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Über uns

Individuen unterscheiden sich. Diese beinahe banale Feststellung traf Aristoteles schon vor 2.300 Jahren, dennoch ist sie als Forschungsthema aktueller denn je. Dabei gibt es individuelle Unterschiede nicht nur bei Menschen, sondern bei allen Organismen. Während in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften Individualität als Forschungsgegenstand eine lange Tradition hat, steht die Erforschung individueller Unterschiede in der Biologie erst seit kurzem im Fokus und ist zu einem Kernbereich der organismischen Biologie geworden. Vor diesem Hintergrund steht im SFB-TRR 212 der Universitäten Bielefeld und Münster, als einem der wenigen nationalen Forschungsverbünde, seit 2018 die individualisierte Nische und die Mechanismen von Individualisierung bei Tieren im Mittelpunkt.

Folglich wird Individualisierung sowohl in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften als auch in der Biologie intensiv untersucht – jedoch weitgehend ohne Austausch in Bezug auf Methoden, Fragestellungen und Generalisierung der Ergebnisse. Aber genau dieser gemeinsame Diskurs ist wichtig, um ein umfassendes Verständnis von Ursachen und Auswirkungen, Chancen und Risiken, sowie die ethische Bewertung zunehmender Individualisierung zu ermöglichen.

Da Individualisierung bislang lediglich innerhalb der Disziplinen erforscht wurde, wollen wir im interdisziplinären Diskurs von Natur-, Geistes und Gesellschaftswissenschaften Individualisierung in sich ändernden UmWelten systemisch untersuchen. Das Joint Institute for Individualisation in a Changing Environment (JICE) – gefördert durch die Universität Bielefeld und die Universität Münster – bringt diese unterschiedlichen Fachbereiche erstmalig zusammen, um die disziplinen-zentrierte Sicht zu überwinden und Individualisierung in sich ändernden UmWelten interdisziplinär in bisher unerreichter Breite zu erforschen.

Individualisierung, ihre Chancen und Risiken, und ihre normative Bewertung betreffen jeden von uns. Individualisierung kann dazu beitragen, schneller auf Wandel oder sich ändernde Umweltbedingungen zu reagieren, und resilienter zu sein. Dies gilt für Tier und Mensch und eröffnet Perspektiven, den Wandel auch als Chance, sowohl für das Individuum als auch für Gemeinschaften, zu begreifen.

Forschungsfragen

Individualisierung findet immer in der Wechselwirkung mit der UmWelt statt. Leitfragen sind daher: Wie passen sich Organismen und Menschen an immer schneller ändernde UmWelten an? Und welche Rolle spielen zunehmende Individualisierung und individuelle Entscheidungen im Spannungsfeld mit dem Gemeinwohl – eine Frage, die in Zeiten einer Pandemie aktueller ist denn je.

Einige der Fragen, die wir in unserem Verbund untersuchen, sind:

  • Welche Erfahrungen in welchen Lebensphasen beeinflussen Individualisierung und sind Ergebnisse dazu über Disziplinen vergleichbar?
  • Können wir mit individualisierten Modellen die Entscheidungen von Individuen besser modellieren und so erklären, wie und wieso es zu extremen Verhaltensphänotypen kommen kann?
  • Können mit diesem Erkenntnisgewinn bessere individuelle Therapie- und Lösungsansätze für den Konflikt zwischen Individualisierung und Kooperation entwickelt werden?
  • Welche Bedeutung hat die Auflösung starrer Gesellschafts- und Geschlechterordnungen für die Individualisierung?
  • Wie stark verändert eine zunehmende Individualisierung eine Gesellschaft und wie kann der Konflikt zwischen individuellen Interessen und dem Gemeinwohl gelöst werden?
  • Wie sind diese Prozesse ethisch angemessen zu bewerten und zu gestalten?