Fromme Betrüger

Tagung über konfessionelle Ambiguität in der Frühen Neuzeit

News Tagung Ambiguitaet Plakat

Uneindeutigkeit in vielen Lebenslagen: Fraude, eine frühneuzeitliche Allegorie auf die Verstellung (Plakat der Tagung).

© aus Cesare Ripa, Iconologia, Rom 1603

Widerstände, Bruchstellen und Grenzen der Konfessionalisierung stehen im Fokus der Tagung „Konfessionelle Ambiguität“ am Exzellenzcluster „Religion und Politik“: Das Bild einer homogenen Konfession erscheint heute zunehmend als Konstrukt, Zustände inter- wie transkonfessioneller „Osmose“ rücken ins Zentrum der wissenschaftlichen Betrachtung. Konfessionalität wird in der jüngsten Forschung als häufig schwankende und instabile kulturelle Praxis verstanden.

Die Tagung findet vom 20. bis 22. September im Hauptgebäude des Exzellenzclusters, Johannisstraße 1-4 in Münster, statt. Veranstalter sind Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rillinger und Dr. des. Andreas Pietsch vom Projekt C6 „Politisches Amt und religiöse Dissimulation. Konfessionelle Zweideutigkeit an europäischen Fürstenhöfen des 16. und 17. Jahrhunderts“.
Den Schwerpunkt der Tagung bildet ein Teilbereich jener kulturellen Praxis: Uneindeutigkeit und Verstellung. Schon in der Wahrnehmung zeitgenössischer Autoren sind Formen der dissimulatio von großer Bedeutung. So verwendet etwa die frühneuzeitliche Ratgeberliteratur viele Seiten darauf, dem Höfling zu erläutern, ob, wann und wieweit es erlaubt, ja sogar geboten erscheint, seiner Umwelt etwas vorzumachen. Auch die theologischen Traktate dieser Zeit nehmen sich der Frage an und stellen verzweigte Begründungen auf, die ein Verschleiern des eigenen Glaubens im Angesicht des religiösen Gegners erlauben. Mit anderen Worten: Das Thema Uneindeutigkeit und Verstellung erlebt vom 16. bis ins 18. Jahrhundert eine auffällige Konjunktur.

Dennoch haftete konfessioneller Mehrdeutigkeit grundsätzlich etwas Suspektes an. Das Auseinanderdriften von äußerem Handeln und innerer Überzeugung warf die elementare Frage auf nach dem Verhältnis zwischen Kultus und Dogma, sichtbarer und unsichtbarer Kirche, Körper und Seele. Die Antworten darauf hätten kaum unterschiedlicher ausfallen können: Erasmus von Rotterdam etwa erachtete alle körperliche Ritualität als vernachlässigenswert, während Johannes Calvin an einer strikten Übereinstimmung von körperlicher und geistiger Glaubenshaltung festhielt.

12 Vorträge beleuchten sowohl die soziale Praxis als auch die gelehrten Diskurse. Dabei untersuchen Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen ausgewählte Beispiele in ihren konkreten konfessions- und territorialpolitischen Kontexten sowie in ihren frömmigkeitsgeschichtlichen Konsequenzen. (Jurek Skrobala)

Programm

Montag, 20. September
Moderation: Karin Westerwelle, Münster
14:30-15:00 Einführung in die Tagung
Barbara Stollberg-Rilinger, Münster
15:00–16:00
Was heißt konfessionelle Eindeutigkeit?
Konzeptionelle Überlegungen zum frühneuzeitlichen Begriff der doctrina
Philippe Büttgen, Paris
16:00–17:00 Nicodemism and Deconfessionalization in early modern Europe
Jean-Pierre Cavaillé, Paris
17:30–18:30 Konfessionelle Indifferenz in der Frühen Neuzeit
Kaspar von Greyerz, Basel

Dienstag, 21. September
Moderation: Sebastian Neumeister, Berlin, und Thomas Lentes, Münster
9:00–10:00
Die Causa Lipsius oder Messbesuch für Anfänger und Fortgeschrittene
Andreas Pietsch, Münster
10:00–11:00
Das Apostelcredo des Hendrick Goltzius und der
Streit um Öffentlichkeit und Privatheit der Konfession im niederländischen Universalkatholizismus
Ulrich Heinen, Wuppertal
11:30–12:30  Diskursivierung gefährlichen Wissens.
Antitrinitarismus in der Gelehrtenkultur um 1600
Friedrich Vollhardt, München
14:00–15:00  „Un gentilhomme de bonne façon: il se
contrefaisoit autre“. Gewissen und Dissimulatio in Montaignes Essais
Karin Westerwelle, Münster
15:00–16:00
Die allzu politische Konversion des Duc de
Lesdiguières. Zur diskursiven Produktion von Aufrichtigkeit
Jan-Friedrich Mißfelder, Zürich
16:30–17:30
Auf der Suche nach Eindeutigkeit. Die
habsburgische Zentralverwaltung und die
Vielfalt der geheimprotestantischen Zeichen
Martin Scheutz, Wien
17:30–18:30
‚Kryptoreligiosität‘ im Nahen Osten.
Ein tragfähiger Begriff?
Maurus Reinkowski, Freiburg im Breisgau

Mittwoch, 22. September, Moderation: Thomas Winkelhaus, Wien
9:30–10:30
Sprachpraxis und konfessionelle Differenz:
Befunde und Mutmaßungen
Jürgen Macha, Münster
10:30–11:30
Wahrheit als Lüge. Friedrich III. von der Pfalz auf dem Augsburger Reichstag 1566
Matthias Pohlig, Münster
12:00–13:00
Abschlussdiskussion