Der Blick aus verschiedenen Winkeln

Wie interdisziplinäre Zusammenarbeit frühneuzeitliche Täuschungen entlarven kann

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Eindruck von der Tagung „Konfessionelle Ambiguität“ am Exzellenzcluster „Religion und Politik“

© arn

Katholisch oder protestantisch – das war für viele Menschen im konfessionellen Zeitalter nach der Reformation nicht so eindeutig, wie lange vermutet. Die Fürsten des 16. und 17. Jahrhunderts legten zwar die Konfession für ganze Territorien fest, um mögliche Konflikte zwischen den sich trennenden Kirchen politisch zu befrieden. Die Gläubigen sahen sich aber in der Not, auf diese Umwälzungen zu reagieren. Je eindeutiger über sie bestimmt wurde, umso häufiger reagierten sie ausweichend. Im Extremfall praktizierten sie eine Religion, der sie innerlich nicht folgten.

Welche Gründe solche Verstellungen und konfessionellen Uneindeutigkeiten in der Frühneuzeit hatten und in welchen historischen Quellen sie sich nachweisen lassen, erörterte die Tagung „Konfessionelle Ambiguität“ am Exzellenzcluster „Religion und Politik“. Historiker debattierten mit Vertretern zahlreicher anderer Disziplinen: Literatur- und Sprachwissenschaft, Theologie und Philosophie, Kunstgeschichte und Islamwissenschaft. Welche Chancen die interdisziplinäre Arbeitsweise mit sich bringt, die den Münsteraner Exzellenzcluster kennzeichnet, schilderten Veranstalter und Teilnehmer der Tagung im Gespräch mit dem Zentrum für Wissenschaftskommunikation.

Andreas Pietsch

Dr. Andreas Pietsch

Dr. Andreas Pietsch, Historiker und Veranstalter:


Das Europa der Frühneuzeit war ein Laboratorium der religiösen Vielfalt. Das erzeugte ein immenses Konfliktpotenzial. Sozial und politisch wurde es durch die Allgegenwärtigkeit von Religion im öffentlichen Raum verstärkt. Die Fürsten setzten hier nicht nur auf Konfrontation, sie bemühten sich um Befriedung: Sie legten dazu etwa rechtlich fest, welcher Konfession ihre Untertanen zu sein hatten. Zeitgleich versuchten sich die Theologen an der Formulierung der „reinen Lehre“. Je mehr der konfessionelle Druck auf die Gläubigen wuchs, umso häufiger finden wir ein Ausweichverhalten. Ein Beispiel: Der durch den Kirchgang demonstrierte Glauben und die innere Überzeugung konnten mächtig auseinanderklaffen. Ein anderes Beispiel der Geschichtsforschung: Politische Entscheidungen wurden bewusst uneindeutig formuliert, um weitere religiöse Konflikte zu vermeiden.

Schon dieser kurze Abriss zeigt, wie weiterführend es ist, hier als Historiker den Dialog mit anderen Fachdisziplinen zu suchen, was in Münster eine lange Tradition hat. Die Vielzahl der Fächer führte auf der Tagung dazu, dass ungewöhnlich viele verschiedene Quellen, Methoden und historische Beispiele diskutiert wurden: vom Messbesuch über christlich-muslimische Verwischungen am Rande des Osmanischen Reichs bis zu den Essais von Michel de Montaigne.

Juergen Macha

Prof. Dr. Jürgen Macha

© Peter Grewer

Prof. Dr. Jürgen Macha, Germanist:


Eine Tagung, auf der Historiker mit Germanisten und anderen Fachvertretern dasselbe Thema erörtern, ist in der Forschung noch nicht alltäglich. Umso interessanter war es, meine sprachhistorischen Erkenntnisse über konfessionelle Unterschiede mit den historischen Befunden der Frühneuzeit-Historiker abzugleichen. Wir stellten erstaunliche Parallelen fest.

Sprachgeschichtlich betrachtet, grenzten Katholiken und Protestanten sich häufig durch die Schreibweise bestimmter Wörter oder durch die Wortwahl voneinander ab. Zum Beispiel beteten Katholiken das ‚Vaterunser‘, Protestanten dagegen sagten ‚Unser Vater‘. Historisch lassen sich dieselben Grenzziehungen zwischen den Konfessionen an Phänomenen wie dem Messbesuch festmachen, wie auf der Tagung des Clusters deutlich wurde. Auch manche Begriffe, wie die „dissimulatio“, die konfessionelle Verstellung, werde ich künftig sicher für die Sprachgeschichte übernehmen.

Karin Westerwelle

Prof. Dr. Karin Westerwelle

© Julia Holtkötter

Prof. Dr. Karin Westerwelle, Romanistin:


Historiker und Literaturwissenschaftler können sich in der Deutung historischer Quellen wunderbar ergänzen. Es handelt sich, gleich ob Ratsprotokoll oder Roman, um sprachliche Quellen. Diese lassen sich nicht nur geschichtswissenschaftlich auf politische oder soziale Aussagen untersuchen, sondern auch literaturwissenschaftlich nach ihrer sprachlich-stilistischen Form. So erhellt die Analyse stilistischer Formen auch das Thema konfessionelle Ambiguität: Die Rhetorik eines Textes kann Gesicht, aber auch Maske sein.

Umgekehrt hat mir die Zusammenarbeit mit den Historikern die historische Dimension jedes literarischen Textes besonders verdeutlicht. Ich habe für die Tagung die Essais von Michel de Montaigne zum Thema Gewissen und Verstellung untersucht. Nach der Veranstaltung habe ich den protestantisch-calvinistischen Kontext dieser Texte viel deutlicher vor Augen. Es ist beeindruckend, sich zeitgenössische Kontexte zu vergegenwärtigen und zugleich die Spannung von literarischen Texten zu erkennen, die „Welt“ sprachlich und erkenntniskritisch darstellen.

Thomas Lentes

Dr. Thomas Lentes

Dr. Thomas Lentes, Theologe und Historiker:


Historiker und Theologen betrachten religiöse und konfessionelle Fragen aus unterschiedlichen Blickwinkeln: Historiker sehen sie aus der Außenperspektive, Theologen nehmen die Binnensicht ein. Sie betrachten Religion nicht nur als Teil einer sozialen, politischen und kulturellen Entwicklung, sondern als Phänomen an sich. Das kann den Blickwinkel der Geschichtswissenschaft auch in der Frage der konfessionellen Mehrdeutigkeit gut ergänzen, wie sich auf der Tagung zeigte.

Theologisch betrachtet, haben Religionen eine Grundgestalt. Im Christentum ist diese eng mit dem Begriff der Wahrheit verbunden. Wer Wahrheit für sich beansprucht, muss seine religiösen Inhalten und Praktiken dogmatisieren und vereindeutigen. Das liefert uns heute eine weitere Erklärung dafür, dass Gläubige sich in der Frühen Neuzeit nach außen konfessionell festzulegen hatten, innerlich aber oft einer anderen Religion anhingen. Die Gründe für Ambiguität liegen also auch in der Religion selbst begründet, nicht nur im sozialen oder politischen Kontext.

Interview: Viola van Melis