„Wir erschließen wichtiges Neuland“

Exzellenzcluster untersucht erstmals umfassend den Einfluss von Religionen auf die Wohlfahrtsstaaten Europas

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Evangelischer Theologe Prof. Dr. Hans-Richard Reuter (links) und katholischer Theologe Prof. Dr. Karl Gabriel

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Der Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster untersucht in einer großen Studie erstmals umfassend den Einfluss von Religionen auf die Wohlfahrtsstaaten Europas. Die Erhebung in 13 Ländern soll eine Forschungslücke schließen, wie die Leiter der Untersuchung, der katholische Theologe Prof. Dr. Karl Gabriel und der evangelische Theologe Prof. Dr. Hans-Richard Reuter, am Montag in Münster mitteilten. Der Faktor „Religion“ tauche in der europäischen Wohlfahrtsforschung bislang kaum auf. „Wir fragen daher, wann Religionsgemeinschaften zur Entstehung und Entwicklung von Wohlfahrtsstaaten beitragen und ob sie das aus sich heraus oder nur aufgrund bestimmter politischer Verhältnisse tun“, erläuterte Prof. Gabriel.

„Die bisherigen Ergebnisse“, so Prof. Reuter, „deuten darauf hin, dass die Religionen sich nicht aus eigenem Antrieb für sozialstaatliche Maßnahmen einsetzen.“ Vielmehr erwächst ihr Engagement dem Forscher zufolge in einer Konkurrenzsituation zwischen Kirchen und Staat, Katholiken und Protestanten oder zwischen ländlichen und städtischen Interessen. Die Religionen wurden demnach in der Entstehungsphase der Wohlfahrtsstaaten dann aktiv, wenn ihre Deutungshoheit und Lösungskompetenz bei sozialen Problemen herausgefordert wurden.

„Der deutsche Sozialkatholizismus etwa“, erläuterte Prof. Gabriel, „musste sich der Vorherrschaft des preußisch-protestantischen Staates und der Konkurrenz der atheistischen Sozialdemokratie und des laizistischen Liberalismus erwehren. So entdeckte er das Feld der Sozialpolitik als Selbstbehauptungschance.“ In der Folge seien die Zentrumspartei und das Subsidiaritätsprinzip als einflussreiches Konzept des sozialen Katholizismus entstanden. Das Beispiel zeige, dass sich die Entstehung und Entwicklung des Sozialstaats in Deutschland und in Europa nur bei angemessener Berücksichtigung des Faktors Religion tatsächlich verstehen lasse.

Die Untersuchung des Exzellenzclusters entsteht im Cluster-Projekt A7 „Die religiöse Tiefengrammatik des Sozialen“. Die vollständigen Ergebnisse sind Ende 2011 zu erwarten. Beteiligt sind Sozialwissenschaftler, Historiker, Theologen und Juristen aus 13 Ländern. Sie untersuchen Bulgarien, Dänemark, Deutschland, England, Frankreich, Griechenland, Italien, Niederlande, Polen, Russland, Schweden, Spanien und die Türkei.

Im ersten Teil der Studie analysiert das Forscherteam den religiösen Gehalt wohlfahrtsstaatlicher Leitbegriffe wie „Arbeit“, „Armut“ und „Familie“ sowie „Solidarität“, „Gerechtigkeit“, „Verantwortung“ und „Subsidiarität“. Im zweiten Teil geht es um religiös-konfessionelle Einflussfaktoren auf den Sozialstaat in den 13 Ländern. Die Wissenschaftler erweitern den Blick der Forschung bewusst um Ost- und Südosteuropa.

„Die Länderstudien zeigen schon jetzt, dass in jedem Land viele spezifische Faktoren und religiöse Begründungen eine Rolle spielten“, so Prof. Reuter. „Sie haben den spezifischen Charakter jedes Landes mitgeprägt. Mit der detaillierten Aufarbeitung dieser Zusammenhänge erschließen wir wichtiges Neuland.“ (vvm)