„Religiöse Märtyrer sind nicht immer Selbstmordattentäter“

Tagung erforscht das „Leben oder Sterben für Gott“ in Judentum, Christentum und Islam

Pm Religioese Maertyrer

Caravaggio: Die Opferung Isaaks

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Religiöse Märtyrer stehen im Mittelpunkt einer Tagung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU). Unter der Überschrift „Leben oder sterben für Gott?“ wollen die Wissenschaftler beleuchten, warum schon immer Juden, Christen und Muslime für Gott gestorben sind. Solche Selbsttötungen oder ein Hinnehmen des Getötetwerdens stünden jedoch im absoluten Gegensatz zu dem Gebot der Lebensbewahrung und zu dem Gebot „Du sollst nicht töten“, erläutern die Judaistin Prof. Dr. Regina Grundmann und der evangelische Theologe Dr. Sebastian Fuhrmann, die die Tagung vom 9. bis 11. Juni in Münster organisieren. Die international besetzte Konferenz soll die geschichtlichen Hintergründe des Themas Martyrium in verschiedenen Religionen untersuchen – auch vor dem Hintergrund des islamistischen Terrorismus von heute.

„Im Gegensatz zu dem, was in aktuellen Debatten als islamistisches Martyrium bezeichnet wird, fehlt in der christlichen Martyriumstradition der Gedanke völlig, dieses auch als kriegerische Handlung gegen andere Menschen zu verwenden“, erläutert Fuhrmann. Mit dem christlichen Martyrium sei fast immer ein missionarischer Impuls gegenüber Heiden verbunden gewesen. „Das Erleiden des freiwilligen Todes war ein kaum zu überbietendes Zeichen, Gott mehr zu achten als den Menschen und dessen politische und nicht-christliche religiöse Autoritäten“, sagt der Neutestamentler. Daher bestehe die Gefahr, dass die stets präsenten Medienbilder islamistischer Selbstmordattentäter in den Köpfen vieler Menschen ein einseitiges Bild des religiösen Märtyrers festigten.

Wenige, klar festgelegte Ausnahmen zum Gebot der Lebensbewahrung

Für das Judentum ist das Gebot der Lebensbewahrung laut der Judaistin Regina Grundmann zentral. „Das Religionsgesetz ist nicht dazu da, Leben zu zerstören, sondern es zu erhalten“, betont die Wissenschaftlerin. Die jüdischen Religionsgelehrten hätten sich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, inwieweit ein Jude bereit sein soll, sich töten zu lassen, um nicht die Gebote übertreten zu müssen. „Dabei wird die Zulässigkeit solcher Handlungen auf wenige, klar festgelegte Ausnahmesituationen beschränkt, denn aus Sicht des Judentums ist das Leben heilig“, so Grundmann.

Den modernen islamistischen Selbstmordattentätern fehle eine uneingeschränkt akzeptierbare religiöse Begründung, sagt auch Islamwissenschaftler Dr. Jan-Peter Hartung von der School of Oriental and African Studies in London, der als Gastredner zur Tagung nach Münster kommt. „Nur durch eine bewusste Vereinfachung von komplexer Theologie und Religionsrecht haben gewaltbereite islamistische Kreise hier dem Martyrium zu neuer Macht verholfen.“ Um politische Ziele mit Terror durchzusetzen, hätten diese Kreise einzelne Elemente frühislamischer Texte wiederbelebt, die allerdings oftmals mit anderen religionsrechtlichen Bestimmungen unvereinbar scheinen. „Die Komplexität der Begründungsmuster“, kritisiert der Forscher, „finden in der gegenwärtigen politischen Berichterstattung über modernen Terrorismus aber kaum Beachtung.“ (han)