„Sorgende Gesellschaft – mehr als eine Utopie?“

Öffentlicher Abend beim 41. Kongress der Internationalen Vereinigung für Moraltheologie und Sozialethik
Prof.'in Marianne Heimbach-Steins leitete thematisch in den Öffentlichen Abend ein.
Prof.'in Marianne Heimbach-Steins leitete thematisch in den Öffentlichen Abend ein.
© ICS

Mit einem Vortrags- und Diskussionsabend zum Thema „Sorgende Gesellschaft – mehr als eine Utopie?“ öffnete der 41. Kongress der Internationalen Vereinigung für Moraltheologie und Sozialethik „Sorge – Care. Anthropologische Zugänge – Ethische Konzepte – Gesellschaftliche Praxen“ am Montag, 11.09.2023, sein Programm für die Öffentlichkeit. Das gut besuchte Abendforum widmete sich den gesellschaftlichen Praxen der Sorge und ihren politischen Voraussetzungen.

„Wie die Sorge praktisch werden kann, zeigen tagtäglich ungezählte Menschen in ungezählten konkreten Handlungen. Aber damit ist die Frage, wie diese Aufgabe von der ganzen Gesellschaft getragen werden kann, keineswegs erledigt“ sagte Professorin Marianne Heimbach-Steins in ihrer Einführung.

Maria Kröger, stv. Direktorin der Akademie Franz Hitze Hauses, begrüßte die Gäste beim Öffentlichen Abend.
Maria Kröger, stv. Direktorin der Akademie Franz Hitze Hauses, begrüßte die Gäste beim Öffentlichen Abend.
© ICS

„Mütter und Väter, Sozialarbeiter*innen, Erzieher und Lehrerinnen, Pflegekräfte und Ärzt*innen – sie alle sind in der Wahrnehmung ihrer Sorgeaufgaben auf vielfältige Weise abhängig von politischen Entscheidungen, Strukturen und Prozessen, die sie allenfalls mittelbar mitgestalten können“. Nach Sorge-Praxen zu fragen, bedeutet deshalb zwingend, nach den Strukturen zu fragen, die solche Praxen ermöglichen und fördern, erschweren oder verhindern.

Eben darauf zielte der Vortrag der Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes, Eva Maria Welskop-Deffaa. Der Cantus firmus ihrer Überlegungen lautet: Die Utopie einer sorgenden Gesellschaft zielt auf die positive Erfahrung, dass unser Handeln einen Unterschied macht – „es ist eine Utopie wider die Ohnmacht“. Tatsächlich gibt es mit der starken Sozialstaatstradition seit dem späten 19. Jahrhundert bereits eine Realität der sorgenden Gesellschaft – sie zu erhalten, erfordert aber heute eine tiefgreifende Transformation – und eine ökologische Erweiterung. Die positive Kraft für diese Transformation stark zu machen, ist gerade heute besonders schwer – politischer Gegenwind und gesellschaftliche Verunsicherung sind keine günstigen Voraussetzungen. Das utopische Potenzial kann nur dann wirksam werden, wenn die Sorge-Aufgaben weder einseitig privatisiert noch sozialromantisch verengt werden.

Eva Maria Welskop-Deffaa, Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes, über die Utopie einer sorgenden Gesellschaft.
Eva Maria Welskop-Deffaa, Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes, über die Utopie einer sorgenden Gesellschaft.
© ICS

Die sorgende Gesellschaft, so Welskop-Deffaa, kann nur im Rahmen sozialstaatlicher Strukturen verwirklicht werden. Dazu muss ein Denken überwunden werden, das „Sorgeleistungen nur als Kostenfaktor wahrnimmt, Subventionen für die ‚Wirtschaft‘ aber als ‚Investition‘, obwohl doch de facto Sorge die Grundlage für jede Art von Wohlstand und Wachstum legt“. Die Caritas-Präsidentin betont, dass die Wohlfahrtsverbände zu der Entwicklung positiven Utopie der sorgenden Gesellschaft reichhaltige Erfahrungen Erhebliches beitragen können – auch in der Kritik an Modellen, die angesichts der gegenwärtigen demografischen Herausforderungen zu kurz greifen. Um positive Kraft zu entwickeln, ist es entscheidend, dass „Selbstsorge, Solidarität und die Sorge für die Umwelt miteinander versöhnt“ werden. Wie konkret dieses grundlegende auf aktuelle Debatten zielt, verdeutlichte Welskop-Deffaa am Thema Suizidassistenz: Selbstsorge dürfe nicht in einen „heroischen Individualismus“ pervertiert werden, der ein Freiheitsverständnis behauptet, das die Annahme von Fürsorge fast verunmöglicht.

Sabine Bösing, stellv. Geschäftsführung und Fachreferentin der Bundesarbeitsstelle Wohungslosenhilfe e. V., nahm an der anschließenden Podiumsdiskussion teil.
Sabine Bösing, stellv. Geschäftsführung und Fachreferentin der Bundesarbeitsstelle Wohungslosenhilfe e. V., nahm an der anschließenden Podiumsdiskussion teil.
© ICS

Die Impulse des Vortrags wurden in dem anschließenden Podiumsgespräch, das die Münsteraner Moraltheologie-Professorin Monika Bobbert moderierte, vertieft und ergänzt. Dass die Veranstaltung auf den jährlichen Tag der wohnungslosen Menschen fiel, erwies sich, obwohl nicht explizit geplant, als außerordentlich passend. Sabine Bösing, die stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbands der Wohnungslosenhilfe e.V., Berlin, mahnte mit Blick auf die prekäre Lage von Menschen, die einmal wohnungslos geworden sind und in sichere Lebensverhältnisse zurückfinden wollen, die fehlende Verlässlichkeit politischer Bedingungen an – Verschiebung von Verantwortung zwischen den föderalen Ebenen des sozialstaatlichen Systems erweise sich als große Hürde.

Dr. Gabrielle von Schierstaedt, Diözesanleiterin der Malteser, Gründerin und bis heute Leiterin der Sprechstunde für Menschen ohne Krankenversicherung in Münster, berichtete über die unterschiedlichen Gruppen von Menschen, die auf dieses Angebot angewiesen sind, und von den mangelnden finanziellen Ressourcen, um die rein ehrenamtliche Tätigkeit der Ärztinnen und Ärzte zu flankieren.

Ebenfalls auf dem Podium saß Prof. Christof Mandry, Moraltheologe und Sozialethiker an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
Ebenfalls auf dem Podium saß Prof. Christof Mandry, Moraltheologe und Sozialethiker an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
© ICS

Prof. Dr. Christof Mandry, Moraltheologe und Sozialethiker an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, nutzte das Stichwort der Sorgenden Gesellschaft als Suchbegriff, um die notwendigen Transformationsziele genauer zu fassen. Welche zentralen Innovationen sind notwendig, wo liegen die besonderen Vulnerabilitäten, die eine ethische Sozialkritik aufgreifen müsse: Die Notlagen, die in den Statements zur Sprache kamen, seien ja nicht blindem Schicksal, sondern manifesten Ungerechtigkeiten bzw. Gerechtigkeitslücken geschuldet. Eine Aufgabe theologischer Ethik, so Mandry, liege auch darin, junge Menschen zu befähigen, ihre Fähigkeiten zur Transformation zu aktivieren, ihnen Wissen und Kompetenzen zu erschließen, um Verantwortung zu übernehmen. Eva Welskop-Deffaa nahm diese Spur auf und betonte, an Sabine Bösing anknüpfend, die Dringlichkeit, Verantwortungsstrukturen subsidiär so zu organisieren, dass Zuständigkeiten und Ressourcen erlässlich erreichbar seien.

Dr.'in Gabrielle von Schierstaedt, Diözesanleiterin der Malteser berichtet über ihre Erfahrungen als Leiterin der Sprechstunde für Menschen ohne Krankenversicherung in Münster.
Dr.'in Gabrielle von Schierstaedt, Diözesanleiterin der Malteser berichtet über ihre Erfahrungen als Leiterin der Sprechstunde für Menschen ohne Krankenversicherung in Münster.
© ICS

Ressourcen – das sind vor allem Menschen, die in konkreten Handlungskontexten erfahrbare Nähe stiften; aber es sind auch Strukturen, die soziale Sicherheit ermöglichen und garantieren. Sorge umfasst beide Dimensionen. Das wurde im Gespräch noch einmal besonders deutlich im Austausch zwischen Dr. Gabrielle von Schierstaedt, Sabine Bösing und Prof. Christof Mandry über die hohe Bedeutung des Ehrenamts, dessen Einsatz aber nicht verdecken darf, dass es – in der Krankensorge wie in der Arbeit mit wohnungslosen Menschen – um die Realisierung grundlegender menschenrechtlicher Ansprüche geht, für deren Sicherung der Staat die Erstverantwortung trägt.

Der Abend hat die Herausforderungen, die sich mit dem Anspruch einer sorgenden Gesellschaft – gerade in der aktuellen politischen Großwetterlage – verbinden sehr deutlich gemacht. Aber er hat auch auf Potentiale, die es zu schützen und zu stärken gilt, hingewiesen – von den Einzelnen, die ein soziales Engagement übernehmen über die Wohlfahrtsverbände bis zu den tragenden Säulen der sozialen Sicherung. Um die notwendige sozial-ökologische Transformation zu stemmen, werden alle gebraucht.

Auf dem Podium (v.l.) Prof.'in Monika Bobbert, Eva Maria Welskop-Deffaa, Prof. Christof Mandry, Dr.'in Gabrielle von Schierstaedt und Sabine Bösing.
Auf dem Podium (v.l.) Prof.'in Monika Bobbert, Eva Maria Welskop-Deffaa, Prof. Christof Mandry, Dr.'in Gabrielle von Schierstaedt und Sabine Bösing.
© ICS