„Friedliches Miteinander trotz konfessioneller Trennung“

Deutsch-französischer Historiker Prof. Dr. Etienne François über das Augsburg der Frühneuzeit

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Prof. Dr. Etienne François

Katholiken und Protestanten haben im 17. und 18. Jahrhundert aus historischer Sicht überwiegend in friedlichem Miteinander gelebt. Die beiden Konfessionen hätten in enger Verzahnung gelebt und dürften nicht in einem Schwarz-Weiß-Gegensatz gesehen werden, sagte der renommierte Historiker Prof. Dr. Etienne François am Dienstagabend in Münster. Der seit 1991 in Deutschland lehrende französische Wissenschaftler sprach in der Ringvorlesung „Integration religiöser Vielfalt“ des Exzellenzclusters über Katholiken und Protestanten in paritätischen Reichsstädten der Frühneuzeit.

Am Beispiel der Stadt Augsburg erläuterte François, wie ein solches Miteinander trotz konfessioneller Verschiedenheit möglich war: „Der Schlüssel lag vor allem in der glasklaren Regelung des Westfälischen Friedens, der keine Spitzfindigkeiten zuließ. Es galt das System der Parität, also der völligen Gleichberechtigung beider Religionsgruppen.“ Beide Konfessionen wurden juristisch als zwei gleichgestellte Körperschaften des öffentlichen Rechts betrachtet und mussten unter sich die Macht der Stadt aufteilen, wie der Forscher sagte. Gerade nach den traumatischen Erfahrungen des 30-jährigen Krieges sei den Menschen dieses eindeutige Prinzip willkommen gewesen. Auch habe die große Autonomie jeder dieser Teilgesellschaften eine bedeutende Rolle gespielt. Katholiken und Protestanten hatten François zufolge ihren je eigenen Ratsteil, ihre eigenen Geistlichen, Schulen, Friedhöfe, ja sogar Zuchthäuser. „Augsburg war ein Spiegelbild im Kleinen für die Verhältnisse im Großen im Reich.“

Doch bedeuteten Gleichberechtigung und Selbständigkeit beider Konfessionen noch ein anderes, wie der Historiker betonte: „Da alle Entscheidungen von städtischer Relevanz von beiden Parteien getroffen werden mussten, waren sie stets füreinander verantwortlich.“ Es habe auch keine konfessionell getrennten Stadtteile gegeben, sondern vielmehr eine „unsichtbare Grenze“, so dass die Existenz der anderen Gruppe erst gar nicht habe geleugnet werden können. „Im Großen und Ganzen lebten Katholiken und Protestanten friedlich zusammen, Gemeinsamkeiten waren eher die Regel als die Ausnahme“, so das Fazit des Wissenschaftlers. „Die Bilanz von nur zwei Toten in anderthalb Jahrhunderten als unmittelbare Opfer von religionsbedingten Auseinandersetzungen spricht hier eine deutliche Sprache.“

In der öffentlichen Ringvorlesung spricht kommenden Dienstag die Kultursoziologin Prof. Dr. Monika Wohlrab-Sahr aus Leipzig zum Thema „Säkularität und religiöse Vielfalt: Eine Annäherung an Spannungslinien der Gegenwart“. Die Vorlesungsreihe trägt den Titel „Integration religiöser Vielfalt von der Antike bis zur Gegenwart“. Die Referenten beleuchten aktuelle Fragen ebenso wie historische Beispiele von der Antike über das vormoderne China und Indien bis zum mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa. Es sprechen Historiker, Soziologen, Juristen, Judaisten, Theologen, Religionswissenschaftler und Ethnologen. (Katharina Frönd)