
Mit dem Wildschwein zur Stadtgründung
Münzstätte Ephesos, ca. 193-211 n. Chr.
AE (20,62 g; 35 mm; 6 h)
Vs. Λ CЄΠ CЄ[ΟΥΗΡΟC ΠЄΡΤΙΝΑΞ ΑΥΓ]. Drapierte Panzerbüste des Septimius Severus n. r. mit Lorbeerkranz
Rs. ЄΦЄ-CΙΩΝ Β - [ΝЄΟΚΟΡΩΝ]. Reiter mit wehendem Mantel auf einem n. r. galoppierenden Pferd, in der erhobenen und zurückgenommenen r. Hand hält er eine zum Wurf bereite Lanze, unter dem Pferd läuft ein Wildschwein n. r.
Inv.-Nr. M 1095 (ex Theobald Bieder)
Lit. RPC V.2 type/unassigned ID 98853, coin 517347 (dieses Stück, Unikat)
Die Münzen, die griechische Städte während der römischen Kaiserzeit ausgeben, sind voller Lokalpatriotismus, die Rückseiten erzählen von Gottheiten und Kulten, von mythischer Vergangenheit und historischen Ereignissen, sie präsentieren bekannte Bauten und feiern lokale Feste. Zudem sammeln die Städte Ehrentitel, die sie auf ihren Münzen auflisten und über die sie im Wettstreit mit den Nachbargemeinden stehen (hier ist es die „zweite Neokorie“, der zweite provinziale Kaiserkulttempel).
Unsere Münze des Monats ist in Ephesos während der Regierungszeit des Septimius Severus (193-211 n. Chr.) aus einem seltenen Vorderseitenstempel geprägt. Üblich ist unter Severus die Abbildung der kaiserlichen Panzerbüste in der Rückenansicht, nur wenige Exemplare zeigen das Brustbild von vorne. Das ist der Fall bei unserem Stück. Auf der Rückseite sehen wir einen reitenden Mann, der ein Wildschwein jagt. Es kommt vor, dass Städte den jagenden Kaiser abbildeten, meist, weil der Kaiser vor Ort auf die Jagd gegangen ist, und die Städte sich dann kaiserlicher Anwesenheit rühmen können. Doch in unserem Fall reicht das Bild viel weiter in die Vergangenheit: in eine Zeit der mythischen Stadtgründung von Ephesos.
Der literarischen Überlieferung zufolge war es zu einem denkwürdigen Aufeinandertreffen von Siedlern, Schwarzwild und einem Fisch gekommen. So erzählt Athenaios (8,361d–e), der sich wiederum auf die Annalen der Ephesier beruft, eine etwas verschrobene Geschichte:
Kreophylos berichtet in der „Chronik von Ephesos“, die Gründer der Stadt hätten große Mühe gehabt, einen geeigneten Platz zu finden, und schließlich zum Orakel geschickt und gefragt, wo sie ihre Stadt erbauen sollten. Die Antwort war: Dort, wo ihnen ein Fisch es zeigt und ein Wildschwein sie hinführt. Es heißt nun, dass dort, wo jetzt die sogenannte „Quelle unter dem Ölbaum“ ist und der Heilige See, Fischer ihr Mahl bereiteten. Da sei nun ein Fisch vom Feuer hochgesprungen und zusammen mit einer glühenden Kohle auf einen Abfallhaufen gefallen. Dadurch sei ein Dickicht in Flammengesetzt worden, in dem ein Keiler steckte. Der rannte, vom Feuer aufgescheucht, eine weite Strecke durch das Bergland, das jetzt der raue Berg heißt, und fiel, von Speeren getroffen, dort nieder, wo jetzt der Tempel der Athena steht. (Übers. nach U. und K. Treu)
Andere antike Autoren wie Strabon, Pausanias und Stephanos von Byzanz nennen konkret Androklos als Anführer dieser Siedler und damit als Gründer von Ephesos. Auf zahlreichen ephesischen Inschriften wird Androklos bis in die Spätantike hinein als ktistes („Gründer“) bezeichnet und verehrt. Er gilt als Sohn des athenischen Ur-Königs Kodros: Diese literarisch belegte Abstammung stellt einen Hinweis dar auf die vom griechischen Mutterland ausgehende ionische Wanderung nach Kleinasen, die ins 11. Jahrhundert v. Chr. zurückreicht und die sich auch im keramischen Fundspektrum in Ephesos spiegelt (Kerschner 2002).
Durch eine breite u.a. numismatische Instrumentalisierung des genannten Mythos verschafft sich die Stadt in der Kaiserzeit ein hohes Alter und eine Verbindung nach Athen. Beide Aspekte spielen eine wichtige Rolle im interstädtischen Vergleich um Ansehen und Prestige. In klassischer und hellenistischer Zeit steht die Münzprägung noch ganz im Zeichen der bekannten Artemis von Ephesos mit ihren Attributen Biene und Hirsch. Erst ab flavischer Zeit (ab dem Ende 1. Jahrhundert n. Chr.) wird das Themenspektrum der Münzprägung variantenreicher und seit der Zeit Hadrians (reg. 138-161 n. Chr.) bis zum Ende der städtischen Münzprägung unter Gallienus (reg. 260-268 n. Chr.) kombiniert man in Ephesos auf kaiserzeitlichen Münzen einen jungen Heros mit einem Wildschwein und spielt so regelmäßig auf diese Gründungsgeschichte der Stadt an. Dabei werden verschiedene Interaktionen mit dem Schwarzwild illustriert, uns begegnen:
- ein stehender nackter Heros mit Lanze, er trägt das erlegte Wildschwein (unter Hadrian [benannt als ΑΝΔΡΟΚΛΟϹ], Caracalla, Severus Alexander [ΑΝΔΡΟΚΛΟϹ], Gallienus, Salonina [ΑΝΔΡΟΚΛΟϹ])
- ein stehender nackter Heros mit Lanze und Wildschwein zu seinen Füßen, so erscheint er auch als Städtevertreter auf Homonoia-Münzen mit Alexandria (jeweils unter Gordian III. [benannt als ΑΝΔΡΟΚΛΟϹ])
- der reitende Androklos mit Speer, der zum Wurf auf das Wildschwein ausholt (unter Antoninus Pius [benannt als ΑΝΔΡΟΚΛΟϹ], Marc Aurel, unser Stück unter Septimius Severus, Severus Alexander, Gordian III.). Ob er im Brustpanzer reitet oder nackt, nur mit wehendem Mantel, ist auf den erhaltenen Exemplaren nicht klar zu unterscheiden – wenngleich die nackte Variante dem Heros angemessener ist
- sowie Androklos in Schrittstellung, manchmal in Begleitung eines Hundes, dem Wildschwein gegenüberstehend (unter Macrinus [benannt als ΑΝΔΡΟΚΛΟϹ], Severus Alexander [ΑΝΔΡΟΚΛΟϹ], Gordian III. [ΑΝΔΡΟΚΛΟϹ], Philippus iunior [ΑΝΔΡΟΚΛΟϹ], Philippus iunior, Decius [ΑΝΔΡΟΚΛΟϹ], Etruscilla, Gallienus, Salonina)
Auf einigen dieser Typen wird der Dargestellte explizit als ΑΝΔΡΟΚΛΟϹ benannt – so, als müsse man den Nutzern der Münzen die Szenen erklären. Unser Typ des reitenden Heros weist nur auf seinen frühesten Prägungen unter Antoninus Pius die erklärende Beischrift auf, später verzichtet man darauf.

Auf Kleinbronzen (17mm) findet sich zudem der Typ des einzelnen Wildschweins; meist ist es von einem Speer getroffen (Abb. 1). Unter fast allen Kaisern von Antoninus Pius bis Gallienus wird dieses reduzierte Motiv regelmäßig ausgegeben, intensiv auch unter Septimius Severus – sowohl mit dem Kaiserporträt als auch mit den Bildern seiner Söhne Caracalla und Geta auf der Vorderseite. An den Gründungsmythos wird also jederzeit und in verschiedenen Nominalen erinnert. Wie auf den Kleinbronzen ist das Wildschwein auch auf den meisten Stücken des Reitertyps bereits vom Speer durchbohrt, bei unserem Stück scheint dies allerdings (noch) nicht der Fall zu sein.
Wie erwähnt nehmen Städte durchaus Bezug auf kaiserliche Präsenz (wenn sie diese lokalpatriotisch nutzen können); seltener kommt es zur Übernahme kaiserlicher Themen aus der römischen Reichsprägung. Aber auch das kommt vor, gerade in Ephesos, dem römischen Statthaltersitz der Provinz. Und gerade unter Septimius Severus fällt vermehrt kaiserliche Präsenz auf dem Lokalgeld auf; so wird hier u.a. der siegreiche Kaiser gezeigt, der einen unterlegenen Gegner niederreitet (mit Septimius Severus auf der Vs.: RPC V.2 unassigned ID539, ID1165, ID1260, mit Caracalla: ID58818, ID80520, ID69589 und mit Geta: ID80544). Immer findet sich dieses eigentlich reichsrömische Motiv in Ephesos auf großen 35/36mm-Nominalen – wie der reitende Androklos, der bislang unter den Severern fehlte.

Das Münsteraner Stück, eine Münze aus der Sammlung Theobald Bieders (1876-1947), schließt eine Lücke, denn es stellt den ersten Beleg dar für die Instrumentalisierung des Lokalheros auf den Münzen des Septimius Severus. Die Kombination des Reiters mit dem Wildschwein macht klar: Hier reitet nicht der Kaiser, sondern der Gründerheros Androklos. Doch die fast identische Komposition beider Münztypen lässt vermuten, dass diese Ähnlichkeit nicht zufällig ist, dass hier Ähnlichkeiten mit lebenden Personen durchaus beabsichtigt sind bzw. umgekehrt: Der gängige Lokaltypus wird auch unter Severus genutzt und er wird umgebildet auf den Kaiser. Die „Hauptstadt“ von Asia hat beides: uralte Tradition und Kaisernähe.
(Katharina Martin)
Weiterführende Literatur
- Die Quellen (literarische Texte, Inschriften, Münzen, Skulptur-/Relieffragmente) sind zusammengestellt von E. Rathmayr, Die Präsenz des Ktistes Androklos in Ephesos, Anzeiger der ÖAW, phil.-hist. Klasse 145, 2010, S. 19-60
- S. Karwiese, Katalog und Aufbau der römerzeitlichen Stadtprägung, Die Münzprägung von Ephesos V,1 (Wien 2012) liefert den Katalog der ephesischen Münzprägung
- S. Karwiese, Corpus und Aufbau der römerzeitlichen Stadtprägung. Statistiken, Metrologie und Kommentare, Die Münzprägung von Ephesos V,2 (Wien 2016) stellt S. 272-274 die Androklos-Typen zusammen und S. 292 den Keiler auf Kleinbronzen; ebd. S. 138 f. und 273 sieht er eine Angleichung des reitenden Kaisers an den ephesischen Stadtheros
- M. Kerschner, Die Ionische Wanderung im Lichte neuer archäologischer Forschungen in Ephesos, in: E. Olshausen – H. Sonnabend (Hrsg.), „Trojaner sind wir gewesen“ – Migrationen in der antiken Welt. Stuttgarter Kolloquium zur Historischen Geographie des Altertums 8/2002, Geographica Historica 21 (Stuttgart 2002) S. 364-382
- W. Leschhorn, „Gründer der Stadt“. Studien zu einem politisch-religiösen Phänomen der griechischen Geschichte, Palingenesia 20 (Stuttgart 1984) 283 f. und 381 Nr. 179 konkret zu Androklos bzw. zu einem Eber als Hinweis auf ein Gründungsmoment
Antike Autoren
- Die denkwürdige Episode mit Wildschwein und Fisch überliefert Athenaios 8,361d-e
- Stephanos von Byzanz s. v. Βέννα beruft sich auf den Historiker Ephoros (4. Jh. v. Chr.) und nennt Androklos als Gründer von Ephesos
- Strabon 14,3,16 [p. 632-633] und 14,1,21 [p. 640] verbindet die Gründung von Ephesos durch Androklos mit dem Beginn der sog. ionischen Wanderung
- Als Sohn des athenischen Ur-Königs Kodros überliefern ihn u.a. Strabon 14,3,16 (p. 632) und Pausanias 7,2,8, der zudem das Grabmal des lokalen Heros erwähnt, das zu seiner Zeit (2. Jh. n. Chr.) als Sehenswürdigkeit und Kultort fungierte
Vergleichbare Münztypen, die (stets auf einen 36mm-Nominal) dasselbe Rs.-Motiv zeigen, sind im RPC zusammengestellt:
- RPC IV,2 Temp. Nr. 1126 und 11463 (Rs. ΑΝΔΡΟΚΛΟϹ) [Antoninus Pius]
- RPC IV,2 Temp. Nr. 2754 (Rs. ΑΝΔΡAΚΛΟϹ, sic) [Antoninus Pius]
- RPC IV,2 Temp. Nr. 8329 („Androklos“) [Marc Aurel]
- RPC VI Temp. Nr. 4966 („Androklos“) [Alexander Severus]
- RPC VI Temp. Nr. 5042 („emperor“) [Maximinus Thrax]
- RPC VII,1 Nr. 362.1, 362.2 und 362.3 („emperor“) [Gordian]
[Bildnachweise: Münze des Monats, Vergleichsabb. 1 und 2a: Robert Dylka; Vergleichsabb. 2b: George Watson]
