Tugenden als Motoren zukunftsfähiger Demokratien?
Welche Tugenden brauchen demokratische Gesellschaften, um aktuellen und zukünftigen Herausforderungen - u.a. im Kontext Klimakrise - zu begegnen? Und wie lassen sich Tugenden heute theoretisch bestimmen, praktisch vermitteln und empirisch erforschen? Diese und weitere Fragen standen im Mittelpunkt der interdisziplinären Fachtagung „Tugenden als Motoren für zukunftsfähige Demokratien. Zwischen Tradition und Innovation“ des ZIN und der Akademie Franz Hitze Haus, die Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Disziplinen am 18. und 19. Juni 2026 zu einem intensiven und offenen Austausch zusammenbrachte.
Den Auftakt bildete ein Einführungsvortrag von Dr'in Carolin Bohn (ZIN, Universität Münster), der die gegenwärtigen Herausforderungen demokratischer Gesellschaften in den Blick nahm. Mit Verweis auf Polarisierung, Vertrauensverlust, internationale Konflikte und weitere Herausforderungen für zukunftsfähige Demokratien verdeutlichte sie, warum Tugenden derzeit neue Aufmerksamkeit erfahren: Sie können als zentrale Bestandteile demokratischer Praxis verstanden werden und dazu beitragen, autonomes und intrinsisch motiviertes Handeln im Sinne des Gemeinwohls zu fördern. Zugleich wurde aber auch nach den Grenzen und Ambivalenzen des Tugendbegriffs gefragt: Welche Tugenden brauchen demokratische Gesellschaften heute genau? Wer entscheidet darüber? Und wie verhindert man, dass Tugenden exklusiv wirken oder einen problematischen Status Quo stabilisieren?
Das anschließende Panel „Braucht Demokratie Tugend? Zwischen demokratischem Ideal und Machtinstrument“ legte wichtige begriffliche und philosophische Grundlagen. Die Beiträge von Dr. Richard Runge (Universität Kiel), Dr. Felix Timmermann (Universität Mainz) und Ricarda Wünsch, M.A. (Universität Regensburg) machten die Vielschichtigkeit und die lange Begriffsgeschichte von Tugenden und Lastern sichtbar. Zugleich zeigte sich bereits hier, wie anschlussfähig der Tugenddiskurs für die Analyse aktueller demokratischer Herausforderungen ist. Besonders greifbar machte dies Ricarda Wünsch, die mit Rückgriff auf John Rawls’ Tugend der bürgerlichen Freundschaft, die Gefahren von digitalisierter Kommunikation für Demokratien herausarbeitete.
Das von ZIN-Sprecher Prof. Dr. Tillman Buttschardt moderierte Panel „Alte Ideen, neue Herausforderungen – Tugendethik in Zeiten der Klimakrise“ richtete den Blick auf Herausforderungen im Kontext Demokratie und Nachhaltigkeit. Philipp Kurowski (HU Berlin) diskutierte Hoffnung als politische Tugend im Kontext der Klimakrise, während Dr'in Carolin Bohn für die Entwicklung einer Theorie ökologischer Bürger*innentugenden plädierte, die umweltethische und republikanistische Perspektiven zusammenführt.
Die anschließende öffentliche Abendveranstaltung zu religiösen Tugenden und Nachhaltigkeit ("Zwischen Überzeugung und Wirkung - Wie kraftvoll sind religiöse Tugenden im Wirken um Nachhaltigkeit?") bot darüber hinaus Raum für einen spannenden Austausch zwischen den ZIN-Mitgliedern Jun.-Prof'in Dr. Asmaa El Maaroufi, Sen.-Prof'in Dr. Marianne Heimbach-Steins, Prof'in Dr. Anne Käfer und Prof. Markus Rüsch über Tugenden in unterschiedlichen religiösen und weltanschaulichen Traditionen. Dabei wurde nicht nur deutlich, welche Bedeutung diese besitzen, wie sie sich in konkreten Praktiken wie Gebet oder Fasten ausdrücken und wie sie zu Nachhaltigkeit beitragen können. Auch die kritische Reflektion des Umgangs mit Tugend in verschiedenen religiösen und weltanschaulichen Gemeinschaften sowie danach, was säkulare Demokratien evtl. aus diesen Tugendtraditionen lernen können, wurde kritisch diskutiert.
Am zweiten Tag rückten Fragen der Vermittlung und Förderung von Tugendhaftigkeit in den Mittelpunkt. Im Panel „Tugend leben und lernen. Zwischen Förderung und Bevormundung“ präsentierten Prof. Dr. Jens Dreßler (Professur für Gymnasialpädagogik, Universität Würzburg), Prof. Dr. Jörg Mußmann (Institut für Inklusive Pädagogik; Pädagogische Hochschule OÖ, Linz / A) und Agnes Scharnetzky (John-Dewey-Forschungsstelle für die Didaktik der Demokratie, TU Dresden) vielfältige Einblicke in die Bedeutung von Tugenden in schulischen und außerschulischen Bildungsprozessen. Dabei wurde nicht nur über klassische Tugenden wie phronesis oder temperantia gesprochen, sondern auch sehr konkret über didaktische Methoden und die Herausforderungen einer Tugendvermittlung, die Tugendhaftigkeit nicht nur an Lernende vermitteln will, sondern dabei auch auf Seiten der Lehrenden braucht.
Das abschließende Panel "Vom Sollen zum Sein" rückte schließlich empirische Arbeiten mit Bezug auf politische Tugenden in den Fokus. Die Beiträge von Prof'in Dr. Veronika Zimmer (Professur für Soziale Arbeit, Internationale Hochschule, Standort Münster), Alexandra Schramm (Erziehungswissenschaften, Projekt AuGe, Universität Vechta) und Dr. Tobias Leßner (Fakultät III, Department Erziehungswissenschaft, AG Grundschulpädagogik, Universität Siegen) thematisierten unter anderem Humor als demokratierelevante Tugend, die familiale Weitergabe von Tugenden sowie Zusammenhänge zwischen Sozialisation und demokratischen Einstellungen. Zugleich rückten sie die methodischen Herausforderungen der Tugendforschung in den Mittelpunkt und eröffneten eine intensive Diskussion über die Abgrenzung von Tugenden gegenüber Begriffen wie Einstellungen, Werten oder Haltungen, die einen Bogen zurück zu den begrifflichen Debatten des ersten Tages schlug:
Sind Tugenden letztlich von Einstellungen, Haltungen oder Werten zu unterscheiden – oder handelt es sich lediglich um unterschiedliche Bezeichnungen für ähnliche Phänomene? Die Diskussion deutete darauf hin, dass Tugenden, obwohl sie unterschiedlich definiert werden können, einen gemeinsamen Kern besitzen könnten: "Tugend" meint stets personale und beständige Charakterdispositionen, die auf die Verwirklichung bestimmter Werte ausgerichtet sind und sich in wiederholtem Handeln ausdrücken. Zugleich wurde deutlich, dass gerade diese Komplexität des Tugendbegriffes erhebliche Herausforderungen für ihre empirische Erfassung mit sich bringt.
Neben den inhaltlichen Impulsen war es vor allem die Atmosphäre der Tagung, die von vielen Anwesenden als besonders bereichernd erlebt wurde. Die Diskussionen waren geprägt von Offenheit, Neugier und der Bereitschaft, sowohl die Stärken als auch die Grenzen der eigenen disziplinären Perspektiven transparent zu machen. Immer wieder zeigte sich eine überraschend hohe Anschlussfähigkeit zwischen den unterschiedlichen Zugängen zum Thema der Tagung, was nur einer der Faktoren war, die einen sehr produktiven Dialog ermöglichten. Viele Teilnehmende verließen die Tagung mit neuen Denkanstößen und dem Wunsch nach weiterer Vernetzung um im interdisziplinären Dialog zum Thema Tugend zu bleiben.
