Neuere deutsche Literatur

Der Gegenstandsbereich der Neueren deutschen Literaturwissenschaft (NDL) umfasst die Geschichte der deutschen Literatur von der frühen Neuzeit bzw. vom Barock bis zur Gegenwart. Die NDL versteht sich somit als historische Wissenschaft: Ein erheblicher Teil ihrer Gegenstände entstammt einer mehr oder weniger fernen Vergangenheit. Ingeborg Bachmanns Roman Malina (1971) kann ebenso zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Fragestellung werden wie Hans Jacob Christoffel Grimmelshausens Der abentheuerliche Simplicissimus Teutsch (Erstdruck 1668). In der Neueren deutschen Literatur geht es daher immer auch, wie in anderen Philologien, um die Rekonstruktion des »kulturellen Gedächtnisses« einer Epoche, also z. B. um die Analyse von Wissensformationen, Überlieferungsformen und »Speichermedien« (wie die Handschrift, das Buch oder die Bibliothek).

Die Erschließung des Vergangenen ist kein gegenwartsferner Selbstzweck. Der historische und kulturelle Vergleich zeigt, dass Konzepte wie ›Tradition‹ oder der literarische ›Kanon‹ auf einer gesellschaftlichen Konstruktion von Normalität und Konventionalität beruhen, die durch sprachliche Ordnungen (so genannte ›Diskurse‹) hergestellt werden. Die Literaturwissenschaft richtet sich folglich nicht ausschließlich auf die »Dichtung«; sie stellt auch Fragen wie beispielsweise: »Wodurch unterscheiden sich Textformen voneinander?« »Warum werden bestimmte Texte höher bewertet und überliefert (kanonisiert), andere aber nicht?« »In welchem Verhältnis stehen (literarische) Texte und Bilder zueinander, und wie verändern Bildmedien unser Verständnis von Texten?«

Basiskategorien wie z. B. Autor, Epoche, Gattung sowie verschiedene Methoden und Theoriemodelle (z. B. Diskursanalyse, Intertextualität) stellen ein ausdifferenziertes Instrumentarium zur Verfügung, mit dem diesen Fragen angemessen nachgegangen werden kann. Da im Zentrum der NDL als wissenschaftlicher Disziplin also nicht allein die Rezeption literarischer Texte, sondern die Reflexion sprachlicher und kultureller Vermittlungsprozesse steht, zeichnet sie sich schon über ihren Gegenstand und ihre Methoden durch große Aktualität aus. Diese Aktualität zeigt sich zudem in der Einbeziehung des Films und der Neuen Medien.


Abteilungssprecher:

Prof. Dr. Moritz Baßler