Dynamiken der (De-)Industrialisierung. Linguistische und kulturwissenschaftliche Perspektiven
29.-30. Oktober 2026, Universität Münster
Johannisstr. 4, Raum JO 101, Lageplan der Uni Münster
Organisation: Prof. Dr. Ulrike Freywald | Germanistisches Institut
Der Workshop ist Teil der Germanistischen Institutspartnerschaft (GIP) „Mehrsprachigkeit in (post-)industriellen Metropolregionen“ der Universität Münster mit der Università di Genova (Italien) und der Shenzhen Technology University (VR China). Die GIP wird seit 2024 vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) aus Mitteln des Auswärtigen Amts gefördert.
In der GIP untersuchen wir Mehrsprachigkeit im Kontext von Urbanisierungs-, Industrialisierungs- und Deindustrialisierungsprozessen aus sprach-, literatur-, kultur- und medienwissenschaftlicher Perspektive sowie unter fremdsprachendidaktischen Gesichtspunkten. Dazu betrachten wir vergleichend zwei europäische Metropolregionen (Ruhrgebiet und Genua), die sich heute in der Phase der Deindustrialisierung und des Strukturwandels befinden, und die sich erst seit wenigen Jahrzehnten rasant industrialisierende Stadt Shenzhen. Thematische Schwerpunkte sind unter anderem Sprachbiografien, individuelle sprachliche Repertoires, Sprachwandelprozesse, urbane Linguistic Landscapes, Sprachenpolitik, Mehrsprachigkeit in literarischer und künstlerischer Reflexion sowie Aushandlungsprozesse von Belonging und Identität.
Ziel des Workshops ist es, dieses interdisziplinäre Projekt innerhalb der Germanistik und über die Germanistik hinaus mit inhaltlich angrenzenden Projekten ins Gespräch zu bringen.
Das ist nicht nur in den Diskussionen, sondern auch in einer Postersession möglich. Für Kurzentschlossene: Poster einschließlich einer 10-minütigen Postervorstellung können bis zum 24.10.2026 unter diesem Link angemeldet werden.
Die Teilnahme ist kostenlos.
Wir bitten um eine Anmeldung bis zum 24. Oktober 2026 unter diesem Link.
Keynote-Sprecher:innen
Hannes Schweiger (Universität Wien)
Julia Wambach (Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam)
Nantke Pecht (Universität Münster) und Evelyn Ziegler (Universität Duisburg-Essen)
Tagungsprogramm
| 08.45 | Begrüßung |
| 09.15 |
Shaohang Wang (Shenzhen Technology University, SZTU) |
| 09.45 | Simona Leonardi (Università di Genova) Onymische Spuren des Deutschen in Genua |
| 10.15 | Kaffee |
| 10.45 | Keynote Julia Wambach (Leibniz-Zentrum für für Zeithistorische Forschung, Potsdam) Das Ende der Solidarität? Eine andere Geschichte der Deindustrialisierung (Abstract s.u.) |
| 11.45 | Roundtable-Gespräch / Round Robin |
| 12.30-13.45 | Mittagspause |
| 13.45 | Qiqi Li & Siyu Liu (Shenzhen Technology University, SZTU) Das Sprachrepertoire der zweiten Generation der Migranten in Shenzhen und Umgebung – mit Fokus auf Dialektkompetenz |
| 14.15 | Siyu Liu (SZTU) & Ulrike Freywald (Universität Münster) Das Ruhrgebiet und Shenzhen – Wie gestalten Sprachen urbane Räume? |
| 14.45 | Roundtable-Gespräch / Round Robin |
| 15.30-16.15 | Postersession mit Kaffee |
|
17.00 (s.t.!) Einlass: 16.30 |
Lesung mit Selim Özdoğan und Dila Yavuz Studiobühne der Universität Münster, Domplatz 23, 48143 Münster Selim Özdoğan liest aus seinem neuen Roman „Ihr kriegt uns hier nicht raus“, Dila Yavuz interpretiert Lieder aus dem Roman Im Anschluss: Publikumsgespräch, Moderation: Tobias Lachmann |
| 19.00 | Conference Dinner Restaurant Mocca d’or, Rothenburg 14, 48143 Münster |
| 09.00 |
Keynote: Nantke Pecht (Universität Münster) & Evelyn Ziegler (Universität Duisburg-Essen) |
| 10.00 | Ramona Pellegrino (Università di Genova) Zwischen Industriehafen und postindustrieller Stadt: Genua im deutschsprachigen Diskurs über Deindustrialisierung |
| 10.30 | Kaffee |
| 10.45 | Samuel Sadiq (SZTU) Shenzhen lesen: Linguistic Landscapes und digitale Korpusanalyse am Beispiel Liantang |
| 11.15 | Roundtable-Gespräch / Round Robin |
| 12.30-13.45 | Mittagspause |
| 13.45 | Keynote: Hannes Schweiger (Universität Wien) Selbstermächtigung durch Mehrsprachigkeit: Sprache, Bildung und Zugehörigkeit in Migrationsgesellschaften (Abstract s.u.) |
| 14.45 | Mona Nishizaki (Università di Genova) Global Englishes als metropolitane „Mehrsprache“ |
| 15.15 | Kaffee |
| 15.30 | Joachim Gerdes (Università di Genova) & Peixin Xian (Nankai University Tianjin) Paradigmenwechsel im Fremdsprachenunterricht des KI-Zeitalters und die Entwicklung interkultureller Interaktionskompetenz: Technik – Sprache – Kultur |
| 16.00 | Dariah Bergemann (Università di Genova) & Monika Riedel (TU Dortmund) Plurilinguale Repertoires, Mehrsprachigkeit und Metropol(region)en als Themen im DaF-Unterricht |
| 16.30 | Roundtable-Gespräch / Round Robin |
| 17.30 | Abschluss des Workshops |
| 18.00 |
Abschied, im Anschluss informelles Abendessen (Ort: tba) |
Abstracts der Keynote-Vorträge:
Julia Wambach (Leibniz-Zentrum für für Zeithistorische Forschung, Potsdam)
Das Ende der Solidarität? Eine andere Geschichte der Deindustrialisierung
Deindustrialisierung wird oft als Verlustgeschichte erzählt: Mit den Zechen und Hütten verschwanden demnach die Arbeitermilieus und mit ihnen die Solidarität. Diese Erzählung prägt Bilder von Industrieruinen und „abgehängten“ Regionen ebenso wie politische Deutungen der Gegenwart. Die Keynote fragt am Beispiel Gelsenkirchens und unter Einbeziehung der Entwicklung in Frankreich und Ostdeutschland nach 1990, was diese Perspektive sichtbar macht und was sie verdeckt. Anhand von Fußball, Freizeitkultur und Konsum, etwa der viel verspotteten Wohnkultur des „Gelsenkirchener Barock“, zeigt der Vortrag, dass Solidarität nicht einfach endete, sondern ihre Orte und Formen wechselte. In diesen neuen Räumen wurden Stolz, Zugehörigkeit und Würde verhandelt, oft über kulturelle Grenzen hinweg, zugleich aber auch Ausschlüsse neu gezogen. Aus emotionsgeschichtlicher Perspektive plädiert die Keynote dafür, Deindustrialisierung als langen Prozess der Neuverhandlung von Zugehörigkeit zu verstehen, und fragt, was dies für die Deindustrialisierungsforschung und den Blick auf postindustrielle Städte der Gegenwart bedeutet.
Nantke Pecht (Universität Münster) & Evelyn Ziegler (Universität Duisburg-Essen)
Deindustrialisierung – Strukturwandel: (Im-)materielles Bergbauerbe im Ruhrgebiet und in den East Midlands (UK)
Mit dem Ende des Steinkohlenbergbaus verschwindet nicht nur eine Industrie, sondern auch ein zentraler Teil der Alltagskultur der Bergleute. Vor diesem Hintergrund untersucht das binationale, von AHRC/UK und DFG geförderte Projekt Linguistic practices of coal mining communities in the post-industrial era: variation, documentation, representation, regeneration die sprachlichen Praktiken ehemaliger Bergleute in den East Midlands (UK) und im Ruhrgebiet. Im Fokus steht dabei auch die Frage, welche Rolle Bergbausprache, Bergbausymbole und materielles Bergbauerbe im Kontext von Regeneration, d.h. der regionalen Neupositionierung spielen.
Die empirische Basis unseres Vortrags bilden Gästeführungen im Deutschen Bergbau-Museum Bochum (N=14, 19 Std.) und semi-strukturierte Interviews (N=26, 33 Std.). Die Daten zeigen, wie eng sprachliche Praktiken (fachsprachlich und kolloquial) mit der Arbeitswelt, regionalen Erfahrungen und der Zugehörigkeit zur Bergbaugemeinschaft verbunden sind. Ergänzend zeigen die linguistic landscape-Daten (N=1.427), wie bergbauliche Strukturen in beiden Regionen resemiotisiert und rekontextualisert werden. Dabei lassen sich deutliche Unterschiede feststellen: Während der Förderturm der Zeche Zollverein im Ruhrgebiet in neue Kontexte regionaler Identität und Industriekultur eingebettet wird, fungieren Seilscheiben in den East Midlands als kommemorativ gerahmte Relikte einer vergangenen Industrie. Diese unterschiedlichen Formen der Repräsentation von Bergbauerbe lassen sich vor dem Hintergrund der je spezifischen sozialpolitischen Kontexte verstehen: des Strukturwandels im Ruhrgebiet als „Social- Engineering-Diskurs“ (Berger 2021) einerseits und der durch Thatcherismus geprägten Deindustrialisierung in den East Midlands andererseits (Gildart et al. 2026).
Berger, S. (2021): Vom Nutzen und Nachteil der Nostalgie. Das Kulturerbe der Deindustrialisierung im globalen Vergleich. Zeithistorische Forschungen 18, 93–121.
Gildart, K., Perchard, A., Millar, G. & Curtis, B. (2026): Relics of the past and symbols of modernity: the cultural practices of coal mining communities in postwar Britain. Social History, 51:3, 238–262, doi: 10.1080/03071022.2026.2673684
Hannes Schweiger (Universität Wien)
Selbstermächtigung durch Mehrsprachigkeit: Sprache, Bildung und Zugehörigkeit in Migrationsgesellschaften
Ausgehend von den Ergebnissen aus einem Citizen-Science-Projekt zum mehrsprachigen Redewettbewerb SAG’S MULTI, der seit 2009 in Österreich für Jugendliche der 7. bis 13. Schulstufe durchgeführt wird, und vor dem Hintergrund des aktuellen Forschungsstands zum Themenfeld Mehrsprachigkeit und Bildung stellt der Vortrag folgende Fragen in den Mittelpunkt:
- Was bedeutet es für Jugendliche, die mehrsprachig sozialisiert werden, wenn sie eine Schule besuchen, für die ein monolingualer Habitus kennzeichnend ist?
- Wie wirken sich gesellschaftliche Machtverhältnisse auf das sprachliche Repertoire und das sprachliche Handeln marginalisierter Kinder und Jugendlicher aus?
- Wie können Bildungsinstitutionen besonders in urbanen Räumen so gestaltet werden, dass sie der für mehrsprachige Migrationsgesellschaften charakteristischen Superdiversität entsprechen?
Diese Fragen werden anhand sprachen- und bildungsbiographischer Daten aus dem Projekt „SAG‘S MULTI – Selbstermächtigung durch Mehrsprachigkeit“ diskutiert und aus sprachenpolitischer und migrationspädagogischer Perspektive beleuchtet, siehe https://sags-multi.univie.ac.at/de/
