Übersetzung als literarische Arbeit am Begriff

Neues Buch über den Poe-Übersetzer Charles Baudelaire

Buchcover „Ästhetische Differenz“

Buchcover

© Verlag Wilhelm Fink

Mit dem französischen Dichter und Kritiker Charles Baudelaire als Übersetzer Edgar Allan Poes beschäftigt sich ein neues Buch des Romanisten Dr. Karl Philipp Ellerbrock. Die Dissertationsschrift, die am Exzellenzcluster entstand, ist unter dem Titel „Ästhetische Differenz. Zur Originalität von Baudelaires Poe-Übersetzungen“ im Verlag Wilhelm Fink erschienen. Darin untersucht der Autor die Übersetzungspraxis Baudelaires und seine Inszenierung des US-amerikanischen Schriftstellers Poe als „grand homme“. Die Studie analysiert Baudelaires Übersetzungen erstmals in ihrem literatur- und kulturgeschichtlichen Kontext.

Anders als in der Forschung bislang angenommen, bleibe Baudelaire – entgegen seiner Selbstdarstellung als romantischer Übersetzertypus – nicht dem Wortlaut des Originals verpflichtet. Wie Ellerbrock in seiner Studie erläutert, schreibe Baudelaire Poes „Tales“ (Erzählungen) vielmehr minimale Differenzen ein, um ein Spannungsverhältnis zwischen der englischen und der französischen Fassung zu erzeugen. Die Übersetzung strebe nicht mehr Identität zum Original an, sondern vielmehr Differenz, so der Romanist.

Diese „genuin moderne Konzeption der literarischen Übersetzung“ sei in der Forschung bislang nicht erkannt worden. Programmatisch tritt sie Ellerbrock zufolge in Baudelaires Übersetzung von Poes Novelle The Murders in the Rue Morgue (Die Morde in der Rue Morgue) ans Licht. Darin löst der Amateurdetektiv Dupin ein scheinbar unlösbares Verbrechen: Ein Orang-Utan soll zwei Pariser Frauen ermordet haben. Im Laufe der Erzählung offenbart sich dem Leser jedoch die Unwahrscheinlichkeit des rekonstruierten Tathergangs: „Im Hinweis auf die Unzuverlässigkeit von Dupins ‚Lösung‘ stellt Poe einen psychologischen Mechanismus – die Projektion des Bösen vom und durch den Menschen auf das Tier – als kreative Leistung aus“, schreibt Ellerbrock. Der Affe verweise auf eine Funktion menschlicher Kreativität, das Böse mit sprachlichen Mitteln zu verstellen und gesellschaftsfähig zu machen.

„Die Differenzen, die Baudelaire seiner Übersetzung gegenüber der Vorlage einschreibt, lenken als Unzuverlässigkeitssignale die Aufmerksamkeit des kritischen Lesers auf diese neue, figurale Bedeutungsebene des Textes“, erläutert Ellerbrock in seinem Buch. Auf diese Weise gelinge es Baudelaire, das Böse im Medium der literarischen Übersetzung auf innovative Weise zu reflektieren.

Der philologische Befund, nach dem die Übersetzung das Original überschreitet, lege eine differenzierte Reflexion über religiöse und politische Konzepte offen, die Baudelaire mit Blick auf ihre Gültigkeit im bürgerlichen Zeitalter befrage. „War der Übersetzer im höfischen Frankreich auf die christlichen Tugenden der humilitas und devotio – etwa gegenüber dem Monarchen als Mäzen, aber auch gegenüber dem übersetzten Text selbst – verpflichtet, erfahren diese Konzepte bei Baudelaire eine Auflösung“, so Ellerbrock. Die übersetzerische Arbeit am Begriff schließe auch die ‚Pantheonisierung‘ als prominenten Diskurs des 18. Jahrhunderts ein. Poe werde von Baudelaire nicht als „grand homme“ gefeiert, weil er in seinen Werken die menschliche Perfektibilität unter Beweis stellen würde – seine Größe liegt Baudelaire zufolge gerade darin, die „natürliche Bösartigkeit des Menschen“ erkannt und in ihren sprachlichen Mechanismen zur Darstellung gebracht zu haben.

Die Dissertation entstand am Exzellenzcluster im Rahmen des Projektes B2 Figuren der Distinktion. Autorschaft im nachrevolutionären Frankreich unter der Leitung von Romanistin Prof. Dr. Karin Westerwelle. (Verlag Wilhelm Fink/mit/han)

Aus dem Inhaltsverzeichnis

  • Der Dämon der Übersetzung
  • Übersetzung und Porträt. Bilder des Autors bei Baudelaire und Manet
  • Engelsstürze. Übersetzte Revolution bei Delille und Chateaubriand
  • Kühne Wörtlichkeit. Baudelaires Übersetzungen im Spiegel der Literaturkritik
  • Poe im Pantheon. Zur Erfindung von grandeur in den Übersetzervorreden
  • Dévotion und enthousiasme. Autorschaft in den Widmungen an Maria Clemm
  • Übersetzung und Imagination. Double assassinat dans la rue Morgue
  • Bibliographie
  • Abbildungsverzeichnis
  • Register

Hinweis: Ellerbrock, Karl Philipp: Ästhetische Differenz. Zur Originalität von Baudelaires Poe-Übersetzungen, Paderborn: Wilhelm Fink 2014, 244 Seiten, ISBN: 978-3-7705-5654-0, 44,90 Euro.

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