„Missverständnisse über den Orient aufklären“

Zum größten Deutschen Orientalistentag werden 1.000 Teilnehmer in Münster erwartet

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Prof. Dr. Reinhard Emmerich und Prof. Dr. Thomas Bauer im Interview zum 32. Deutschen Orientalistentag

© han

Mehr als 1.000 Orientforscher aus dem In- und Ausland werden zum größten Deutschen Orientalistentag (DOT) Mitte September an der Universität Münster erwartet. In gut 900 Vorträgen und 80 Panels präsentieren die Wissenschaftler neue Forschungsergebnisse über Kulturen in Asien, Afrika und in arabischen Regionen. „Das Spektrum reicht von der Grundlagenforschung bis zu Gegenwartsthemen wie den Arabischen Revolutionen, der Politik Irans, islamischen Umweltbewegungen oder Chinesen in multinationalen Unternehmen“, erläutert Sinologe Prof. Dr. Reinhard Emmerich, Leiter des DOT-Komitees. Das hiesige Orient-Bild sei stark von Stereotypen geprägt, fügt Arabist Prof. Dr. Thomas Bauer hinzu. So herrschten Ideen vom „intoleranten Islam, geschichtslosen Afrika oder bösen China“ vor. Der DOT könne dazu beitragen, Missverständnisse aufzuklären.

Die Deutsche Morgenländische Gesellschaft (DMG) richtet den 32. DOT vom 23. bis 27. September an der Universität Münster aus. Ziel ist der fachliche und interdisziplinäre Austausch erfahrener und junger Orientforscher aus aller Welt. Das Programm der Konferenz ist so umfassend wie bei keinem DOT zuvor. Am stärksten sind die Sektionen Indologie, Islamkunde sowie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, gefolgt von Sinologie, Iranistik, Turkologie und Arabistik. Unter den Rednern sind hochkarätige Gäste wie der Sinologe Prof. Dr. Wilt Idema und der Osmanist Prof. Dr. Cemal Kafadar aus Harvard, Byzantinist Prof. Dr. Hugh Kennedy aus London, Kunsthistoriker Prof. Dr. Robert Hillenbrand aus Edinburgh, der Freiburger Indologe Prof. Dr. Oskar von Hinüber und die Berliner Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Gudrun Krämer. Sie hält am 23. September den öffentlichen Abendvortrag zum Thema „Spannungsbögen: Islam, Säkularisierung und das säkulare Prinzip“. Geplant ist auch ein Rahmenprogramm mit Konzert und Ausstellung.

Austausch mit der asiatischen und arabischen Welt

„Wenn Europa sich mit China, Japan, Indien oder arabischen Ländern politisch und wirtschaftlich vertragen will, sollte es echten Respekt vor deren Kultur zeigen“, betont Prof. Emmerich im Interview der Universitätszeitung „wissen.leben“. Früher seien Geistesgrößen wie Bertolt Brecht oder Friedrich Rückert tief vom Orient beeinflusst gewesen. Heute fehle dies. Umso wichtiger sei die Förderung der Orientalistik an deutschen Hochschulen. „Aus der Kenntnis der Geschichte ziehen wir Rückschlüsse auf die Gegenwart. Die heutige Politik und Kultur in Asien oder im Nahen und Fernen Osten kann nur verstehen, wer sie durch die Brille dieser Kulturen betrachtet. Das ist dort nicht anders als bei uns.“

Wichtig sei daher auch der internationale Austausch, unterstreicht Prof. Bauer: „In der arabischen Welt werden die Geisteswissenschaften weniger gefördert als hier. Dennoch wird dort geforscht, und wir sind im Austausch. Internationalisierung gehört zu unserem Alltag.“ Prof. Emmerich: „In China, Japan und Taiwan genießen die Geisteswissenschaften ein sehr hohes Ansehen. Dass die Forschung aus politischen Gründen unmöglich wäre, stimmt nicht.“

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© WWU/ Marc Lücke und Anna Wassum

Indische Inschriften, koptische Dialekte

Ob indische Inschriften, koptische Dialekte oder buddhistische Polemiken: Auf dem Orientalistentag werden viele Ergebnisse der aktuellen Grundlagenforschung zu hören sein, wie die DOT-Vertreter erläutern. Disziplinen wie die Turkologie, Arabistik und islamische Theologie nähmen auch Standortbestimmungen ihres Faches vor. Der vor 20 Jahren begonnene Trend mancher orientalistischer Fächer, sich als Regionalwissenschaften für Länder zu verstehen, habe zugunsten der Philologie wieder abgenommen, so Prof. Emmerich. „Ohne Sprachwissenschaft könnte keines unserer Fächer seine Quellen verstehen. Wer die Verbreitung des Buddhismus in Asien untersucht, braucht Sanskrit, Tibetisch, Pali, Chinesisch. Das verlangt Disziplin und Frustrationstoleranz. Selbst der erfahrenste Forscher zieht oft das Lexikon zu Rate.“

Zum Gegenstand der Orientalistik gehören die ältesten Texte der Menschheit in Keilschrift und Hieroglyphen oder auch das Aramäische, das über 3.000 Jahre hinweg untersucht wird, wie Prof. Bauer erläutert. Hinzu komme Feldforschung zu mündlichen Dialekten oder ganz unbekannten Sprachen. „Wir wenden außerdem Methoden der Geschichts-, Rechts-, Politik- und Literaturwissenschaften an, zudem haben wir es mit fast allen Religionen zu tun: Buddhismus, Hinduismus, Shintoismus, Islam, orientalisches Christentum. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist entscheidend.“

Das Programm des DOT steht allen Interessierten gegen eine Tagungsgebühr offen. Förderer der Konferenz sind die Universität Münster, der Fachbereich Philologie, der Exzellenzcluster „Religion und Politik“ sowie Münster Marketing. (vvm)


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