Zwischen Kreuz und rotem Stern

Der amerikanische Ostkirchenexperte Scott Kenworthy spricht am 11. Mai 2026 in seinem Gastvortrag über das Verhältnis der Russischen Orthodoxen Kirche zur frühen Sowjetmacht
Patriarch Tichon von Moskau (1865–1925), der erste Patriarch der Russischen Orthodoxen Kirche nach der Wiederherstellung des Patriarchats im Jahr 1917
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Zu einem Gastvortrag am Montag, den 11. Mai 2026, um 16:00 Uhr im Raum 402 des Philosophicums (Domplatz 23) lädt der Lehrstuhl für Ostkirchenkunde und Ökumenik des Ökumenischen Instituts der Katholisch-Theologischen Fakultät herzlich ein. Prof. Dr. Scott Kenworthy von der Miami University (Ohio) wird auf Englisch zum Thema „Patriarch Tikhon, the Orthodox Church, and the Bolshevik Revolution, 1917-1925” sprechen.

Im Oktober 1917 stellte das Konzil der Russischen Orthodoxen Kirche das Patriarchat wieder her – in genau dem Augenblick, als die Bolschewiki die Macht übernahmen. Tichon (Bellawin), der in dieses Amt gewählt wurde, sah sich daraufhin den militant religionsfeindlichen Maßnahmen der frühen Sowjetregierung gegenüber. In der Forschung wird er häufig so gedeutet, dass er die Bolschewiki zunächst verurteilt, nach seiner Verhaftung und anschließenden Freilassung jedoch Kompromisse mit ihnen geschlossen habe. Auf der Grundlage einer sorgfältigen Auswertung aller verfügbaren Quellen zeichnet der Vortrag eine differenziertere Linie der Auseinandersetzung des Patriarchen mit den Revolutionsführern nach: eine Haltung, die das konsequente Eintreten für die Kirche mit der Bereitschaft zum Dialog verband.

Prof. Dr. Scott Kenworthy
© Public Orthodoxy

Scott Kenworthy ist Professor für Komparative Religionswissenschaft an der Miami University (Ohio) und forscht zur Geschichte des orthodoxen Christentums im modernen Russland, an der Schnittstelle von Kirchengeschichte, Russland- und Eurasienforschung sowie Religionswissenschaft. Sein jüngstes Buch, The People's Patriarch: Tikhon Bellavin and the Orthodox Church in North America and Revolutionary Russia (Oxford University Press, 2025), ist eine Biographie des russischen orthodoxen Patriarchen während der Bolschewistischen Revolution. An diesem Werk hat Kenworthy u.a. während eines Forschungsaufenthalts als Humboldt-Stipendiat in Münster gearbeitet. Der Gastvortrag bietet die Gelegenheit, die Ergebnisse dieser Forschung aus erster Hand kennenzulernen.