Dem Papst auf der Spur

© Andreas Kühlken

Der Kirchenhistoriker Prof. Dr. Hubert Wolf ist ab Mitte September ein Jahr lang Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Er möchte dort Anregungen für ein Buch über Eugenio Pacelli sammeln, der als Papst Pius XII. wegen seines angeblichen Schweigens zum Holocaust eine der umstrittensten Persönlichkeiten der Zeitgeschichte wurde. „Eine kirchenhistorische oder theologische Binnenperspektive genügt dafür nicht“, sagt Wolf.

Das Wissenschaftskolleg zu Berlin bringt jedes Jahr etwa 40 Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaftler und Künstler zusammen. Frei von allen anderen akademischen Verpflichtungen können sie sich dort einem selbst gewählten Arbeitsvorhaben widmen. Zu den Fellows im Jahr 2016/2017 zählen beispielsweise der Schriftsteller Navid Kermani, die leitende Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Julia Voss, der Beiruter Novellist Elias Khoury, die Altphilologin Katharina Volk, der israelische Philosoph Avischai Margalit und der schiitische Reformgeistliche Mohsen Kadivar.

Im Fokus von Wolfs Forschungen steht die Zeit von 1917 bis 1929. Pacelli war damals Nuntius in München und Berlin, päpstlicher Botschafter. Wolf leitet in Münster ein Langfristvorhaben der Deutschen Forschungsgemeinschaft, das die etwa 5.500 Berichte online ediert, die Pacelli nach Rom schickte. „Diese Schreiben sind nicht zuletzt emotionsgeschichtlich und kulturhistorisch interessant“, betont Wolf. Die bayerische Hauptstadt habe Pacelli als seine zweite Heimat bezeichnet, Berlin dagegen als „Hure Babylon“. Der Nuntius habe ausführlich über Empfänge, Theateraufführungen, Ausstellungen und Filme berichtet, sich über Tangotänzer und enge Röcke echauffiert und gegen den Frauensport gekämpft.

Vor allem war Pacelli laut Wolf aber „ein Agent des global players katholische Kirche“. So habe der Nuntius auch mit der Sowjetunion über eine Anerkennung der katholischen Kirche verhandelt. Die Erfahrungen, die er in Deutschland gemacht habe, seien außerdem prägend für sein Wirken als Papst gewesen. „1917 scheiterte der Nuntius mit dem Vorhaben, eine päpstliche Friedensinitiative durchzusetzen; seitdem hielt er sich mit politischen Initiativen zurück.“ In Deutschland sei zudem die Erinnerung an den Kulturkampf noch sehr lebendig gewesen. „Das erklärt vielleicht die Angst Pacellis vor einem Konflikt mit dem Staat, der die heilsnotwendige Seelsorge bedrohen könnte.“ Und auch Pacellis lebenslange Furcht vor dem Kommunismus geht Wolf zufolge möglicherweise auf Erlebnisse in Deutschland zurück: Revolutionäre der Münchener Räterepublik, so steht es in den Berichten, beschlagnahmten 1919 den geliebten Mercedes des Nuntius mit vorgehaltener Pistole.

Prof. Dr. Hubert Wolf ist Hauptantragssteller und langjähriges Vorstandsmitglied des Exzellenzclusters „Religion und Politik“. Er erhielt 2003 den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und 2004 den Communicatorpreis des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft. Mit Prof. Dr. Andreas Wirsching vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin verantwortet er ein weiteres Langfristvorhaben zur Edition der Tagebücher des Münchener Erzbischofs Michael Kardinal von Faulhaber, eines engen Vertrauten Pacellis. Einem breiten Publikum ist der Kirchenhistoriker unter anderem durch seine Bestseller „Die Nonnen von SantʼAmbrogio“ und „Krypta“ bekannt.