Literarische Säkularisierung

Sammelband über das Ästhetische und Religiöse in Texten des Mittelalters

Buchcover „Literarische Säkularisierung im Mittelalter“

Buchcover

© de Gruyter

Säkularisierende Tendenzen in verschiedenen Textgattungen des Mittelalters behandelt ein neuer Sammelband, den der Germanist Prof. Dr. Bruno Quast vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ mitherausgegeben hat. Das Buch fragt nach der historischen Signatur literarischer Säkularisierungsphänomene zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert, wie der Herausgeber erläutert. Die Publikation mit dem Titel „Literarische Säkularisierung im Mittelalter“ aus dem Verlag de Gruyter entstand im Rahmen seines Projekts am Forschungsverbund B14 „Die Religion des höfischen Romans“. Zu den Autoren gehören auch Mittelalter-Historiker Prof. Dr. Gerd Althoff und Romanistin Prof. Dr. Karin Westerwelle vom Exzellenzcluster.

„Es geht um eine ,Säkularisierung‘ vor der ,Säkularisierung‘, in der die Gegensatzpaare ,transzendent-immanent‘ und ,heilig-profan‘ sowie ,geistlich-weltlich‘ noch nicht wie in der Neuzeit gegeneinander ausdifferenziert sind“, schreibt Prof. Quast in der Einleitung unter dem Titel „Perspektiven einer mediävistischen Säkularisierungsdebatte“. Er hat das Buch mit der Zürcher Germanistin Prof. Dr. Susanne Köbele herausgegeben. Die Publikation ist als vierter Band der Reihe „Literatur – Theorie – Geschichte“ erschienen und geht auf eine gleichnamige Tagung zurück, die 2011 mit Unterstützung der Thyssen-Stiftung im bayerischen Kloster Irsee stattfand.

In exemplarischen Analysen zeigen die 19 Beiträge, wie sich Ästhetisches und Religiöses in der Literatur des Mittelalters überschneiden, aber auch voneinander abgrenzen. Im Fokus stehen textuelle Säkularisierungsstrategien in unterschiedlichsten Textgattungen, dazu gehören narrative, figurative genauso wie spiritualitätsgeschichtlich und politisch relevante Strategien. Die untersuchten literarischen Formen reichen von Romanen und Mären über lyrische Gedichte bis hin zur Heldenepik und Mystik.

„Den Beiträgen des Sammelbandes gelingt es, die gegenwärtigen Debatten zum Thema ,Literarische Säkularisierung‘ historisch in eine neue Perspektive zu rücken“, so Prof. Quast. Der Beitrag des Germanisten Prof. Dr. Jan-Dirk Müller von der Universität München thematisiert etwa, inwiefern Gottfrieds von Straßburg Figur des Tristan als Gotteskrieger anzusehen sei, während die Germanistin Prof. Dr. Beate Kellner von der Universität München aufzeigt, wie es sich mit dem Spannungsfeld „heilig-profan“ bei Walther von der Vogelweide verhalte.

Drei Beiträge stammen von Autoren des Exzellenzclusters „Religion und Politik“. Prof. Althoff nähert sich in seiner Analyse der Frage einer mittelalterlichen ‚Säkularisierung‘ über das Konzept der libertas ecclesiae. Es beschreibt das Ziel der mittelalterlichen Kirchenreform (Investiturstreit) als den Versuch der Kirche, sich vom Einfluss der Laien zu befreien und die Herrschaft der Päpste über die ganze Christenheit zu sichern. Prof. Westerwelle behandelt in ihrem Beitrag die Farbe Grün in der säkularen Landschaftsdarstellung im Gedicht-Zyklus „Canzoniere“ des italienischen Dichters Petrarca. Mitherausgeber Prof. Quast thematisiert in seinem Beitrag Profanisierung als Voraussetzung von Epiphanie in Priester Wernhers mittelhochdeutscher Dichtung „Maria“, dem ersten volkssprachlichen Marienleben aus dem Jahr 1172. (de Gruyter/mit/ska)

Inhaltsverzeichnis

Susanne Köbele, Bruno Quast
Perspektiven einer mediävistischen Säkularisierungsdebatte. Zur Einführung

Mark Chinca
Der Horizont der Transzendenz. Zur poetologischen Funktion sakraler
Referenzen in den Erec-Romanen Chrétiens und Hartmanns

Jan-Dirk Müller
Gotteskrieger Tristan?

Albrecht Hausmann
Erzählen diesseits göttlicher Autorisierung: Tristan und Erec

Udo Friedrich
Topik und Rhetorik. Zu Säkularisierungstendenzen in der Kleinepik des
Strickers

Harald Haferland
Säkularisierung als Literarisierung von Glaubenselementen der Volkskultur.
Wiedergänger und Vampire in der Krone Heinrichs von dem Türlin und
im Märe von der Rittertreue bzw. im Märchen vom dankbaren Toten

Bernd Bastert
Schichtungen, Konsense, Konflikte. Mörderische Heilige, weltliche Konversen
und säkulare Wunder in deutschen Bearbeitungen französischer Heldenepik

Mireille Schnyder
Heidnisches Können in christlicher Kunst

Susanne Reichlin
Interferenzen und Asymmetrien. Zu einigen Kreuzliedstrophen Hartmanns
und Reinmars

Beate Kellner
Minne, Welt und Gottesdienst. Spannungen und Konflikte bei Walther von
der Vogelweide
 
Susanne Köbele
Frauenlobs Minne und Welt. Paradoxe Effekte literarischer Säkularisierung

Ute von Bloh
Spielerische Überschneidungen. Zur Zirkulation vielsagender Allusionen
in spätmittelalterlichen Kontrafakturen und Bildern

Karin Westerwelle
Grün als Farbe der Landschaft in Petrarcas Canzoniere

Bruno Quast
Differentielle Verkündigung. Säkularisierung als Effekt in Priester Wernhers
Maria

Aleksandra Prica
Das Stocken der Heilsgeschichte. Säkularisierungsdynamiken in der Literatur
aus dem Umfeld des Deutschen Ordens

Niklaus Largier
Säkularisierung? Mystische Kontemplation und ästhetisches Experiment

Gerd Althoff
Libertas ecclesiae oder Säkularisierung im Mittelalter

Rainer Warning
Arnulf Rainers Bibelübermalungen

Manuel Braun
Verdeckte Voraussetzungen oder: Versuch über die Grenzen der Hermeneutik. Einige Vorüberlegungen zur Erfassung ‚literarischer Säkularisierung‘

Hinweis: Köbele, Susanne/ Quast, Bruno (Hgg.): Literarische Säkularisierung im Mittelalter (Literatur – Theorie – Geschichte. Beiträge zu einer kulturwissenschaftlichen Mediävistik, Bd. 4), Berlin: de Gruyter 2014, 429 Seiten, ISBN 978-3-05-006515-1, 99,95 Euro.


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