
Abgüsse antiker Skulpturen sind seit dem 19. Jahrhundert ein wichtiger Bestandteil archäologischer Museen und Universitäten. Sie ermöglichen es, berühmte Werke der griechischen und römischen Kunst genau zu studieren. Anders als Fotos geben Gipsabgüsse Form, Größe und räumliche Wirkung der Originale besonders anschaulich wieder und sind daher bis heute ein wichtiges Hilfsmittel für Forschung und Lehre, bieten aber auch den Besucher*innen spannende Einblicke.
Die Abgusssammlung der Universität Münster gehört zu den ältesten Einrichtungen des Archäologischen Museums, das 1883 gegründet wurde. Trotz wiederkehrender Probleme wie Platzmangel und begrenzten finanziellen Mitteln wuchs die Sammlung stetig: Anfang des 20. Jahrhunderts umfasste sie bereits über hundert Stücke.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Museum jedoch vollständig zerstört. In den 1950er- und 1960er-Jahren begann der Archäologe Max Wegner mit dem Wiederaufbau der Sammlung. Viele neue Abgüsse wurden angeschafft und im Dachgeschoss des Fürstenberghauses ausgestellt. In den 1970er- und 1980er-Jahren geriet die Sammlung erneut in eine schwierige Situation: Einige Stücke wurden beschädigt oder gestohlen, und Teile der Sammlung mussten aufgrund der Sanierung des Gebäudes ausgelagert werden.
Erst seit den 1990er-Jahren konnte die Abgusssammlung umfassend restauriert und neu aufgebaut werden. Zwischenzeitlich fanden Teile ein neues Zuhause im Fahrradkeller des Fürstenberghauses, wo sich heute das Untergeschoss des Museums befindet. Die Gipse wanderten in eine Halle am Nienkamp, wo sie nach aufwändiger Restaurierung erstmals einen würdigen Ausstellungsraum fanden. Die dramatischen Regenfälle von 2014 machten jedoch auch vor der Gipsabgusssammlung nicht Halt und so war ein dramatischer Wasserschaden zu verzeichnen, der in den Folgejahren mühsam behoben wurde.
Das Glück währte jedoch nicht lange, denn die Halle am Nienkamp wurde so baufällig, dass 2024 eine neue Halle gesucht werden musste. Dank des unermüdlichen Einsatzes zahlreicher Mitarbeiter*innen der Universität Münster wurde eine Halle in Mecklenbeck ausfindig gemacht und den Bedürfnissen entsprechend umgebaut. Nun können erstmals seit Bestehen der Sammlung die Abgüsse der Giebelskulpturen vollständig gezeigt werden. Doch die teils über 70 Jahre alten Gipse zeigen Spuren der wechselvollen Sammlungsgeschichte. Nun liegt der Fokus darauf, die kleineren und größeren Beschädigungen zu beheben und die Abgusssammlung für die Zukunft zu erhalten.
Insgesamt sind in der Halle rund 450 Abgüsse antiker Skulpturen zu sehen. Ergänzt werden die Skulpturen durch eine Modellsammlung mit rund 25 Exponaten, darunter auch ein Modell des gesamten Heiligtums von Olympia. Das Archäologische Museum besitzt damit eine der größten Modellsammlungen antiker Monumente, Stätten und Heiligtümer, die den rekonstruierten Zustand von Gebäuden, Plätzen und "Statuenwäldern" veranschaulichen. Insbesondere die Modelle der großen Heiligtümer von Olympia und Delphi oder die Athener Agora als die "Wiege der Demokratie" basieren auf der literarischen und archäologischen Überlieferung und ermöglichen eine ganzheitliche Annäherung an die griechische und römische Kulturgeschichte.
Die Abgusssammlung dient der Forschung und dem Studium. Hier werden regelmäßig Lehrveranstaltungen für Studierende durchgeführt. Geplant ist, die Sammlung auch für die breitere Öffentlichkeit zu ausgewählten Terminen zu öffnen.
