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Leihgabe der Universität Tübingen

Vom Tempelberg an den Domplatz

VR-Stationen zum Tempel in Jerusalem

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Schätze aus dem Jerusalemer Tempel, darunter auch die Menora, werden nach der Belagerung und Zerstörung Jerusalems (70 n. Chr.) im römischen Triumphzug nach Rom gebracht (Originaldarstellung auf der Innenseite des Titusbogens in Rom)
Schätze aus dem Jerusalemer Tempel, darunter auch die Menora, werden nach der Belagerung und Zerstörung Jerusalems (70 n. Chr.) im römischen Triumphzug nach Rom gebracht (Originaldarstellung auf der Innenseite des Titusbogens in Rom)
© Von Paolo Villa - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=117815327
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Der Herodianische Tempel in Jerusalem war der Sehnsuchtsort der Juden. Doch das Allerheiligste, den Naos, durften nur die Priester betreten. Im Archäologischen Museum dagegen kann sich jede und jeder Interessierte in der Ausstellung "Tempelsteuer und Taubenhändler" bis zum 26. Februar den ersten Raum mit Menora, Schaubrottisch und Räucheraltar und den zweiten, leeren Raum, der an die verlorene Bundeslade mit den zehn Geboten erinnert, ansehen. Eine Leihgabe der Universität Tübingen erlaubt den Besuch der 70 nach unserer Zeitrechnung von den Römern zerstörten Tempelanlage mittels VR-Brillen.

Zwei für die Altertumswissenschaft äußerst relevante Themen, so Museumsdirektor Prof. Achim Lichtenberger, wurden durch die Programmierung der virtuellen Realität miteinander verbunden: die Numismatik und die Palästina-Archäologie. Denn die Tübinger Wissenschaftler, allen voran Dr. Stefan Krmnicek, haben nicht nur die weitläufige Architektur rekonstruiert, die mittels "Teleporter"-Sprüngen muskel- und gelenkschonend durchquert werden kann. Sie haben darüber hinaus ein ausgefeiltes System von verschiedenen interaktiven digitalen Stationen geschaffen, mit deren Hilfe sich der Geldfluss im Tempel nachvollziehen lässt.

Denn dort wurde nicht nur gebetet. Die Glaubensvorschriften, die Tempelsteuern und Tieropfer verlangten, sorgten für einen regen ökonomischen Kreislauf innerhalb der Tempelmauern. "Zur Zeit Jesu existierten mehrere verschiedene Währungssysteme nebeneinander", so Lichtenberger. Deshalb saßen im Vorhof der Heiden, den auch Nicht-Juden betreten durften, zahlreiche Geldwechsler, die  Bronzemünzen wie die des Pontius Pilates oder des Herodes Archelaos in Silbermünzen aus Tyros wechselten, die das übliche Zahlungsmittel für die Tempelsteuer waren.

Dabei war auf dem tyrenischen Zahlungsmittel der Kopf des Herakles und ein Adler eingeprägt, was dem altertestamentlichen Verbot, Lebewesen abzubilden, widersprach. Selbst die Römer hatten Rücksicht auf den jüdischen Glauben genommen und in dem von ihnen besetzten Gebiet auf Münzen mit Bildern von Göttern, Menschen oder Tieren weit gehend verzichtet. "Die tyrenischen Münzen müssen streng religiösen Juden zuwider gewesen sein, trotzdem haben sie damit ihren Tempelschatz gefüllt. Das zeigt, dass Geld selbst religiöse Moral aussticht", sagt Lichtenberger.

"Über den Austausch von Münzen lassen sich die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte der Antike erleben", bekräftigt der Numismatiker Stefan Krmnicek. Die unscheinbaren VR-Brillen im Museum am Domplatz eröffnen so eine komplette Welt, der die digitale Künstlichkeit zwar anzusehen ist, die es aber dennoch vermag, den Nutzer in ihren Bann zu ziehen. Das Areal war wahrscheinlich knapp 150.000 Quadratmeter groß und mit Mauern, die teilweise 30 Meter hoch waren, umgrenzt. Die 3-D-Technik vermittelt einen Eindruck von jener Ehrfurcht, die die Pilger zur Zeit Jesu empfunden haben müssen, als sie eines der eindrucksvollsten Gebäude der Antike besuchten.