Warum Pfarreien zur Urbanität beitragen

Neue Forschungsergebnisse von Münsteraner Historikern zum Verhältnis von Pfarre und Stadt

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Buchcover "Die Pfarre in der Stadt"

© Böhlau Verlag

Neue Forschungsergebnisse über die Wechselwirkung von Pfarre und Stadt vom Mittelalter bis in die Moderne präsentiert ein neues Buch aus dem Kölner Böhlau Verlag. „Die gängige Forschungsmeinung, wonach Urbanisierung mit ,Entkirchlichung‘ gleichgesetzt wurde, muss relativiert werden“, sagte der Herausgeber des Bandes, Historiker Prof. Dr. Werner Freitag vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster, am Donnerstag in Münster. Im 19. und 20. Jahrhundert entstanden stattdessen neue Formen der kirchlichen Organisation und Verwaltung, die sich sowohl in der Architektur als auch im Stadtbild widerspiegelten, etwa durch den Bau von Pfarrsälen, Gemeindehäusern und karitativen Einrichtungen, wie der Professur für westfälische und vergleichende Landesgeschichte erläuterte.

Die Autoren des Bandes – Historiker, Kunsthistoriker und Theologen aus Deutschland und der Schweiz – zeichnen ein neues Bild vom Verhältnis der Pfarrkirche zur mittelalterlichen Stadt und zu den ausdifferenzierten Stadtgesellschaften der Neuzeit. „In den mittelalterlichen Pfarreien kamen die Bürger zusammen, sie stifteten Kirchen, trugen die Baulast, finanzierten den Kult und bestimmten das Personal mit“, erläuterte Prof. Freitag. So habe die Pfarre als Institution zu dieser Zeit zur Festigung der Bürgerstadt beigetragen. Der Münsteraner Historiker Prof. Dr. Manfred Balzer zeigt in dem Buch exemplarisch den Zusammenhang von städtischer Siedlung und Kirche im Hochmittelalter auf. Er kommt mit Blick auf die wirtschaftlichen Entwicklungen der Städte zu dem Schluss, dass „nicht die Burgen, sondern die ältesten Kirchen unstreitig die Kerne darstellten“.

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Prof. Dr. Werner Freitag

© Joachim Busch

Auch im 19. Jahrhundert blieb die Position der Pfarre laut Historiker Prof. Freitag trotz einer „Konkurrenz der Konfessionen“ stark. Durch neue Funktionen und Gebäude wie Schulen, Kindergärten und Bibliotheken hätten die Kirchen für die Stadtbewohner, die auf Dienstleistungen angewiesen waren, eine zentrale Stellung eingenommen. „Sie wirkten nun als Verdichtungsräume religiöser und städtischer Kommunikation“, so der Experte. „In allen Epochen stellten die Pfarren wichtige Bedingungen für das Entstehen von Städten und ihre Urbanität dar.“ Der Münsteraner Pastoraltheologe Prof. Dr. Reinhard Feiter widmet sich in dem Buch den Stadtpfarreien des 21. Jahrhunderts. Damit sie trotz einer wachsenden Zahl an Kirchenaustritten eine Perspektive haben, benötigen sie nach seinen Worten als „größerer pastoraler Raum“ den Unterbau vieler Kleingemeinden, in denen Gläubige auch ohne Pfarrer zusammenkommen können.

Das Buch „Die Pfarre in der Stadt. Siedlungskern – Bürgerkirche – Urbanes Zentrum“ ist in Folge der 38. Frühjahrstagung des Instituts für vergleichende Städtegeschichte in Münster entstanden, die sich mit dem Zusammenhang von Pfarrei und Stadt beschäftigte. Der Band ist im Böhlau Verlag mit Unterstützung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ erschienen. Prof. Werner Freitag leitet am Exzellenzcluster das Projekt B4 „Segen für die Mächtigen: Legitimität und Legitimation politischer Herrschaft in spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Stadtprozessionen“. (ska/vvm)


Hinweis: Werner Freitag (Hg.): Die Pfarre in der Stadt. Siedlungskern – Bürgerkirche – Urbanes Zentrum (Reihe „Städteforschung“ des Instituts für vergleichende Städtegeschichte, Bd. 82). Köln: Böhlau Verlag 2011, (269 S.), ISBN 9783-4-1220-7151.

Inhaltsübersicht:

  1. Werner Freitag: Die Pfarre in der Stadt. Siedlungskern – Bürgerkirche – Urbanes Zentrum
  2. Manfred Balzer: Frühe Stadtbildung in Westfalen. Die Rolle von Kirchen
  3. Felicitas Schmieder: „Wider die geistlichen Freiheiten“ – für die Herrschaft des Rates. Das Ringen um die Kontrolle der Pfarrseelsorge in Frankfurt am Main im 15. Jahrhundert
  4. Franz-Josef Arlinghaus: Einheit der Stadt? Religion und Performanz im spätmittelalterlichen Braunschweig
  5. Renate Dürr: Die Dreiständelehre als Moment einer politischen Kultur in lutherischen Gemeinden des 16. und 17. Jahrhunderts
  6. Christine Schneider: Die Wiener Stadt- und Vorstadtpfarren im Spannungsfeld der josephinischen Kirchenreformen
  7. Eva-Maria Seng: Stadterweiterungen, Kirchenneubau und Pfarrgründungen im 19. Jahrhundert
  8. Antonius Liedhegener: Religion und Kirchen vor den Herausforderungen der Urbanisierung in Deutschland im 19. und 20 Jahrhundert. Forschungsstand und Forschungsperspektiven
  9. Hans-Walter Schmuhl: Urbanisierung und Gemeindeausbau. Der Kirchenkreis Bielefeld im 19./20. Jahrhundert
  10. Reinhard Feiter: Von der Pfarrei zur Pfarrgemeinde zum „größeren pastoralen Raum“. Pastoraltheologische Überlegungen zur Zukunft der Pfarrei in der Stadt.