
„Der Jüd nahm Silber Gold und Speck / und liess dir Deutschen diesen Dreck.“ Banknote mit antisemitischem Aufkleber 1923/1924
Reichsbanknote der Reichsbankdirektion Berlin, Nennwert: 10 Millionen Mark
Ausgabe vom 22. August 1923, Drucknummer / Serie: WB-36, Kontrollnummer: 619533
Druck auf Papier, einseitig, Maße: 81 x 125 mm, Maße des aufgeklebten Papiers auf der Rückseite: 11–12 x 105 mm
Mit Umlaufspuren, Knickfalte und Flecken
Sammlung: Bernd Thier, Münster
Der vorliegende 10 Millionen Mark-Geldschein stammt aus einer privaten Sammlung von historischen Propaganda- und Werbegeldscheinen in Münster. Erworben wurde er bereits Anfang der 1980er Jahre aus der ehemaligen Sammlung des unter seinem Kürzel OES bekannten Dortmunder Münz- und Geldscheinsammlers Otto Ernst Schulze (1898–1976) und folglich zu einer Zeit, zu der diese heute seltenen und gesuchten Scheine noch nicht durch Aufdrucke mit modernen Drucktechniken (etwa mit Hilfe von Tintenstahl- oder Laserdruckern) gefälscht wurden. Es handelt sich demnach um ein Original aus der Zeit.
Die Banknote wurde von der Reichsbank auf dem Höhepunkt der sogenannten galoppierenden Inflation als offizielles Zahlungsmittel ausgegeben. Auf der Vorderseite befindet sich die Aufschrift der Reichsbank, nach der die Reichsbankhauptkasse in Berlin dem Einlieferer den auf der Banknote angegebenen Betrag von 10 Millionen Mark auszahlt. Weiter wird darauf hingewiesen, dass die Banknote ab dem 1. Oktober 1923 aufgerufen und gegen andere gesetzliche Zahlungsmittel eingezogen werden konnte. Die Banknote ist auf den 22. August 1923 datiert und trägt die mitgedruckten Unterschriften der Mitglieder des Reichsbankdirektoriums.
Daneben befindet sich der Hinweis, dass das Nachahmen oder Verfälschen von Banknoten sowie deren Weitergabe mit einer Zuchthausstrafe von mindestens zwei Jahren bestraft wurde. Zusätzlich weist der Schein zwei mitgedruckte Stempel des Reichsbankdirektoriums sowie die Angaben „WB-36“ und „619533“ auf.
Besonders aufschlussreich ist die nachträgliche Veränderung der Banknote. Auf ihrer Rückseite wurde ein Zettel aufgeklebt, dessen Text mit einer Schreibmaschine mit Hilfe eines violetten Durchschreibepapiers (auch Blau- oder Kopierpapier) auf ein transparentes Pauspapier, folglich in mehreren Exemplaren gleichzeitigt und daher in Serie, geschrieben wurde. Auf dem mit einem transparenten Klebstoff angebrachtem Aufkleber steht: „Der Jüd nahm Silber, Gold und Speck und liess dir Deutschen diesen Dreck.“ Damit wurde ein ursprünglich staatlich ausgegebenes Zahlungsmittel nachträglich zu einem Träger antisemitischer Propaganda. Der Schein ist somit nicht allein als Banknote, sondern zugleich als zeitgeschichtliches Zeugnis zu betrachten.
Solche veränderten Banknoten werden auch als Propagandageldscheine bezeichnet. Sie waren ursprünglich als reguläre Zahlungsmittel im Umlauf, wurden jedoch – wie zahlreiche überlieferte Exemplare belegen – durch Aufschriften, Stempel, Überdrucke oder aufgeklebte Zettel nachträglich mit politischen Botschaften versehen. Gerade dadurch geben sie Einblicke in die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Umlaufzeit. Ihre besondere Wirkung als Propagandamittel lag darin, dass Geld im alltäglichen Leben eine zentrale Bedeutung besaß. Während Flugblätter oder andere Werbemittel nach ihrer Verteilung meist weggeworfen wurden, wechselte eine Banknote ursprünglich von Hand zu Hand und blieb dadurch theoretisch länger im öffentlichen Umlauf und wurde auch eher zur Kenntnis genommen, als ein an sich „wertloses“ Flugblatt. Die Verbindung eines alltäglichen Gegenstands mit einer politischen Botschaft verlieh solchen Propagandageldscheinen daher eine besondere Wirkung.
Diese Entwicklung steht im Zusammenhang mit der zunehmenden Bedeutung des Papiergeldes in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Umfangreiche Investitionen konnten nicht mehr allein mit – auch schwer zu transportierendem – Münzgeld finanziert werden. Die Bedeutung der Banknoten nahm in der Folge weiter zu. Spätestens mit dem Ersten Weltkrieg verdrängten Geldscheine die Münzen zunehmend aus dem alltäglichen Zahlungsverkehr. Bereits während der Inflation und vor allem nach der anschließenden Währungsstabilisierung durch eine vollständige Währungsreform verloren zahlreiche Banknoten und Notgeldscheine ihren ursprünglichen Geldwert. Einige dieser wertlos gewordenen und dem offiziellen Umlauf entzogenen Scheine wurden in der Folge in Deutschland und Österreich zu Trägern politischer und antisemitischer Propaganda und somit in ihrer Funktion zu einer Art Flugblätter oder Flyer, wie man sie heute bezeichnen würde. Die ursprünglich von einer staatlichen Institution herausgegebenen offiziellen Banknoten erhielten und verbreiteten nun eine sekundäre private Botschaft.
Der Einsatz von Geld als Träger politischer Botschaften war dabei grundsätzlich nicht neu. Bereits seit der Antike Münzen wurden auch zur Vermittlung von politischen Aussagen und Propaganda genutzt, denn Geld war auch immer schon ein Medium, das über seine eigentliche Funktion als Zahlungsmittel hinaus politische und gesellschaftliche Vorstellungen vermitteln konnte.
Die sekundäre Verwendung von Banknoten als antisemitische Propagandamittel muss vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen nach dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) betrachtet werden. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten antisemitische Vorstellungen Verbreitung gefunden. Eine besondere Rolle spielten dabei die sogenannten Protokolle der Weisen von Zion, die die Vorstellung einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung verbreiteten und jüdischen Einfluss unter anderem auf die Finanzwelt, die Medien, die Kunst, die Industrie und die Politik behaupteten. Nach dem Ende des Kriegs verstärkten sich solche antisemitischen Deutungen. Juden wurden nicht nur im Rahmen der sogenannten Dolchstoßlegende für die Niederlage der deutschen Armee mitverantwortlich gemacht, sondern zugleich als Gewinner des verlorenen Krieges dargestellt. Damit boten sich besonders jüdische Menschen als Zielscheibe für politische Schuldzuweisungen an.
Die Jahre bis 1923 waren von politischen Putschen, Ausschreitungen und einer zunehmenden Radikalisierung geprägt. Die Hyperinflation, die schließlich 1923 ihren Höhepunkt erreichte, führte für viele Menschen zu einem erheblichen Verlust ihres Vermögens, während gleichzeitig einige von der wirtschaftlichen Situation profitieren konnten. Die Erfahrungen von Kriegsende, Revolution, politischen Unruhen und wirtschaftlichem Leid waren noch unmittelbar präsent. Für rechte Parteien boten die alten Banknoten der Inflationszeit deshalb ein geeignetes Mittel, um diese Erinnerungen politisch zu nutzen. Die während der Inflation entstandenen Geldscheine wurden mit politischen und antisemitischen Überstempelungen und Überdrucken versehen. Dabei richteten sich die Schuldzuweisungen insbesondere gegen linke Parteien und gegen Juden.
Auch die Wahlkämpfe dieser Zeit zeigen, dass antisemitische Propaganda bereits vor 1933 eine Rolle spielte. Bei der Wahl zur Nationalversammlung 1919 wurden beispielsweise propagandistische Darstellungen eingesetzt, in denen führende Persönlichkeiten linker Parteien als „Kohn“ (Abb. 1) bezeichnet wurden. „Kohn“ diente dabei als antisemitische Spottbezeichnung und knüpfte an einen häufigen jüdischen Familiennamen an.

Obwohl Antisemitismus somit bereits in diesem frühen Wahlkampf als politisches Thema vorhanden war, sind für die erste Wahl nach dem Krieg keine entsprechenden Propaganda-Überdrucke auf Geldscheinen bekannt. Diese waren zu jener Zeit noch gültig und daher viel zu wertvoll, um alleinige Träger von Propaganda zu werden. Antisemitische Zusätze auf Geldscheinen lassen sich daher erst aus den frühen 1920er Jahren im Zusammenhang mit der Inflation nachweisen.
Auch die Reichstagswahlen von 1920 und 1924 waren von den politischen Spannungen der Zeit geprägt. Nach dem Krieg und den gescheiterten Umsturzversuchen standen sich unterschiedliche politische Lager zunehmend unversöhnlich gegenüber. Die wirtschaftliche Situation und die Folgen des Krieges verstärkten dabei die Radikalisierung. Besonders die Reichstagswahl von 1924 fand unter dem Eindruck der vorangegangenen politischen und wirtschaftlichen Krisen statt. Antisemitische und republikfeindliche Parteien konnten die Erfahrungen der Inflation für ihre politischen Botschaften nutzen.
In diesem Zusammenhang wurden Geldscheine der deutschen Inflationszeit in größerem Umfang mit politischen und antisemitischen Aufdrucken versehen. Sie dienten nicht mehr ausschließlich als Zahlungsmittel, sondern wurden gezielt als Propagandamittel im Wahlkampf und zur politischen Beeinflussung eingesetzt. Auf solchen Scheinen wurden Juden beispielsweise als Gewinner der politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen dargestellt. Ein Propagandaaufdruck des Völkisch-Sozialen Blocks (VSB) auf der Rückseite einer Reichsbanknote aus der Inflationszeit stellte die Juden sogar als Verantwortliche für die „Errungenschaften der Revolution“ (Abb. 2) einschließlich der Papiergeldwirtschaft dar.

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch der eingangs beschriebene 10 Millionen Mark-Schein einordnen. Entscheidend ist dabei, dass der Schein selbst zwar aus dem Jahr 1923 stammt, die antisemitische Beschriftung jedoch eine spätere politische Nutzung des bereits vorhandenen Geldscheins erkennen lässt. Der Aufdruck „Der Jüd nahm Silber, Gold und Speck und liess dir Deutschen diesen Dreck.“ verbindet die Erinnerung an die Inflation unmittelbar mit einer antisemitischen Schuldzuweisung. Die wertlos gewordene Banknote wurde dadurch zu einem Symbol für die wirtschaftlichen Folgen der Inflation und zugleich zu einem Mittel, um Juden für diese Entwicklung verantwortlich zu machen.
Gerade darin liegt seine Bedeutung für die Frage, warum antisemitische Hetzpropaganda bereits lange vor 1933 verbreitet werden konnte. Die ein ganzes Volk diskriminierende Aussage entstand nicht zwangsläufig gleichzeitig mit der Herstellung der Banknote, sondern konnte später auf einen bereits vorhandenen und durch die Inflation symbolisch aufgeladenen Gegenstand aufgebracht werden. Die wirtschaftlichen Erfahrungen der Inflation wurden dadurch mit bereits vorhandenen antisemitischen Vorstellungen verbunden. Der Schein zeigt somit, wie die Erinnerung an die Inflation in den Jahren 1924/25 für politische Propaganda genutzt werden konnte, indem Juden als diejenigen dargestellt wurden, die von der wirtschaftlichen Not profitiert oder diese sogar verursacht hätten.
Damit wird deutlich, dass die antisemitische Propaganda dieser Zeit nicht erst mit dem Aufstieg der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) und des Nationalsozialismus nach 1933 einsetzte. Vielmehr konnten politische Akteure bereits in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg an bestehende antisemitische Vorstellungen anknüpfen und diese mit den konkreten Erfahrungen von Krieg, Revolution und Inflation verbinden: Ein alltägliches Zahlungsmittel wurde nachträglich zu einem politischen Propagandaträger, auf dem die wirtschaftliche Not der Inflationszeit mit einer antisemitischen Schuldzuweisung verbunden wurde.
(Eiman Tariq, Teilnehmerin der Numismatischen Herbstschule)
Weiterführende Literatur
H.-L. Grabowski – W. Haney (Hrsg.), „Der Jude nahm uns Silber, Gold und Speck…“ Für politische und antisemitische Propaganda genutzte Geldscheine in der Zeit der „Weimarer Republik“ und des „Dritten Reichs“ (Regenstauf 2015)
Blogbeiträge
https://www.geldscheine-online.com/post/der-propaganda-tausender
https://www.geldscheine-online.com/post/leserpost-propagandascheine
[Bildnachweise: MdM September 2026: Bernd Thier, Abb. 1-2 nach Grabowski – Haney 2015, S. 34 und 42]
