Perversion als Argument

Historikerin Steckel spricht in der Ringvorlesung über Geschlechter-Polemik im Mittelalter

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Dr. Sita Steckel

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Über Geschlechter-Polemik in mittelalterlichen Konflikten hat Historikerin Dr. Sita Steckel in der Ringvorlesung „Religion und Geschlecht“ des Exzellenzclusters gesprochen. „Ob lüsterne Mönche oder unkeusche Priester: Im Mittelalter gab es gegen Angehörige des geistlichen Standes immer wieder Vorwürfe der sexuellen Unmoral und Perversion“, erläuterte die Wissenschaftlerin. Dahinter habe sich mehr als „Sex and Crime-Literatur“ verborgen. Steckel führte in ihrem Vortrag „Perversion als Argument“ aus, wie Vorwürfe sexueller Unmoral benutzt wurden, um in religiösen Streitigkeiten stereotype Feindbilder zu entwerfen oder Autoritäten zu hinterfragen.

Im 13. Jahrhundert tobte der Mediävistin zufolge ein heftiger Streit zwischen dem Weltklerus und den neu entstandenen Bettelorden wie den Dominikanern und Franziskanern. Es ging um das Prestige und die Stellung der verschiedenen Gruppen innerhalb der religiösen und politischen Ordnung. Vor dem Hintergrund dieses Bettelordensstreits ab 1250 entpuppten sich laut der Expertin die zunächst anekdotenhaft wirkenden Geschichten über lüsterne Mönche und Nonnen als wirkungsvolle Argumente. „Ordensbrüder wie der Franziskaner Salimbene von Parma (1221-1288) und Weltgeistliche wie Wilhelm von Saint-Amour (1200-1272) setzen den Vorwurf der Unkeuschheit und der Unterdrückung von Frauen als Waffe ein“, sagte die Historikerin.

Ein Kampf zwischen Gut und Böse

Das Thema Sexualität habe sich besonders gut für Polemik und Propaganda geeignet, da es starke Gefühle hervorgerufen habe, erläuterte Steckel „Geschichten von sexueller Gewalt gegen Beichtkinder und Frauen drückten auf die Tränendrüse.“ Indem der Vorwurf der Unmoral ein klares Feindbild zeichnete, wurde der Konflikt zwischen den Bettelorden und dem Weltklerus demnach von einem Interessenkonflikt um Privilegien, Gebühren und Prestige zu einem Wahrheitskonflikt. „Die Auseinandersetzung wurde so zu einem Kampf zwischen Gut und Böse, bei dem keine Grauzonen mehr existierten.“ War dieses Schwarz-Weiß-Schema einmal etabliert, so Steckel, konnten auch kleinere, eher alltägliche Verstöße gegen die Geschlechterordnung als Beweis für moralische Unterlegenheit des Gegners angeführt werden.

Gerade die Polemik gegen unkeusche Mönche und Priester habe offenbar auch für das Volk einen Weg des kritischen Umgangs mit Religion eröffnet, so die Wissenschaftlerin. Erst nach der Reformationszeit im 16. und 17. Jahrhundert veränderten sich die Stereotypen der Geschlechter-Polemik allmählich. „Eine völlig verwässerte Variante der Bettelordenskritik ist heute der Franziskaner Weißbiermönch“, verwies Steckel auf das Logo einer Biermarke. Sein dicker Bauch, so die Expertin, weise auf Völlerei hin und die Schlüssel an seinem Gürtel auf Besitz, der einem Franziskaner Mönch eigentlich verboten gewesen sei.

Dr. Sita Steckel forscht am Exzellenzcluster im Projekt C5 „Häresie und Politik. Normbegründung und Verfahrensformen in innerkirchlichen Großkontroversen des 12. bis 14. Jahrhunderts“. Die Ringvorlesung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ befasst sich im Wintersemester 2011/2012 unter dem Titel „Als Mann und Frau schuf er sie“ mit dem Verhältnis von Religion und Geschlecht. Aus der Sicht verschiedener Fächer und Epochen geht sie der Frage nach, wie Religionen die Geschlechterordnung beeinflussen. Zu Wort kommen Historiker, Soziologen, Theologen, Juristen, Ethnologen und Literaturwissenschaftler. In der nächsten Woche, am 29. November, spricht der Historiker Prof. Dr. Werner Freitag zum Thema „Trösterin der Betrübten, Jungfrau, Mutter und Möhne. Pastorale Konzepte und weibliche Frömmigkeit im Bistum Münster um 1900“. Der öffentliche Vortrag beginnt um 18.15 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22. (ska)


Ringvorlesung „,Als Mann und Frau schuf er sie.‘ Religion und Geschlecht“

Wintersemester 2011/2012
dienstags 18.15 bis 19.45 Uhr
Hörsaal F2 im Fürstenberghaus
Domplatz 20-22
48143 Münster