„Was hier geschieht, ist aufregend in vielfacher Hinsicht“

Bundespräsident Joachim Gauck zu Gast / Besonderes Interesse am „Zentrum für Islamische Theologie“

Pressemitteilung der WWU vom 28. November 2013

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Bundespräsident Joachim Gauck (3.v.l.) mit Prof. Dr. Mouhanad Khorchide (v.l.), Rektorin Prof. Dr. Ursula Nelles, Daniela Schadt, Sylvia Löhrmann und Thomas Rachel

© WWU/ Peter Grewer

Bundespräsident Joachim Gauck hat die Westfälische Wilhelms-Universität Münster (WWU) und das Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) der WWU dazu beglückwünscht, mit der Etablierung der islamischen Theologie ein „wichtiges Kapitel deutscher Gegenwartsgeschichte“ mitzugestalten. „Was hier geschieht – in Münster und an einigen weiteren Orten in Deutschland –, das ist aufregend in vielfacher Hinsicht“, betonte das Staatsoberhaupt. „Es bedeutet Ankunft und Anerkennung, Zumutung und Zukunftsgestaltung.“

Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebenspartnerin Daniela Schadt waren einer Einladung von WWU-Rektorin Prof. Dr. Ursula Nelles zum Austausch über den interreligiösen Dialog gefolgt. In ihrer Begrüßung hob Ursula Nelles hervor, dass der akademische Austausch über den Islam und die islamische Theologie an der Universität Münster mit ihren großen christlichen Fakultäten und dem bundesweit einzigartigen Exzellenzcluster „Religion und Politik“ intensiv und erfolgreich praktiziert werde. Der Islam als „jüngstes Mitglied im Reigen der Religionen an der Universität“ müsse – wie in der Wissenschaft üblich – erkundet werden, bevor er kartografiert werden könne. In Anspielung auf die jüngsten Debatten in dem Themenkreis verwies die Rektorin auf das akademische Selbstverständnis, als Wissenschaftler auch „Pfadfinder“ zu sein und darin gleichermaßen Beruf und Berufung zu finden.

Der Bundespräsident unterstrich, dass die Verankerung der islamischen Theologie an deutschen Universitäten auch „ein Akt der Selbstverständigung“ und der Zukunftsgestaltung sei, ohne die kein Verständnis wachsen könne. Er würdigte den Mut aller Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und der Verantwortlichen an den Universitäten, sich möglichen Auseinandersetzungen zu stellen und „kritisch befragen“ zu lassen. Dabei lobte er den Ansatz von ZIT-Leiter Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, der sich am Wunsch vieler Studierenden ausrichte, einen Islam zu suchen, der nicht im Widerspruch zu den deutschen Anteilen ihrer Identität stehe. Mit Blick in die Zukunft würdigte er den Islam-Diskurs: „Diese größere Selbstverständlichkeit wirkt sich auf das Miteinander in unserem Land positiv aus.“ Für die weiteren Diskussionen empfahl er vor allem eines – Besonnenheit.

Rund 400 Gäste, darunter zahlreiche Studierende des ZIT, nahmen an der Veranstaltung in der Aula der Universität teil. Zuvor hatten sich Bundespräsident Joachim Gauck und Daniela Schadt an einem Fachgespräch beteiligt – mit mehreren Mitgliedern des WWU-Rektorats und des Exzellenzclusters, Repräsentanten von Bundes- und Landesministerien, der Mercator-Stiftung sowie Vertretern und Studierenden des ZIT. Zu den Gästen der Festveranstaltung zählten unter anderem die stellvertretende Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, Sylvia Löhrmann, der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, Thomas Rachel, Regierungspräsident Reinhard Klenke und Oberbürgermeister Markus Lewe.

Aber auch ein Repräsentant der wichtigsten akademischen Institution in der islamischen Welt war der Einladung an die WWU gefolgt. Prof. Dr. Mahmoud Azab, Chefberater des Großscheichs der Kairoer Al-Azhar Universität in Kairo, war eigens aus Somalia nach Münster gekommen – Bundespräsident Joachim Gauck nutzte die Gelegenheit und tauschte sich mit ihm nach der Veranstaltung aus. „Die Azhar-Institution begrüßt die theologisch fundierte Arbeit des ZIT mit Nachdruck – sie ist eine notwendige Bereicherung auch für die islamische Welt“, sagte Mahmoud Azab.

Nach seiner Ansprache verfolgte Bundespräsident Joachim Gauck mit Interesse eine Podiumsdiskussion zum Thema „Wozu Theologie? Der Mensch im Mittelpunkt der Religion“. Dr. Jutta Sperber (Evangelisch-Theologische Fakultät), Prof. Dr. Johannes Schnocks (Katholisch-Theologische Fakultät), der Religionssoziologe Prof. Dr. Detlef Pollack, die alle ebenso wie Prof. Khorchide dem Exzellenzcluster „Religion und Politik“ angehören, sowie die beiden ZIT-Vertreter Mouhanad Khorchide und Dr. Milad Karimi tauschten sich dabei über die Bedeutung der Etablierung der islamischen Theologie an deutschen Universitäten aus. Sie alle befürworteten den akademischen Austausch, der sich schon in wenigen Jahren als selbstverständlich und für die Gellschaft insgesamt als sehr hilfreich erweisen werde.

Bundespräsident Joachim Gauck und Daniela Schadt freuten sich auch über zwei Geschenke. Rektorin Ursula Nelles überreichte einen Originaldruck des Gemäldes „Aufruf zur Verteidigung der persönlichen Freiheit“ von Rudolf Hausner. Mouhanad Khorchide bedankte sich für den Besuch mit einer Kalligraphie, die den Begriff der Verantwortung symbolisiert. „Sie wissen offenbar, für wie wichtig ich Verantwortung halte – deswegen freue ich mich sehr“, betonte Joachim Gauck.

Das „Zentrum für Islamische Theologie“

Das „Zentrum für Islamische Theologie“ der Universität Münster wurde im Oktober 2012 offiziell eröffnet – Leiter ist Prof. Dr. Mouhanad Khorchide. Auf Empfehlung des Wissenschaftsrats hatte das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Herbst 2010 die Förderung von vier Zentren für Islamische Theologie an deutschen Universitäten beschlossen: Nürnberg/Erlangen, Frankfurt/Gießen, Tübingen und Münster/Osnabrück.

Das ZIT koordiniert auch das bundesweit tätige, von der Stiftung Mercator geförderte Graduiertenkolleg für Islamische Theologie, um die Etablierung der islamischen Theologie auf hohem akademischem Niveau voranzutreiben. Das Interesse am ZIT hat unter den Studierenden stark zugenommen. Zum Wintersemester 2013/14 bewarben sich rund 1000 Interessenten für die rund 260 neuen Studienplätze am ZIT. Derzeit sind 400 Studierende am ZIT eingeschrieben.

Die Vielfalt des Islams abdecken, Menschen dazu befähigen, sich mit ihrer Religion auseinanderzusetzen, und der Gesellschaft zeigen, welche Bereicherung der Islam für Deutschland darstellen kann – vor allem diesen Zielen fühlt sich das ZIT verpflichtet. „Forschung und Lehre werden bei uns nicht im akademischen Elfenbeinturm betrieben. Eine rege und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Vertretern der muslimischen Gemeinschaft und die Verankerung in den Moschee-Gemeinden in Deutschland sind unerlässlich“, betont Prof. Dr. Mouhanad Khorchide. Das ZIT steht für einen akademischen und verantwortungsvollen Umgang mit der Religion – das ZIT versteht sich als Brückenbauer zwischen Tradition und Gegenwart. (upm)