie“

Wintersemester 2014/2015
dienstags 18.15 bis 19.45 Uhr
Hörsaal F2 im Fürstenberghaus
Domplatz 20-22
48143 Münster