„Masada Experience“

Zum Wandel und Weiterleben eines Mythos

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Judaistin Prof. Dr. Regina Grundmann

© Julia Holtkötter

Der Umgang mit dem bekannten Mythos um die Bergfestung Masada ist nach Ansicht der Judaistin Prof. Dr. Regina Grundmann „auch heute noch ein Gradmesser für Entwicklungen im jüdischen und israelischen Selbstverständnis“. Spektakuläre Aufführungen von Verdis Oper „Nabucco“ vor der Kulisse des Weltkulturerbes am Ende dieser Woche markieren laut Grundmann den „vorläufigen Höhepunkt der Kommerzialisierung und Popularisierung eines einst staatstragenden, säkularen nationalen Mythos“. Auch religiöse Juden hätten in den vergangenen Jahren Masada für sich entdeckt, schreibt die Expertin in einem Beitrag für die Homepage www.religion-und-politik.de des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU).

Anfuehrungszeichen

Der Beitrag:

Anfang Juni bietet Israel Gästen aus aller Welt vor der historischen Kulisse eines  Weltkulturerbes ein Event, das das Tourismusministerium als „Masada Experience“ bewirbt: Mehr als 400 Meter über dem Toten Meer feiert das Ensemble der Israelischen Oper dann sein 25-jähriges Bestehen, indem es auf dem Plateau und am Fuße der symbolträchtigen Bergfestung Masada eine Opern- und Konzertreihe veranstaltet, als deren Krönung Verdis Nabucco in hochkarätiger Besetzung aufgeführt wird. Diese effektvolle Inszenierung einer Oper über die Befreiung der Juden aus dem babylonischen Exil markiert den vorläufigen Höhepunkt der Kommerzialisierung und Popularisierung eines einst staatstragenden, säkularen nationalen Mythos.

Der Mythos selbst gründet sich auf einen Bericht über den Ersten Jüdischen Krieg gegen Rom, der von dem bekanntesten jüdischen Historiker der Antike, Flavius Josephus, stammt: Im Jahre 74 nach Christus, als Jerusalem längst gefallen war, leistete eine Gruppe religiöser Eiferer, die sogenannten Sikarier („Dolchträger“), unter ihrem Anführer Eleasar auf der Bergfestung in der judäischen Wüste Widerstand gegen die Römer, die Masada eingeschlossen hatten. Nach Josephus’ Darstellung begingen dort 960 Männer, Frauen und Kinder einen kollektiven Selbstmord, um sich nicht dem Feind ausliefern zu müssen.

Für das jüdische Selbstverständnis spielten die Ereignisse auf Masada jahrhundertelang keine Rolle. Erst als sich der Zionismus im 19. Jahrhundert die Gründung eines jüdischen Staates mit einer modernen nationalen jüdischen Identität zum Ziel setzte, wurden die auf Masada Belagerten zu Freiheitskämpfern, Patrioten und wehrhaften Helden der jüdischen Geschichte stilisiert, eben zu jener Art von Vorbildern, wie sie sich Nationalbewegungen schaffen. Nach der Gründung des Staates Israel wurde dieser Mythos ausgebaut und bildete bald einen unverzichtbaren Bestandteil des israelischen Selbstverständnisses. Über das Freiheitssymbol Masada sollte die israelische Gegenwart mit der Vergangenheit des Landes verknüpft werden. In den Worten des ehemaligen Generalstabchefs und Politikers Moshe Dayan: „Masada ist zu einem Symbol des Heldentums und der Freiheit für das jüdische Volk geworden, dem es sagt: Kämpfe lieber bis zum Tod, als dich zu ergeben; ziehe den Tod der Sklaverei und dem Verlust der Freiheit vor.“

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