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Original anders

Übersetzungen sind für Praxis und Wissenschaft Chance und Herausforderung zugleich – eine Einführung
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Der heilige Hieronymus – hier ein Gemälde von Domenico Ghirlandaio aus dem Jahr 1480 – gilt als Schutzpatron der Übersetzerinnen und Übersetzer. Geehrt wird er jährlich am 30. September.
© Wikimedia Commons

Mit dem Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) hatte Gott nicht gerechnet. Seine mehr als 6.500 Mitglieder laufen täglich der babylonischen Sprachverwirrung zuwider, indem sie Gesprochenes und Geschriebenes in über 90 Sprachen übersetzen. Für die aufmüpfigen alttestamentlichen Turmbauer, die mit ihrem Vorhaben am göttlichen Himmel kratzen wollten und mit sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten bestraft wurden, kommt der 1955 gegründete Verband leider ein paar Tausend Jahre zu spät.

Die Sage des Turmbaus zu Babel zeigt allerdings die immense Bedeutung von sprachenübergreifender Verständigung – und damit von Übersetzungen. Meist verstecken sie sich gut, getarnt durch Handwerkskunst oder Gewohnheit. Selbstverständlich ist das nicht. Einfach schon gar nicht. Wichtig aber allemal. Das meinte auch Johann Wolfgang von Goethe, als er in einem 1827 verfassten Brief das Übersetzen als "eins der wichtigsten und würdigsten Geschäfte in dem allgemeinen Weltwesen" erklärte. Zuvor weist er, der selbst zahlreiche Übersetzungen etwa aus dem Französischen, Italienischen und Griechischen ins Deutsche anfertigte, allerdings auf die "Unzulänglichkeit des Übersetzens" hin.

Damit übte Goethe keine Fundamentalkritik, sondern implizierte weitreichende theoretische und praktische Herausforderungen, mit denen Übersetzerinnen und Übersetzer konfrontiert sind. Was lange Zeit unsystematische Beobachtungen und Folgerungen von Denkern wie Goethe, Voltaire oder Humboldt waren, verfolgt die Translationswissenschaft seit Mitte des 20. Jahrhunderts als eigene Disziplin akademisch. Eine Vertreterin des Fachs ist Dr. Christina Clasmeier, die seit 2022 Juniorprofessorin für Slavistische Sprachwissenschaft mit Schwerpunkt Translationswissenschaft am Institut für Slavistik der Uni Münster ist. "Übersetzen ist eine Praxis. Die Translationswissenschaft beschreibt und analysiert sie", erklärt die Linguistin. Zahlreiche Theorien hat die Translatologie herausgearbeitet, indem sie Übersetzungen systematisiert und problematisiert, Ausgangs- und Zieltexte vergleicht und dabei verschiedene Disziplinen einbezieht, etwa die Sprach-, Literatur-, Kommunikations- und Kulturwissenschaft, Psycholingustik und Informatik.

Zentral ist die Frage, ob man den Leser zum Autor oder die Autorin zur Leserin bringt
Prof. Dr. Christina Clasmeier

Die Translationswissenschaft beackert also ein weites Feld. Das liegt zunächst an einer banalen wie grundlegenden Erkenntnis, die die Übersetzerin und Autorin Dr. Radegundis Stolze in ihrem Standardwerk "Übersetzungstheorien. Eine Einführung" formuliert: "Weil der Aufbau der Einzelsprachen verschieden ist, können Übersetzungen nicht identisch sein." Diese Wahrheit bildet den Kern aller Übersetzungspraktiken und -theorien. Aber was bedeutet es, wenn Wörter, Sinn, Grammatik und Syntax nie deckungsgleich sind und Friedrich Schleiermacher, Autor, Theologe und Philologe, davon schreibt, dass der "Geist der Sprache" des Ausgangstexts vermittelt werden müsse?

Hier scheiden sie sich, die Geister. Während Arthur Schopenhauer die wortgetreue Übersetzung unnatürlich und tot fand, erachtete er die freie Übersetzung meist als falsch. Wie man’s macht, macht man’s also falsch? "Zentral ist die Frage, ob man den Leser zum Autor oder die Autorin zur Leserin bringt", erklärt Christina Clasmeier. Um diese Frage zu beantworten, unterschied Schleiermacher zwischen einbürgernder und verfremdender Übersetzung. Beim Verfremden wird der Leser besonders stark mit dem Autor und der Originalsprache konfrontiert.

Die Übersetzung nutzt am Original orientiere Formulierungen, die mitunter altertümlich oder hölzern klingen, damit man dem Text seinen fremdsprachigen Ursprung anmerkt. Auf der anderen Seite dieses Kontinuums steht die Einbürgerung. Dabei wird der Text derart an die Zielsprache angepasst, dass er flüssig und vertraut gelesen werden kann, mitunter auf Kosten der Werktreue. "Als Romanleserin mag ich es, wenn man einem Text nicht anmerkt, dass er eine Übersetzung ist", sagt Christina Clasmeier.

Die Äquivalenztheorie kann dabei helfen, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Dabei geht es um eine Gleichwertigkeit zwischen Ausgangs- und Zieltext, etwa auf sprachlicher, inhaltlicher oder pragmatischer Ebene. "Bei der philologischen Betrachtung ist die Kardinalfrage, ob eine Gleichwertigkeit auf inhaltlicher oder formaler Ebene angestrebt werden soll", erklärt Christina Clasmeier. Besonders knifflig ist die Beantwortung bei Gedichten, deren Form (etwa Reime, Alliterationen) besonders schwer zu übersetzen ist.

Ein berühmtes Beispiel aus der prosaischen Weltliteratur ist Dostojewskis "Преступление и наказание" (Prestuplenie i nakazanie). Im Deutschen ist der Roman vor allem unter dem Titel "Schuld und Sühne" bekannt. "Prestuplenie i nakazanie" heißt aber wörtlich am ehesten "Verbrechen und Strafe". Während frühe Übersetzungen eine moralisch-theologische Übertragung wählten, entschied sich die Übersetzerin Swetlana Geier 1994 für "Verbrechen und Strafe", womit sie eine weltlich-juristische Sicht fokussiert. An solchen Varianten zeigt sich, der emeritierten Heidelberger Übersetzungswissenschaftlerin Prof. Dr. Jekatherina Lebedewa folgend, eine wichtige, gar die "am häufigsten übersehene, unverstandene, missachtete oder sogar verbotene übersetzerische Leistung", nämlich die der Interpretation.

Die Äquivalenztheorie bekam in den 1980ern Konkurrenz, als Hans J. Vermeer die Skopostheorie formulierte. Wichtiger als die rein sprachliche Betrachtung (und Äquivalenz) wurde damit der Zweck oder die Funktion (Skopos) einer Übersetzung. Die Translationstheorie wurde so zu einer Handlungstheorie, wodurch für Jekatherina Lebedewa wiederum der Translator als "Experte für die Ausgangs- und Zielkultur und damit die interkulturelle Kommunikation" aufgewertet wurde. Diese Kommunikation soll gemäß Bibel letztlich auch Gott gestärkt haben, denn er hat nicht nur für Sprachverwirrung gesorgt. Laut Apostelgeschichte erfüllte der Heilige Geist am Pfingstfest die Menschen in Jerusalem, riss alle (babylonischen) Sprachbarrieren ein und sorgte für grenzenlose Verständigung – ganz im Sinne des BDÜ und der Translationswissenschaft.

Autor: André Bednarz

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 6, 7. Oktober 2026 | (pdf)

Weitere interessante Zahlen, Daten und Fakten rund um Übersetzungen:

Was ist die älteste erhaltene Übersetzung?

Historische Funde belegen, dass bereits circa 2.500 vor Christus spezielle Tontafeln genutzt wurden, um semitische Zeichen zu entschlüsseln.

Welcher Stellenwert kommt dem Übersetzer zu?

Der US-amerikanische Translationswissenschaftler Prof. Dr. Lawrence Venuti forderte 1995 in seinem Buch "The Translator’s Invisibility: A History of Translation", den Übersetzer stärker in den Fokus zu rücken, da der Leser nicht den Originaltext, sondern den des Übersetzers lese. Darum spricht sich Venuti für das Prinzip der Verfremdung aus, da so die fremde Kultur als auch die Leistung des Übersetzers gestärkt würden. Auch die Frankfurter Buchmesse wird dies im Oktober tun, indem sie den "Helen & Kurt Wolff Übersetzerpreis" für herausragende literarische Übersetzungen aus dem Deutschen ins Englische verleiht.

Welche berühmten Übersetzer gibt es?

Sophronius Eusebius Hieronymus (348–420) erstellte die Vulgata, die zur offiziellen katholischen Übersetzung der Bibel wurde und die er aus dem Griechischen und Hebräischen ins Lateinische übersetzte. Er wird als Schutzpatron der Übersetzer verehrt. Martin Luther übersetzte das Neue Testament in nur wenigen Wochen ins Deutsche ("dem Volk aufs Maul geschaut"). Das prägte nicht nur die deutsche Einheits- und Schriftsprache, sondern veränderte die europäische Politik und Religion tief. "Er ist es, der die deutsche Sprache, einen schlafenden Riesen, aufgewecket und losgebunden hat", schrieb der Dichter und Philosoph Gottfried Herder (1744–1803).

Wer übersetzt an der Universität Münster?

Fremdsprachensekretärinnen und -sekretäre übersetzen an der Universität Münster ebenso wie die Beschäftigten der Supportstelle Englisch. Auch Forschende etwa aus den Philologien, Theologien oder der Geschichtswissenschaft übernehmen diese Aufgabe. Zudem arbeiten manche Lektoren, Lehrende und Forscher freiberuflich als Übersetzer oder Dolmetscher. Und an vielen Schreibtischen werden manuell oder maschinell zahlreiche Übersetzungen für das Studium, die Kommunikation oder die Verwaltung erstellt.

Was sind die am häufigsten übersetzten Texte?

Die drei am häufigsten übersetzten literarischen Werke sind die Bibel (ganz oder in Teilen in mehr als 2.000 Sprachen), "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry (rund 470 Sprachen) und "Die Abenteuer des Pinocchio von Carlo Collodi" (rund 250 Sprachen). Das meistübersetzte Dokument der Welt ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (in mehr als 500 "Optionen" verfügbar – also Sprachen, Dialekten und Gebärdensprachen).

Warum werden manche Werke mehrmals übersetzt?

Für Dr. Christina Clasmeier, Juniorprofessorin am Institut für Slavistik, ändere sich zwar ein Text nicht, aber er könne zeitlich, räumlich und gesellschaftlich immer wieder neu verortet werden. "Übersetzungen sind ein permanenter Entscheidungsprozess, weshalb beispielsweise eine Bibelübersetzung von Hieronymus aus dem 4. Jahrhundert andere Entscheidungen mit sich bringt als ein heutiges gendersensibles Translat." Die emeritierte Heidelberger Übersetzungswissenschaftlerin Prof. Dr. Jekatherina Lebedewa findet sogar, dass jeder übersetzte Text "bereits die Aufforderung zur Neuübersetzung" in sich trage.

Was ist die meistübersetzte Website der Welt?

Die meistübersetzte Website der Welt ist die offizielle Website der Zeugen Jehovas (1.025 Sprachen). Zum Vergleich: Apples Website wird in 126 verschiedene Sprachen übersetzt, Googles Suchseite in 149, und die Inhalte von Wikipedia stehen in 290 verschiedenen Sprachen zur Verfügung.

Was ist wichtig beim Übersetzen wissenschaftlicher Texte?

Die Übersetzerin und Autorin Dr. Radegundis Stolze unterscheidet zwischen naturwissenschaftlich-technischen und geistes-sozialwissenschaftlichen Texten. Erstere dienten der "Erkenntnis und Beschreibung außersprachlicher Gegenstände und Sachverhalte". Strenge Begriffsbestimmungen böten folglich einen hohen Grad an Orientierung bei einer Übersetzung. Interpretatorisch offen sei dagegen die "Fachsprache der Sozial- und Geisteswissenschaften", da sie von Deutungen abhingen. Begriffe basierten auf dem allgemeinen Sprachgebrauch und seien nicht "systematisch hergeleitet oder terminologisch fixiert". Strömungen, veränderliche Konventionen und Diskurse sorgen demnach für weniger Eindeutigkeit beim Übersetzen. Laut Christina Clasmeier wird darum etwa in der Philosophie auch vom kommentierenden Verfahren Gebrauch gemacht. Dabei werden originalsprachliche Begriffe nicht übersetzt, sondern vom Übersetzer im Zieltext kommentiert.

Gesammelt von Norbert Robers und André Bednarz

Dieser Beitrag ist Teil einer Themenseite.

Weitere Informationen / Links:

Prof. Dr. Christina Clasmeier

Institut für Slavistik

Weiterer Beitrag der Themenseite: Drei Sprachen – drei Perspektiven (mit Prof. Dr. Carl De Strycker, Institut für Niederländische Philologie und Dr. Javier García Albero, Romanisches Seminar)