Warum Obama zweimal schwört

Kurioses und Ernstes aus der Geschichte der Amtseinführungen der US-Präsidenten

Gastbeitrag-bungert

Prof. Dr. Heike Bungert

© Julia Holtkötter

Wenn Barack Obama am Sonntag den Amtseid schwört und tags darauf noch einmal, ist das nur ein Kuriosum von vielen in der Geschichte der Präsidenteneinführungen der USA: „Kennedys Nachfolger Johnson legte den Amtseid eilig im Flugzeug ab, Eisenhower ließ sich auf der feierlichen Parade mit dem Lasso fangen und William H. Harris zahlte seine lange Antrittsrede in klirrender Kälte mit dem Leben“, schreibt Nordamerika-Historikerin Prof. Dr. Heike Bungert auf der Website www.religion-und-politik.de des Exzellenzclusters „Religion und Politik“. Sie hat zahlreiche Inaugurationen anhand historischer Reden, Berichte, Fotos und Filme untersucht. „Allen Feiern ist gemeinsam, dass sie politische Programme legitimieren und nach einem aggressiven Wahlkampf die US-Gemeinschaft stärken sollen. (Zivil-)Religion spielt dabei eine zentrale Rolle.“

Der Beitrag

Anfuehrungszeichen

Nicht nur einmal, gleich zweimal wird der alte und der neue Präsident der USA, Barack Obama, kommende Woche seinen Amtseid schwören. Ein Kuriosum mit ernstem Hintergrund: Der 20. Januar, an dem die Amtsgeschäfte laut Verfassung übergeben werden müssen, ist in diesem Jahr ein Sonntag. Ein christlicher Feiertag also, an dem es keine öffentliche Feier der Amtseinführung des Präsidenten geben soll. Obama wird den Amtseid daher am Sonntagmittag zunächst nur im kleinen Kreis im Weißen Haus ablegen. Das stellt sicher, dass das Land keinen Tag ohne Präsidenten ist, wie es auf dem Höhepunkt der Sabbatarianismus-Bewegung im 19. Jahrhundert geschah. Die große Inaugurationsfeier für Obama mit dem Schwören des Amtseides als Höhepunkt, die wieder fast das ganze Land wie auch viele Menschen weltweit verfolgen werden, folgt erst am Montag darauf.

Die US-Verfassung schreibt zwar eine Trennung von Staat und Kirche fest – doch eine öffentliche Vereidigungsfeier am „Lord’s Day“ wäre aus religiösen Gründen nach wie vor nicht denkbar. Religion und Politik sind in Nordamerika eng miteinander verknüpft. Die Wissenschaft spricht dabei von „Zivilreligion“. Europäer können über die zahlreichen zivilreligiösen Elemente oft nur staunen. Diese zeigen sich besonders stark in den Amtseinführungen US-amerikanischer Präsidenten in Geschichte und Gegenwart.

Zivilreligion beruht auf jüdisch-christlichen Symbolen und Ritualen und bescheinigt den USA einen Status als Gottes auserwähltes Volk. Sie verfügt über ein religiöses „System“ mit ganz eigenem, reichhaltigem Symbolvorrat. Dieser lässt sich aus zahlreichen historischen Quellen wie Reden, Berichten, Fotos oder Filmaufnahmen rekonstruieren. Zivilreligiöse Bekenntnisse zur Nation, zu ihren Institutionen und ihren Werten bilden die operative Religion der US-amerikanischen Gesellschaft. Der Zweck zivilreligiöser Vorstellungen: Sie integrieren den Einzelnen in die Gemeinschaft der USA, können aber auch politische Programme legitimieren. Indem sie moralische Normen vorgeben, erfüllen sie zudem eine kritisch-prophetische Funktion.

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