„Mauerbau hat Widerstand in der DDR erstickt“

Religionssoziologe Prof. Dr. Detlef Pollack über den August 1961 als Zäsur auch für die Kirchen

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Prof. Dr. Detlef Pollack

© bhe

Der Bau der Berliner Mauer vor 50 Jahren hat nach Ansicht des Münsteraner Religionssoziologen Detlef Pollack den Widerstand in der DDR gelähmt. „Nach dem Mauerbau herrschte der Eindruck, dass Staat, Parteiapparat und Sicherheitsdienst die gesamte Gesellschaft im Griff hätten“, sagte der evangelische Theologe in einem Gespräch mit der Evangelischen Nachrichtenagentur (epd). Dass es nur vereinzelte Proteste gab, habe an der Härte staatlicher Verfolgung sowie an dem Gefühl gelegen, nichts bewirken zu können. Erst im Wendejahr 1989 habe sich die Zuversicht entwickelt, dass das System veränderbar sei. In den Jahren davor sei jedermann klar gewesen, dass alle Veränderungsversuche am Widerstand der Sowjetunion scheitern würden, sagte Pollack, der in Leipzig Theologie studiert hat.

Auch von den Kirchen, die noch in den 50er Jahren den undemokratischen Charakter des DDR-Regimes angeprangert hätten, sei die Kritik am Mauerbau sehr verhalten ausgefallen, sagte Pollack. „Die Tatsache, dass man daran nichts ändern konnte, hat die Protestbereitschaft stark geschwächt“, sagte der Wissenschaftler vom Münsteraner Exellenzcluster „Religion und Politik“. „Mit dem Bau der Berliner Mauer war die entscheidende Zäsur gesetzt - in den Kirchen der DDR erkannte man, dass jetzt mit dem SED-Staat auf lange Zeit gerechnet werden musste.“ Von da an hätten die Kirchen ihr Engagement darauf gerichtet, die Grenzen durchlässiger zu machen und beispielsweise über Reiseregelungen zu verhandeln, nicht aber darauf, die Spaltung Deutschlands infrage zu stellen.

Zwar habe es nach dem Mauerbau zwischen ost- und westdeutschen Kirchen noch viele Kontakte gegeben, erläuterte der gebürtige Weimarer. So habe man sich über Kuriere gegenseitig über Beschlüsse kirchlicher Gremien ausgetauscht. „Ein gemeinsames Handeln war aber kaum mehr möglich“, sagte Pollack. Die Gründung des „Bundes der evangelischen Kirchen“, mit dem sich die Kirchen in der DDR von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) absetzten, sei „so etwas wie ein Befreiungsschlag“ gewesen. Damit wollte man aus der „konterrevolutionären Ecke“ herauskommen, in die der Staat die Kirchen immer wieder drängte, und innerkirchliche Geschlossenheit herstellen. (Copyright: Evangelischer Pressedienst, Holger Spierig, epd West)