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Zeitloses Werk mit satirischer Schärfe

Vor 300 Jahren erschien Jonathan Swifts Roman „Gullivers Reisen“ / Internationales Symposium
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Dr. Kirsten Juhas vom Englischen Seminar präsentiert eine 300 Jahre alte Erstausgabe von „Gullivers Reisen“ samt Illustration der fiktiven Titelfigur.
© Ehrenpreis Centre / Bischof

Ein Gastbeitrag von Dr. Kirsten Juhas, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ehrenpreis Centre for Swift Studies an der Universität Münster

Vielen ist "Gullivers Reisen" als Kinderbuchklassiker ein Begriff. Schon wenige Wochen nach der Erstveröffentlichung am 28. Oktober 1726 konstatierte der Schriftsteller John Gay, dass der spätere Weltbestseller über alle Standes- und Altersgrenzen hinweg "vom Kabinett bis zur Kinderstube" gelesen werde. Offensichtlich hatte das Werk aus der Feder von Jonathan Swift (1667–1745), seines Zeichens Dechant der Dubliner St Patrick’s Cathedral, mit seinem fiktiven Reisebericht des 'leichtgläubigen' Arztes Lemuel Gulliver einen Nerv getroffen. Dieser erleidet mehrfach Schiffbruch und strandet auf unbekannten Inseln, deren Einwohner entweder zwölfmal so klein oder zwölfmal so groß sind wie er, absurde wissenschaftliche Experimente durchführen und/oder sich als vernunftbegabte Pferde und "unzivilisierte", affenähnliche Wesen herausstellen.

Der fantastische Vorläufer zahlreicher Science-Fiction-Romane war ursprünglich keineswegs nur für Kinder gedacht. Im Gegenteil. Swift warnte seinen damaligen Verleger unter Verwendung eines Pseudonyms davor, das Buch könne "etwas satirisch" sein, woraufhin dieser seinen Geschäftspartner anwies, als Zensor kritische Passagen zu entschärfen. Sehr zum Ärger Swifts, der die Eingriffe erst nachträglich bemerkte und sich in einem fingierten Brief bitterlich darüber beklagte, der späteren Ausgaben als weitere Facette eines komplexen Verwirrspiels vorangestellt wurde. In einer Zeit, in der Kritik am König als Hochverrat galt und mit dem Tode bestraft werden konnte, war niemand, der an der Drucklegung beteiligt war, vor Strafverfolgung sicher. Auf den Verfasser des vierten Tuchhändlerbriefs, mit dem sich Swift als Kolonialismuskritiker fest ins nationale Gedächtnis Irlands einschrieb, war zwei Jahre zuvor ein Kopfgeld von 300 Pfund ausgesetzt worden. Und obgleich Swifts Autorschaft ein offenes Geheimnis war, fand sich seinerzeit kein einziger Ankläger.

Die satirische Schärfe, mit der Swift die Missstände seiner Zeit, allen voran der herrschenden politischen Klasse, anprangert, macht Gullivers Reisen zu einem zeitlosen und gleichzeitig hochaktuellen Buch. "Swift is the perfect writer of our time", bemerkte unlängst der Dramatiker Conall Morrison unter Verweis auf autokratische Herrschaftssysteme und das Phänomen von Fake News gegenüber der Irish Times.

Dies gilt nicht zuletzt für Swifts beißende Wissenschaftssatire, die für die dritte von Gullivers Reisen so charakteristisch ist. Es mutet fast prophetisch an, wenn Gulliver an der Akademie von Lagado eine 'wunderbare' Maschine präsentiert wird, mittels derer "selbst die ungebildetste Person zu einem vernünftigen Preis und mit geringem körperlichen Einsatz Bücher in Philosophie, Poesie, Politik, Recht, Mathematik und Theologie schreiben könne, ohne die geringste Hilfe durch Begabung oder Lernen", wie es Hermann J. Real und Heinz Vienken 1984 in ihrer Übersetzung für den Reclam-Verlag formulieren.

Hintergrund:

Das 300. Jubiläum der Publikation von Gullivers Reisen fällt zusammen mit einem weiteren Jubiläum, der Gründung des Ehrenpreis Centre for Swift Studies. Das Forschungsinstitut, das Prof. Dr. Hermann J. Real ins Leben gerufen hat und das inzwischen Prof. Dr. Klaus Stierstorfer leitet, zählt mittlerweile mehr als 10.000 bibliografische Einheiten. Dazu gehören die weltweit größte Rekonstruktion von Swifts eigener Bibliothek und Lesewelt in identischen Impressa, zahlreiche Erst-, Werk- und seltene Einzelausgaben seiner Pamphlete, Gedichte und Prosatexte sowie Bearbeitungen von Gullivers Reisen für Kinder und Erwachsene in mehr als 30 Sprachen. Das Team vom Ehrenpreis Centre gibt ein Jahrbuch heraus, veranstaltet Ausstellungen und heißt interessierte Besucherinnen und Besucher aus aller Welt willkommen – so auch am 26. und 27. Oktober auf der Konferenz "Celebrating 300 Years of Gulliver’s Travels: The Eighth Münster Symposium on Jonathan Swift".

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 6, 7. Oktober 2026. (pdf)

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