(B2) Figuren der Distinktion. Autorschaft im nachrevolutionären Frankreich
Dichtern und ihren Werken kommt traditionell eine besondere Stellung im öffentlich-gesellschaftlichen Raum zu. Unter dem Einfluss der Musen oder göttlicher Inspiration partizipiert der Dichter an der Dignität und Autorität übermenschlicher Werte; im Anspruch, memoria zu stiften, stellt das Werk sich in eine überzeitliche, dem hic et nunc politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse entzogene Dauer und adelt auch darin den Urheber. Bilder und Figuren des Autors als Urheber, wie sie in literarischen Texten, in illustrierenden Miniaturen, auf Titelblättern oder in Malerei und Bildhauerkunst erscheinen, vermitteln zwischen dem literarischen Werk und gesellschaftlicher Welt.
Zu den prägenden Mustern der bildlichen und thematischen Darstellung des Autors gehören der Rückgriff auf religiöse Vorstellungsmuster und die Situierung im gesellschaftspolitischen Raum. Für die mittelalterliche Literatur gibt Dante ein eindrückliches Beispiel: Dante stellt sich als Autor in die unmittelbare Gefolgschaft des inspirierend-einhauchenden Prinzips Amor. Er leitet sein Sprechen aus einem göttlichen Grund her und reklamiert damit zugleich gegenüber der alten Dichtergeneration eine neue Lyrik für sich, den dolce stil nuovo. Diese Ableitung steht ebenso wie der Entwurf der Beatrice-Figur als Heilsbringerin (in der Vita nuova) und die exponierte Stellung einer weiblichen Leserschaft der theologisch-scholastischen Abwertung weltlicher Literatur entgegen und fordert die Auseinandersetzung mit theologischen und philosophischen Theorien der Repräsentation des Göttlichen in Bild und Text heraus. Ebenso bewusst ist eine gesellschaftspolitisch definierte Hierarchie in Frage gestellt, wenn sich die Sprecher der mittelalterlichen Lyrik einer geistig begründeten „gentilezza“ (Aristokratie) zuordnen, die der geburtsrechtlichen Aristokratie und der Vorrangstellung ihrer Werte und Normen widerspricht.
Gegenstand des Projektes sind die Transformationen von Autorschaft in der Moderne, d.h. in der Literatur des 19. Jahrhunderts in Frankreich, wobei literarische und historische Traditionen in einem rezeptionsgeschichtlichen Ansatz berücksichtigt werden sollen. Das Projekt macht es sich zur Aufgabe – nach der Neustrukturierung von Öffentlichkeit in der Aufklärung und dem hohen gesellschaftlichen Prestige des literarischen Autors als homme illustre (vgl. Jean-Claude Bonnet) – die besondere Inanspruchnahme einer Autorenmaske im Spannungsfeld von gesellschaftlicher Öffentlichkeit und souveräner Setzung des Autors (auch in der rhetorischen Maskerade) zu erfassen. Das Projekt hat den Anspruch, die aktuelle Forschungslage von Fragen der Autorschaft zu differenzieren. In der strukturalistischen Wissenschaftsphase und in der „nouvelle théorie“ seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts waren biographische Ansätze zugunsten eines nichtmimetischen Verhältnisses von Lebenswelt und Sprache in Frage gestellt worden. Wissenschaftsgeschichtlich ist zu betonen, dass die biographischen und literaturgeschichtlichen Ansätze auf Sainte-Beuve und sein Prinzip des „l’homme et l’oeuvre“ zurückgreifen. Ebenso ist aber hervorzuheben, dass auch die theoretischen Ansätze aus der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts abgeleitet wurden: Roland Barthes und Michel Foucault beziehen sich z.B. für das Verschwinden der Sprecherinstanz auf die Romanliteratur eines Flaubert oder auf die Dichtung eines Mallarmé und Paul Valéry, um die Referenz auf innerpsychisches Autorenbewusstsein zu kappen. Marcel Proust hat in seiner kritischen Auseinandersetzung mit Sainte-Beuve gegen dessen Konstrukt einer genuinen Verbindung von sozialem und kreativem Ich die autonome geistige Tätigkeit gesetzt. Für die Ausbildung der genannten Theorien hat die Literatur des 19. Jahrhunderts mit ihren Autorschaftskonzepten folglich eine zentrale Funktion.
Versucht man, die Autorenpositionen des nachrevolutionären romantischen Feldes einzuordnen, so treten auf der einen Seite die Verkünder- und Prophetenfiguren (vgl. Alfred de Vigny, Victor Hugo) hervor, die in religiöser Selbstrepräsentation einen politischen fortschrittsbestimmten Auftrag verantworten; auf der anderen Seite erscheinen Einsamkeits- und Ausgrenzungsfiguren des Autors, der seinen gesellschaftlichen Rückzug gleichwohl in religiösen Begriffen und Bildern beschreibt und sich z.B. nuancierend von christlichen Modellfiguren absetzt (vgl. exemplarisch Delacroix’ Tasso oder auch das Gemälde Le Christ au jardin des Oliviers, an dessen Topos thematisch Gedichte von A. de Vigny, Gérard de Nerval und Charles Baudelaire anschließen). In der Literatur nach 1850, bei Gustave Flaubert und bei Charles Baudelaire, werden die religiös überhöhten Rückzugsfiguren neu ausgefaltet und ihrer alten Semantik entkleidet. Der Autor erscheint als moderner Heiliger, dessen Typus Flaubert in seiner Correspondance in der Rolle des Heiligen Polykarp annimmt oder in der Tentation de saint Antoine als den Visionen und Auslegungen der Religionsgeschichte produzierenden Heiligen Antonius inszeniert und darin zumindest partiell mit der Autorfigur überblendet. In La Légende de Saint Julien l’hospitalier (in den Trois contes) präsentiert sich die Autorfigur als Hermeneut der Heilsgeschichte. Baudelaire konzipiert den sich einem pseudo-religiösen Ritual unterwerfenden Dandy als Auslegungsfigur des sich von der Gesellschaft distinguierenden Autors und die am Rande der Gesellschaft stehende christomorphe Figur des Saltimbanque, des Gauklers. Beide Figuren situieren sich abseits normativer gesellschaftlicher Kommunikations- und Verstehensformen. Baudelaire reflektiert die Autorfigur in ihrem Verlust der christologischen Zeichen und den ideologischen Missbrauch dieser Insignien im Prosagedicht „Perte d’auréole“ (Spleen de Paris). Im Kontext der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Politisierung und Sentimentalisierung von Kunst ist zu zeigen, auf welche Weise Autoren des 19. Jahrhunderts religiöse Formen inszenieren und darin keinen religiös strukturierten oder öffentlich gesellschaftspolitischen Raum ausbilden, sondern den Eigenraum des Ästhetischen begründen. Im Kontrast zur bloß biographischen Erfassung und zu den stereotyp physiognomischen Autorschaftsbildern, die als sentimentale Projektionen zirkulieren oder als religiös-prophetische Typen entworfen werden, sollen auch im Rückgriff auf die klassische Repräsentation und die zentrale Stellung des Helden jene neuen Figuren des Außenseitertums erfasst und analysiert werden, die auf einen grundlegenden Repräsentationsverlust von Kunst und Autorschaft im öffentlichen Raum hinweisen: Dazu gehören der Dandy, der Clown und Saltimbanque oder die moderne städtische Autorfigur in der Maske der Anonymität. Von besonderem Interesse für die Erforschung des 19. Jahrhunderts ist die Verbindung von Literatur und Kunst, d.h. die Analyse der Darstellung von Literaten, Autoren und Dichtern auf Gemälden, Stichen und Karikaturen (Delacroix, Manet, Daumier). Die Darstellung der weiblichen Autoren soll dabei berücksichtigt werden.
Ein Teilprojekt beschäftigt sich mit der Figur des Autors als Übersetzer, im speziellen mit Charles Baudelaire als unzuverlässigem Übersetzer von Edgar Allan Poe. Seiner umfassenden, heute kanonischen Übersetzung hat der Dichter und Literaturkritiker Charles Baudelaire eine Reihe von literaturkritischen Texten zur Seite gestellt, die den amerikanischen Schriftsteller posthum feiern und Poe der literarischen Öffentlichkeit vorstellen. Das besondere Verhältnis von stereotyper Rezeption des Autors als skandalöser Randfigur von Öffentlichkeit und der Entwurf eines neuen geistigen Raumes des Unsichtbaren, der jenseits der erstickenden Atmosphäre eines selbstverliebten und materialistischen Kontinents in der Welt der Imagination liegt, soll im Kontext der Autorenbilder des 19. Jahrhunderts und der Übersetzungsleistung Baudelaires herausgestellt werden. Leitend ist dabei die Frage, in welcher Weise Baudelaire die panegyrische Tradition instrumentalisiert, um den Übersetzungen eine Struktur doppelter Autorschaft einzuschreiben, die in Form einer impliziten Literaturkritik ein angemessenes, erkenntnisorientiertes Sprechen über Poes literarische Leistung erst ermöglicht.
Leitung
Prof. Dr. Karin WesterwelleRomanisches Seminar
Französische und Italienische Abteilung
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