„Hälfte der US-Amerikaner würde atheistischen Präsidenten wählen“

Religionssoziologe Detlef Pollack sieht Rückgang der Religiosität in Nordamerika

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Prof. Dr. Detlef Pollack

© bhe

Abschied von den Kirchen: Wissenschaftlern zufolge ist in den USA die Zahl der Konfessionslosen gewachsen. „Der Anteil derer, die sich keiner Religion zugehörig fühlen, stieg in den vergangenen Jahrzehnten von drei auf 17 Prozent“, sagt Religionssoziologe Prof. Dr. Detlef Pollack vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster unter Bezug auf jüngste Daten aus dem „General Social Survey“ (GSS). Auch der Gottesdienstbesuch gehe zurück, ebenso, wenn auch schwächer, der Gottesglaube. Das gehe mit einer toleranten Haltung gegenüber der religiösen Vielfalt einher und wirke sich auch auf die Politik aus: „Fast niemand hätte etwas gegen einen jüdischen oder katholischen Präsidenten. Etwa die Hälfte würde einen atheistischen Präsidenten wählen.“

Nur eine verschwindende Minderheit in den USA glaubt nach den Worten des Experten noch daran, dass das Christentum die einzig wahre Religion sei. „Vor einigen Jahrzehnten waren es noch die meisten. Fast zwei Drittel meinen heute, jede Religion habe einen wahren Kern.“ Viele liberal eingestellte Amerikaner distanzieren sich auch deshalb von Religion und Kirche, „weil eine einflussreiche Minderheit konservativer Christen – meist evangelikale – religiöse und politische Haltungen eng miteinander verquickt. Die öffentliche Sichtbarkeit und Lautstärke dieser kleinen Gruppe schreckt eine kulturell, sozial und politisch anders eingestellte Mehrheit ab.“ Freiheitliche, individualistische und hedonistische Werte würden insgesamt an Bedeutung gewinnen. Daher sei zu erwarten, dass das konservativ-evangelikale Lager zukünftig kleiner werde.

„Säkularisierung nicht mehr zu bestreiten“

Die Gruppe der nicht konfessionell Gebundenen wird weiter wachsen, wie der Forscher erläutert: „Von den über 50-Jährigen sagen mehr als vier Fünftel, dass sie einer Kirche angehören, von den 18- bis 29-Jährigen hingegen nur noch drei Fünftel.“ Damit lassen sich dem Experten zufolge auch für die USA Tendenzen zur Säkularisierung nicht mehr abstreiten. „Lange Zeit galt als ausgemacht, dass die USA der Gegenbeweis zur Säkularisierungstheorie seien: Während die Religion in Europa durch mehr Wohlstand und Demokratisierung an Bedeutung verloren habe, würden in den USA ein hohes Modernisierungsniveau und eine vitale Religiosität Hand in Hand gehen. Diese Auffassung kann nicht länger aufrechterhalten werden.“

Das Religiositätsniveau liegt in den USA den Angaben zufolge insgesamt über dem europäischen Durchschnitt. „Auch das ist mit den Annahmen der Säkularisierungstheorie vereinbar“, so Prof. Pollack. „Die höhere Religiosität erklärt sich unter anderem aus der hohen existentiellen Unsicherheit und sozialen Ungleichheit in den USA, die für moderne Gesellschaften ungewöhnlich sind.“ Außerdem seien viele Regionen der Vereinigten Staaten religiös homogen. Hinzu kämen Millionen von Zuwanderern aus den katholischen Ländern Lateinamerikas. Die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche sei daher in den vergangenen Jahrzehnten in etwa gleich geblieben.

Polemik von Evangelikalen

Die stärksten Mitgliederverluste mussten Prof. Pollack zufolge die protestantischen Kirchen hinnehmen, die die Mehrheit der Bevölkerung umfassen. Vor allem die „mainline churches“ – Presbyterianer, Kongregationalisten und Episkopale – verloren demnach Mitglieder, während die evangelikalen Kongregationen seit den 1970er Jahren ihren Mitgliederbestand halten konnten. „Dass sie vergleichsweise stark blieben, hat mit ihrer polemischen Distanzierung von den liberalen Werten der 1960er Jahre zu tun. Durch die konflikthafte Behauptung konservativer Positionen, etwa zu Feminismus, Schwangerschaftsabbruch, Homosexualität oder US-Kriegseinsätzen im Ausland, erhöht das evangelikale Lager seine interne Bindungsfähigkeit.“ (vvm)