
Wie Kants Religionsphilosophie eine Perspektive der Hoffnung verheißt
Im März ist Band 6 der revidierten Akademie-Ausgabe der Schriften Immanuel Kants erschienen. Darin enthalten ist die historisch-kritische Neu-Edition von Kants Werk „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. Prof. Dr. Thomas Hanke aus unserer Fakultät hat mit daran gearbeitet. Im Interview spricht er über die jahrelange Arbeit und erklärt, warum schon das Vertauschen von zwei Buchstaben den philosophischen Sinn einer Textstelle völlig verändert.
Herr Hanke, seit mehreren Jahren haben Sie an der 900 Seiten starken Neu-Edition von Kants sogenannter „Religionsschrift“ mitgewirkt. Wer war alles daran beteiligt?
Im Sommer 2020 sind Prof. Dr. Georg Sans SJ von der Hochschule für Philosophie in München und ich mit der Neu-Edition beauftragt worden. Die herausgebende Institution ist die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW). Dort gibt es eine Arbeitsstelle für die Kant-Edition. Die beiden dortigen Wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen Maja Schepelmann und Martin Rosie haben uns mit ihrer Fachkenntnis maßgeblich unterstützt. Für die technische Umsetzung war unsere von der BBAW finanzierte Wissenschaftliche Hilfskraft Benedikt Wissing enorm wichtig. Und hier vor Ort in Münster, wo ich ja seit 2020 lehren darf, haben gleich mehrere Generationen von Hilfskräften bei den Recherchen mitgewirkt, wofür ich sehr dankbar bin.
Man könnte ja meinen, dass die Werke Immanuel Kants leicht in den Bibliotheken zugänglich sind. Wozu braucht es eine solche Neu-Edition?
Selbstverständlich gibt es mehrere seriöse Werkausgaben. Die am weitesten verbreitete ist vermutlich die Ausgabe von Wilhelm Weischedel aus den 1950er Jahren, die bei der WBG und bei Suhrkamp erschienen ist. Als Standard in der Forschung, auch international, gilt jedoch die ursprüngliche Akademie-Ausgabe von „Kant’s Gesammelten Schriften“, die ab 1900 von der damaligen „Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften“ herausgegeben wurde.
Jede Ausgabe folgt bestimmten Kriterien. Oft sind Rechtschreibung und Zeichensetzung aktualisiert worden – wobei eine Aktualisierung von 1900 im Jahr 2026 offensichtlich wiederum veraltet ist. Sie schiebt sich also eher zwischen uns und die Auseinandersetzung mit Kants Originaltexten.
Der Anspruch an eine historisch-kritische Edition ist ein anderer. Daher nun also die revidierte Akademie-Ausgabe: Sie nimmt die Fortschritte der Editionswissenschaft auf und bietet somit einen authentischen und zuverlässigen Zugang zu Kants Werk.

Was heißt das konkret?
Zum Beispiel, dass wir nichts als Fehler gewertet (und also auch nicht verändert) haben, was zu Kants Zeiten kein Fehler war. Wir folgen also im Normalfall seiner Zeichensetzung, die für uns teilweise schräg wirken mag, aber für die Hervorhebung mancher Sinnabschnitte durchaus effektvoll sein kann.
Wenn wir an einigen Stellen in den Text eingreifen und eine sogenannte „Konjektur“ anbringen, also eine Textstelle in einer Weise verbessern, die den Sinn präzisiert, machen wir unsere Begründung dafür ausführlich transparent.
Dabei haben wir es uns nicht leicht gemacht: Wir haben alle bisherigen Ausgaben von Kants „Religionsschrift“ Wort für Wort miteinander verglichen. In unserem Fall sind das die zwei Originalausgaben, die Kant in den Jahren 1793 und 1794 selbst verantwortet hat, sowie alle zwölf folgenden Ausgaben, die wir als seriös erachtet haben. Dazu gehören offensichtlich die frühere Version der Akademie-Ausgabe von 1907 sowie die Ausgabe von Weischedel. Die letzte davon ist die Ausgabe von Bettina Stangneth im Meiner-Verlag aus dem Jahr 2003.
Das klingt aufwändig und arbeitsintensiv.
Es ist sehr technisch, hat mir aber tatsächlich auch viel Spaß gemacht! Und es hat natürlich Auswirkungen auf die Lektüre des Textes. Mein Lieblingsfall ist dieser: An einer Stelle steht in der Auflage von 1793 „sinnlich“, in der Auflage von 1794 „sittlich“. Alle späteren Herausgeber haben gemeint, in der zweiten Auflage habe ein Druckfehler vorgelegen, und den Text der ersten Auflage, also „sinnlich“, wiederhergestellt. Georg Sans und ich argumentieren dafür, dass die Veränderung auf Kant selbst zurückgeht, also eine absichtliche Korrektur ist, die wir dann auch übernehmen: Der Mensch ist für Kant nicht aufgrund seiner „sinnlichen“, also körperlichen Verfasstheit ein „krummes Holz“, wie er sagt, sondern aufgrund seiner „sittlichen“, also moralischen Verfasstheit, die in der Freiheit und Verantwortung des Menschen ihren Ursprung hat. Zwei kleine Buchstaben – der philosophische Sinn der Stelle wird auf Anhieb ein ganz anderer.
Wenn Sie noch einmal einen Blick auf das ganze Werk werfen: Worin sehen Sie Ihre besondere Leistung bei der Edition?
Die Religionsschrift ist ein komplexes Werk, in dem Kant eine Doppelstrategie verfolgt. Er entwickelt einerseits eine philosophische Argumentation, die vor allem über die Möglichkeit des Bösen in uns Menschen und die Möglichkeit der Überwindung dieses Bösen nachsinnt. Andererseits geschieht dies fortlaufend im Medium einer Interpretation der Bibel und anderer Quellen aus einer Vielzahl von Religionen. Unsere Neu-Edition weist alle diese Bezüge so ausführlich wie möglich mit konkreten Angaben nach.
Darin sehe ich also die Leistung der Edition: Sie stellt Kants Text authentisch zur Verfügung und macht Kants eigene Gedanken inklusive ihrer Rückbezüge auf die Gedanken anderer transparent. Damit ist sie philologisch und historisch, aber eben auch philosophisch exakter als alle vorherigen Editionen.
Und was bedeutet Kants Religionsschrift für Sie persönlich?
Kant bleibt in diesem Werk seiner autonomen, in der menschlichen Vernunft fundierten Ethik, für die es keinen Gott und schon gar nicht eine Zugehörigkeit zu einer konkreten Religionsgemeinschaft braucht, treu. Ganz im Sinne der Aufklärung kritisiert er die Herrschaftsansprüche von absolutistischem Staat und Religion. Mir ist sehr wichtig, dies auch an unserer Theologischen Fakultät immer wieder zu thematisieren.
Ich würde aber auch sagen: Kant fragt in diesem Werk nach einem „Mehrwert“, den Religion gegenüber reiner Moral haben könnte, mit Blick auf das Individuum wie auf Gemeinschaften von Menschen. Kantische Ethik sagt uns, was wir tun sollen. Kantische Religionsphilosophie verheißt eine Perspektive, warum es Hoffnung gibt, auch wenn wir viel zu oft nicht das getan haben, was wir tun sollten. Das ist eine systematische Frage, die mich ebenfalls bewegt und die ich jetzt nach Abschluss der Edition weiterverfolgen möchte.
Weitere Informationen
Prof. Dr. Thomas Hanke an der Katholisch-Theologischen Fakultät Münster
Das Seminar für Philosophische Grundfragen der Theologie
Zur Neu-Edition: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft
