Projektbeschreibung

Das CMO-Projekt wird in drei Standorten durchgeführt: Münster, Bonn und Istanbul. Jeder Standort ist mit speziellen Aufgaben betreut. Am Institut für Musikwissenschaft der Universität Münster werden die bislang nur punktuell erforschten Quellen osmanischer Kunstmusik des 19. Jahrhunderts vollumfänglich transkribiert und editiert. Max Weber Stiftung in Bonn und  Orient-Institut Istanbul übernehmen die digitale Publikation und unterstützen die Projektkoordination.

Die erste Teilphase der kritischen Edition wird dabei den Musikhandschriften in Hampartsum (türk. Hamparsum)-Notation gewidmet.1 Diese Quellen füllen eine wesentliche Lücke in der Geschichte der Musik im osmanischen Reich. Während kritische Editionen osmanischer notierter Quellen aus dem 17. und 18. Jahrhundert in den letzten Jahren veröffentlicht wurden, und das Repertoire, wie es im 20. Jahrhundert existierte, reichlich dokumentiert wurde, gab es bisher keinen Versuch, den großen Korpus an handschriftlichen Quellen aus dem 19. Jahrhundert kritisch zu edieren. Indem diese Quellen der internationalen akademischen Welt und der Künstlergemeinschaft zugänglich gemacht werden, wird das CMO-Projekt neue Einblicke in die historische Entwicklung der osmanischen Musik gewähren, und es Forschern ermöglichen, die Tradierungsprozesse von der frühen bis zum zeitgenössischen Musikpraxis detailliert zu analysieren. Darüber hinaus werden mit den CMO-Publikationen den Musikern neue Versionen bekannter Kompositionen sowie vernachlässigtes bzw. vergessenes Repertoire zur Verfügung gestellt. Dadurch wird ein neues Kapitel der osmanischen Musikforschung geöffnet, das nicht nur zu einem erhöhten Geschichtsbewusstsein und einer stilistischen Vielfalt des osmanischen Repertoires, sondern auch zu einem zunehmenden Interesse an historischer Aufführungspraxis beitragen wird.

Für jedes Manuskript sind im Verlauf des Edierens mehrere Schritte notwendig, wobei einleitend neben einer allgemeinen Beschreibung der jeweiligen Handschrift unter anderem eine Rekonstruktion der historischen musikalischen Struktur (makâm und usûl) vorzunehmen ist. Anschließend kann in Abgleich mit möglichen Varianten die Transnotation erfolgen. Dies bedeutet die lückenlose Übersetzung des speziellen Zeichenvorrats der Hampartsum-Notation in die ergänzte und angepasste westliche Fünf-Linien-Notation. Das vom CMO-Team verwendete Transkriptionssystem wurde unter Berücksichtigung bereits erzielter sowie eigener Erkenntnisse entwickelt, wodurch ein umfassender Zugriff auf das Material für Musikforscher und -praktiker überhaupt erst möglich wird.

Während der zweiten Teilphase des auf insgesamt zwölf Jahre angelegten Vorhabens sollen schließlich osmanische Handschriften in westlicher Notenschrift unter kritischer Berücksichtigung historischer Phänomene geprüft und adäquat übertragen werden. Diese Manuskripte enthalten zum Teil Transkriptionen der improvisierten – somit in der Regel nicht rekonstruierbaren – taksîmler und sind daher gleichermaßen von besonderem Interesse. Außerdem dokumentieren sie im Übergang zum 20. Jahrhundert die Entwicklung zu einer kommerzialisierten Vermarktungskultur von Musikdrucken und Tonaufnahmen.

Da im Quellenbestand außer Instrumentalwerken auch hunderte von Vokalwerken mit beigefügtem Liedtext enthalten sind, müssen auch diese im wissenschaftlichen Editionsprozess berücksichtigt werden. Daher werden in Zusammenarbeit mit dem Institut für Arabistik und Islamwissenschaft der Universität Münster parallel zur Edition der Musikhandschriften die zugrundeliegenden Texte mithilfe entsprechender Fachkenntnis der orientalischen Literatur und philologisch-literaturwissenschaftlicher Methoden erschlossen, rekonstruiert, kommentiert und ggf. werden ihre Urheber ermittelt. So ermöglichen es die in den Manuskripten überlieferten, auf der oralen Tradierung basierenden Varianten, der Osmanistik ein Textkorpus bereitzustellen, der die Lyrik als gesungene Vortragskunst in ihren kulturhistorischen Kontext einzubinden vermag.

Mit den Editionen soll der Forschung ebenso wie der historischen Aufführungspraxis das heute bekannte Korpus historischer Transkriptionen osmanischer Kunstmusik, wie diese im 19. Jahrhundert vornehmlich in Istanbul aufgezeichnet worden sind, in größtmöglicher Nähe zu den Originalquellen inhaltlich unbearbeitet und unzensiert sowie ohne Auslassungen zur Verfügung gestellt werden. Auch die den Vokalwerken unterlegten Texte werden erstmalig nicht nach reinen Textanthologien, sondern in ihren Aufführungsvarianten herausgegeben.

Es ist ein besonderes, innovatives Ziel des Vorhabens, die Klassiker osmanischer Kunstmusik erstmalig nach den zentralen handschriftlichen Quellen des 19. Jahrhunderts im interethnischen und überreligiösen Repertoire- und Tradierungskontext kritisch zu edieren. Mit dieser den Blick der Forschung weitenden Entnationalisierung ist die Perspektive verbunden, den kulturellen Realitäten entsprechend nicht nur der türkischen, sondern ebenso der griechischen, armenischen, jüdischen und arabischen Musikforschung Material mit zentraler Relevanz zu erschließen, das in der Lage ist, neuartige Forschungsansätze zu generieren.

Die Max Weber Stiftung - Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland (Bonn) übernimmt die vollständige technische Betreuung sowie die digitale Bereitstellung der Bestände.

Hierfür erfolgt vorab die Eingabe der Notentexte entsprechend aller Vorgaben vorderorientalischer Kunstmusik ohne Informationsverlust. Die Daten werden in mehreren Formaten digital gespeichert, so dass von vornherein alle Transkriptinformationen erstens graphisch und damit menschenlesbar, zweitens semantisch und damit maschinell verarbeitbar in je einem offenen, plattformunabhängigen Format vorliegen. Hinzu kommt die Eingabe der Metadaten zu den Manuskripten in eine Datenbank, die schon in großem Umfang die Metadaten zu den relevanten praktischen und theoretischen Quellen zur osmanischen Musik enthält, darunter zahlreiche Musikdrucke aus dem 20. Jahrhundert. So wird der Zugriff auf die Transkripte sowohl über ein systematisch gegliedertes Inhaltsverzeichnis als auch über eine Schlagwortsuche möglich sein.

Mit der Veröffentlichung der Daten über perspectivia.net wird der Bestand zusätzlich mit RISM (Répertoire International des Sources Musicales) vernetzt, zudem kooperiert das Projekt mit Musiconn. Darüber hinaus sollen die Kataloge, die Transkripte und Liedtexte, die zugehörigen Metadaten und jene Abbildungsdigitalisate der Quellen zur osmanischen Musik, die gemeinfrei oder von den besitzenden Bibliotheken freigegeben sind, im Quellen-Portal von perspectivia.net unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht werden. Einzelhandschriften sind dann außerdem als Book-on-Demand-Ausgaben erhältlich.

Das Orient-Institut Istanbul der Max Weber Stiftung übernimmt zentrale Aufgaben sowohl im Projektmanagement vor Ort, so bei der Koordination der Zusammenarbeit mit den relevanten türkischen WissenschaftlerInnen, Bibliotheken und Archiven als auch bei der Durchführung des Teilprojektes „CMO-Quellenkataloge“, insbesondere dem Aufbau und der kontinuierlichen Befüllung der Datenbanken, die historische Musikdrucke aus dem 19. und frühen 20. Jh. sowie die im Rahmen des Projekts edierten handschriftlichen Quellen aus dieser Zeit umfassen.

In Zusammenarbeit mit perspectivia.net obliegt dem Orient-Institut Istanbul die technische Betreuung der Edition. Es ist beteiligt an der Online-Edition der Kritischen Ausgabe, so am Aufbau des Onlineportals und der Infrastruktur des Publikationsservers, der Betreuung der digitalen Edition der CMO, der Open Access-Bereitstellung der Online-Edition und der parallel zur Edition erstellten Quellenkataloge sowie der Print on Demand-Bereitstellung der Online-Edition.


1 Bzgl. unterschiedlicher Transliterationssysteme und abweichender Schreibweisen, siehe "Erläuterung zu den Fachbegriffen und der Transliteration" unter Publikationen.