„Kleine Demokratie-Schulen“

Politikwissenschaftlerin Sigrid Roßteutscher zur gesellschaftlichen Bedeutung religiöser Vereine

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Prof. Dr. Sigrid Roßteutscher

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Über die gesellschaftliche Bedeutung religiöser Vereine und Verbände hat die Frankfurter Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Sigrid Roßteutscher in der Ringvorlesung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ gesprochen. Die Forscherin legte dar, wie katholische, lutherische und calvinistische Vereinigungen – von Chören über Krabbelgruppen bis zu Suppenküchen – Sozialkapital erzeugen und stellte Vergleiche mit der säkularen Zivilgesellschaft an. Soziales Kapital bezeichnete sie dabei als Ressource für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und demokratisches Regieren.

Internationale Studie zu religiösen und säkularen Vereinen

Die Wissenschaftlerin stellte Ergebnisse der internationalen Studie „Citizenship, Involvement, Democracy“ (CID) vor. Darin untersuchte ein internationales Team aus Politikwissenschaftlern säkulare sowie katholische, protestantische und calvinistische Vereine und Verbände in zwölf europäischen Städten. Sie kamen zu dem Schluss, dass religiöse Vereine und Verbände in allen Städten die Minderheit solcher zivilgesellschaftlichen Organisationen darstellten und nur noch zu einem geringen Teil soziales Kapital innerhalb moderner, säkularisierter Gesellschaften generierten.

Die Ringvorlesung des Exzellenzclusters und des „Centrums für Religion und Moderne“ (CRM) befasst sich mit dem Thema „Religiöse Vielfalt. Eine Herausforderung für Politik, Religion und Gesellschaft“. Der Vortrag von Prof. Roßteutscher trug den Titel „Das Sozialkapital der Religionen“. Er verband die Studienergebnisse mit Thesen zum religiösen Sozialkapital von Robert Putnam, Ernst Troeltsch und Max Weber.

Die Wissenschaftlerin erläuterte, Sozialkapital entstehe durch die Kooperationsbereitschaft der Bürger und setze gegenseitiges Vertrauen voraus, das in Vereinen und Verbänden „erlernt“ werde. „Vereine sind kleine Demokratie-Schulen“, sagte die Politikwissenschaftlerin. „Im Verein lernen Menschen durch die Teilnahme an Mitgliederversammlungen oder der Wahl des Vereinsvorstands Fähigkeiten und Kompetenzen, die Bürger in einer Demokratie benötigen“. Das so erworbene soziale Kapital trage das Vereinsmitglied nach außen.

Zahl religiöser Vereine verringert sich

Sozialkapital produzieren der Wissenschaftlerin zufolge sowohl säkulare als auch religiöse Vereine. Doch mit der abnehmenden Religions- und Kirchenzugehörigkeit in Europa verringere sich die Zahl religiöser Vereinigungen und damit ihr Sozialkapital. Diese Entwicklung wirke sich für die Gesamtgesellschaft jedoch nicht negativ aus, da säkulare Vereine weiterhin für eine „demokratische Ausbildung“ von Bürgern sorgten. Die Forscherin verwies auf stark säkularisierte skandinavische Länder wie Schweden, Dänemark und Norwegen, in denen es fast ausschließlich säkulare Vereine gebe, und die gleichzeitig „Spitzenwerte hinsichtlich Sozialkapital und Demokratieeinstellung“ aufwiesen.

Eine Besonderheit religiöser Vereine sei, dass es ihnen besonders gut gelinge, aus ihrem Mitglieder-Pool Ehrenamtliche zu mobilisieren. Dabei hätten es kleine Vereine leichter, da dort die soziale Kontrolle größer sei. Darüber hinaus sind Unterschiede zwischen religiösen Vereinen Prof. Roßteutscher zufolge weniger auf die Konfession als auf die Organisationsstruktur des Vereins zurückzuführen: Die Soziologin unterschied zwischen einem calvinistischen Modell mit professionalisierten Entscheidungsstrukturen und einem Modell für katholische und lutherische Vereine, das weniger professionalisierte Organisation und dafür eine stärkere Einbindung in Dachorganisationen vorsieht.

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Plakat der Ringvorlesung

Ringvorlesung „Religiöse Vielfalt“

Prof. Roßteutscher lehrt und forscht an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der „Deutschen Gesellschaft für Wahlforschung“ (DGfW). Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen sozialer Konflikt und sozialer Wandel. Die Ringvorlesung „Religiöse Vielfalt“ des Exzellenzclusters und des neuen „Centrums für Religion und Moderne“ (CRM) analysiert Beispiele religiöser Pluralität von der Antike über das Mittelalter und die Frühneuzeit bis zu Deutschland, England, China und den USA heute. Die Vorträge mit anschließender Diskussion sind dienstags ab 18.15 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 in Münster zu hören. Kommende Woche spricht Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Gudrun Krämer von der Freien Universität Berlin zum Thema „Einheit, Vielfalt, Differenz: Pluralität im zeitgenössischen islamischen Kontext“. (ska/vvm)