Zwischen Fakten und Fiktionen

Neuer Band zum Verhältnis von Literatur und Geschichtsschreibung in der Vormoderne

Buchcover „Zwischen Fakten und Fiktionen“

Buchcover

© Ergon-Verlag

Mit dem Verhältnis von Fakten und Fiktionen in Literatur und Geschichtsschreibung in der Vormoderne beschäftigt sich ein neuer Sammelband aus dem Exzellenzcluster. Herausgeber des Buches „Zwischen Fakten und Fiktionen“ sind die Historiker Merle Marie Schütte und Daniel Lizius und die Germanistin Kristina Rzehak, die der Graduiertenschule des Forschungsverbundes in der ersten Förderphase bis 2012 angehörten. Die Autoren des Bandes untersuchen Fiktionalität in Texten von der Antike bis zur Frühen Neuzeit. Das Buch fasst Erkenntnisse eines gleichnamigen Workshops am Exzellenzcluster aus dem Jahr 2011 zusammen und ist als zehnter Band der Reihe „Religion und Politik“ im Würzburger Ergon-Verlag erschienen, die der Exzellenzcluster herausgibt.

„Die verschiedenen Auffassungen über das Verhältnis von Fakten und Fiktionen haben in der Forschung zahlreiche und langanhaltende Kontroversen ausgelöst“, erläutern die Herausgeber. „Was ist Tatsache und was ist erfunden? Diese Frage stellt sich für alle Textsorten von der Antike bis heute.“ In dem Sammelband stellen Vertreter unterschiedlicher Fächer ihre Konzepte zur Fiktionalitätsproblematik vor. Das Buch leiste damit einen Beitrag zu fächerübergreifenden Erkenntnissen über die Funktionen von Texten in ihren jeweiligen gesellschaftlichen Bereichen, so die Herausgeber. Als Ausgangspunkt dient der Befund, dass Leser in der Zeit vor der Entstehung eines unabhängigen Literatursystems im 18. Jahrhundert Erfundenes, also Fiktionen, in Texten noch nicht durchgängig als solche wahrgenommen haben, wie die Wissenschaftler darlegen. Die Grenzen des literarischen Sprechens seien anders als heute gegenüber weiteren Typen fingierender Rede noch nicht klar umrissen gewesen, und „das Verhältnis zwischen Wahrheitsanspruch und Fiktionalitätsbewusstsein war ein abgestuftes“. Für den heutigen Historiker bedeute dies, vormoderne Geschichtsschreibung als Konstruktion zu begreifen, die von soziokulturellen Gegebenheiten beeinflusst worden und aufgrund ihrer narrativen Struktur auch als „Erzählung“ aufzufassen sei. Zudem ermögliche die Reflexion über das historische Verhältnis von Fakten und Fiktionen, auch literarische Texte nutzbar machen zu können.

Acht der 14 Beiträge stammen von Wissenschaftlern des Exzellenzclusters „Religion und Politik“. Mittelalter-Historiker Prof. Dr. Gerd Althoff schreibt über die Frage, was Mittelalter-Historiker unter einer Fiktion verstehen. Frühneuzeit-Historikerin Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rilinger befasst sich in ihrem Beitrag mit intertextuellen Verbindungen zwischen fiktionaler und gelehrter Literatur im 16. und 17. Jahrhundert. (Ergon-Verlag/bhe/vvm)

Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort
  • Martin Clauss: Wenn 6.000 gegen 60.000 triumphieren. Überlegungen zu Zahlenangaben in der mittelalterlichen Historiographie am Beispiel der Gesta Henrici Quinti
  • Raphael Kuch: Zwischen Faktizität und narrativer Funktion. Die Frauenfiguren der taciteischen Historiographie
  • David Crispin: Mahnende Heilige, ein martialischer Gott und die Sorgen einer Mutter. Religiöse Kontextualisierung von Krieg und Gewalt in den Augenzeugenberichten des Ersten Kreuzzugs
  • Martin Marko Vučetić: Von spottenden Prostituierten und lachenden Herrschern. Zu zwei rhetorischen Motiven in der byzantinischen Historiographie
  • Merle Marie Schütte: Sitzen – Stehen – Schweigen – Sprechen: Hochmittelalterliche Beratungen im Spannungsfeld von Narration und Herrschaftspraxis
  • Barbara Stollberg-Rilinger: Der würfelnde Richter. Intertextuelle Verbindungen zwischen fiktionaler und gelehrter Literatur im 16. und 17. Jahrhundert
  • Gerd Althoff: Was verstehen Mittelalter-Historiker eigentlich unter einer Fiktion?
  • Klaus Brand: Theoretische und methodische Überlegungen zur Konzeption von Fakten und Fiktionen zwischen Wissenschaft und Literatur
  • Fritz Peter Knapp: Historizität und Fiktionalität in narrativen Texten des Mittelalters eine historische Standortbestimmung der Intention der Autoren
  • Mathias Herweg: Fiktionalität und enzyklopädisches Schreiben. Versuch einer Standortbestimmung
  • Jan-Dirk Müller: Die Freiheit der Fiktion
  • Ute Nanz: Drei, zwei oder eins? Zum Einfluss textkritischer Vorannahmen auf die Wahrnehmung frühmittelhochdeutscher Wahrheitsdimensionen (untersucht an f. 98v-108v der Vorauer Handschrift 276)
  • Kristina Rzehak: Baburs Selbststilisierung als (mystisch) Liebender im Baburnama
  • Steffen Patzold: Zusammenfassung
  • Abkürzungen für Zeitschriften, Serien, Lexika und Quellenwerke

Hinweis: Schütte, Merle Marie/ Rzehak, Kristina/ Lizius, Daniel (Hgg.): Zwischen Fakten und Fiktionen. Literatur und Geschichtsschreibung in der Vormoderne (Religion und Politik, Bd. 10), Würzburg: Ergon-Verlag 2014. 292 Seiten, ISBN 978-3-95650-063-3, 44 Euro.

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