Debatten-Raum Literatur: Kunstfreiheit und die Grenzen des Sagbaren in der deutschen Gegenwartsliteratur (2020-2025)

Das Dissertationsprojekt untersucht, wie deutschsprachige Gegenwartsliteratur (2020–2025) die Spannungen zwischen Kunstfreiheit, Repräsentationsverantwortung und den Grenzen des Sagbaren ästhetisch verhandelt. Ausgangspunkt ist eine aktuelle Transformation im deutschen Kulturbetrieb: Das Verständnis von Kunstfreiheit verschiebt sich von einer juristischen Schutzgarantie vor staatlicher Zensur hin zu einer moralisch-ästhetischen Verantwortungskultur, die in Institutionen, Verlagen, Feuilletons und bei Preisverleihungen ausgehandelt wird. Unter dem Druck von Identitätspolitik, postkolonialer Kritik und der Erwartung an eine „authentische Zeugenschaft“ steht die Autonomie des literarischen Raums zunehmend auf dem Prüfstand. Die Arbeit verbindet politisch-philosophische Theorien mit narratologischen und postkolonialen Ansätzen, um Literatur als ein „Labor“ pluraler, nicht-vereinnahmender Redeformen zu begreifen. Anhand ausgewählter exemplarischer Texte der Gegenwartsliteratur wird analysiert, wie formale Komplexität als Widerstand gegen einfache Kategorisierungen und Verschlagwortung fungiert.Literarische Verfahren wie Polyphonie, Mehrsprachigkeit, Autofiktion und narrative Unzuverlässigkeit erzeugen dabei eine spezifische „ästhetische Vulnerabilität“. Die zentrale These lautet, dass die Verteidigung der Kunstfreiheit nicht in der Behauptung grenzenloser Autonomie liegt, sondern im ästhetischen Vollzug von Mehrdeutigkeit und Verletzbarkeit als Voraussetzung demokratischer Kommunikation. Ergänzend werden Paratexte wie Interviews und Preisreden als rahmende Diskurse in die Analyse einbezogen.
Betreuer: Prof. Dr. Eric Achermann
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