Prägende Erfahrungen in der Antike

Theologe Prof. Dr. Reinhard Achenbach über die Juden im antiken Perserreich

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Prof. Dr. Reinhard Achenbach

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Das Judentum ist nach Einschätzung des evangelischen Theologen Prof. Dr. Reinhard Achenbach bis heute stark durch Erfahrungen im antiken Perserreich des 6. bis 4. Jahrhunderts vor Christus geprägt. Die persischen Großkönige regierten ihr Weltreich in der Überzeugung, dass ihr Gott Ahura-Mazda, der Herr der Weisheit, ihnen die Herrschaft über die Völker der Erde und ihre Religionen verliehen habe, wie der Forscher am Dienstagabend in der Ringvorlesung zur „Integration religiöser Vielfalt“ des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ sagte. Mit der Durchsetzung ihrer Herrschaft glaubten sie, den Kampf der Mächte des Lichts und der Gerechtigkeit gegen den bösen Geist der Finsternis und der Lüge zu führen. Die Juden hätten dagegen an ihrer monotheistischen Überzeugung festgehalten, dass allein der Gott Israels Gott sei, der gleichermaßen über die Mächte des Lichtes wie der Finsternis regiere. „So bewahrten sie inmitten einer Gesellschaft mit vielen Religionen und Völkern ihre Identität“, erläuterte der Alttestamentler.

Absage an religiös begründete totalitäre Herrschaftsansprüche

Das Gewissen der Juden sei nur an diesen einen Gott und dessen Gesetz gebunden gewesen, so Achenbach. Das bedeute bis in die Gegenwart eine Absage an religiös – oder pseudoreligiös – begründete totalitäre Herrschaftsansprüche. „Zwar erkannten die Juden die politische Herrschaft der Perser an – Kyros wird im Jesajabuch als von Gott erwählter „Messias“ bezeichnet –, nicht aber deren religiöse, ideologische Grundlagen.“ Die Perser befreiten die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft und ermöglichten ihnen Freizügigkeit und den Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem. Allerdings hätten sie nicht die Wiedererrichtung des Königreichs der jüdischen Dynastie der Davididen erduldet, sagte Achenbach.

So hätten sich die Hoffnungen des Judentums auf die Rückgewinnung ihres Landes auf eine unbestimmte Endzeit verlagert. Dieser „eschatologische Vorbehalt“ habe das Zusammenleben mit anderen Religionsgemeinschaften erleichtert. „Das Judentum wurde eine Religion der Beherrschten, die daran glaubten, dass der eigentlich herrschende Gott der eigene sei“, sagte der Theologe. Zugleich sei es von dem biblischen Satz geleitet worden: „Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst, denn ihr seid selbst Fremde gewesen im Land Ägypten.“ (Lev 19,34) In der biblischen Legende von Esther, die ihr Volk vor dem Genozid durch die Perser bewahrt hat, werde deutlich, dass die Forderung einer Gewährleistung der Existenz des Judentums den Gedanken der Gewährleistung des Rechts auf freie Religionsausübung mit begründet habe. Die Visionen des Jesajabuches belegen laut Achenbach die Hoffnung, dass der Glaube an den einen Gott und die Lehre eines von diesem ausgehenden Gesetzes, der Tora der Gerechtigkeit, die Völker zusammenführen und zur Verwirklichung einer universalen Friedensordnung bewegen werde. Bis heute arbeite sich die Menschheit an diesen von der Antike und der Bibel gestellten Problemen ab.

Die Ringvorlesung "Integration religiöser Vielfalt" des Exzellenzclusters beleuchtet im Wintersemester aktuelle Fragen ebenso wie historische Beispiele von der Antike über das vormoderne China und Indien bis zum mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa. Beteiligt sind Historiker, Soziologen, Juristen, Judaisten, Theologen, Religionswissenschaftler und Ethnologen. Kommenden Dienstag spricht der Münsteraner Religionswissenschaftler Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel über „Hinduistisch-buddhistische Beziehungen in Vergangenheit und Gegenwart“. (arn)