Emanzipation durch Bildung

Dr. Alexander Haindorf, der erste jüdische Privatdozent der Universität Münster, erhält am 15. und 16. Oktober eine späte, verdiente Würdigung: Das Symposium "200 Jahre Emanzipation durch Bildung – Alexander Haindorf und seine Vision" nimmt Haindorfs Leben, seine Zeit und seine Bildungsvision in den Blick. Zugleich verfolgt es die Geschichte der Marks-Haindorf-Stiftung und ihres Hauses am Kanonengraben 4 als Ort jüdischer Bildungs-, Verfolgungs- und Erinnerungsgeschichte. So verbindet das Symposium, organisiert vom Beauftragten der Universität Münster gegen Antisemitismus, jüdische Bildungs- und Stadtgeschichte Münsters mit einer Frage, die auch nach 200 Jahren aktuell bleibt: Wie können Menschen dazugehören, ohne ihre Unterschiede aufgeben zu müssen? Das Programm finden Sie hier.
Alexander Haindorf wurde 1784 geboren. Als seine Eltern kurz nacheinander starben, kam er zu den Großeltern mütterlicherseits nach Hamm. Der jüdische Gemeindevorsteher Anschel Hertz erkannte das Potenzial des Jungen und förderte ihn nach Kräften. Ganz im Sinne des Humboldtschen Bildungsideals entwickelte sich Haindorf zum Universalgelehrten. Er studierte Medizin, Psychologie, Philosophie und Geschichte. Ein Jahr nach seiner Promotion habilitierte er sich 1810 mit seiner Schrift über die "Pathologie und Therapie der Gemüts- und Geisteskrankheiten".
Doch der nächste Schritt, die Professur, wurde ihm von der damaligen Akademie, zu der die Universität 1810 herabgestuft worden war, verwehrt. "Es war einfach außerhalb jeglicher Vorstellungskraft, dass ein Jude so eine Stellung haben könnte und damit Nicht-Juden gleichgestellt wäre", so Prof. Susanne Freund von der Fachhochschule Potsdam, die ihre Dissertation über die Marks-Haindorf-Stiftung geschrieben hat. Als Grund für seine Ablehnung wurde angegeben, dass noch niemals ein Jude an eine deutsche Universität berufen worden sei. "Es ist nicht bekannt, wie Alexander Haindorf dies kommentiert hat. Eine Konsequenz daraus war allerdings, dass er das Bildungssystem und die Aufstiegschancen für Juden insgesamt verbessern wollte", sagt Freund.
Doch der vielseitig gebildete Haindorf setzte sich nicht nur für seine Glaubensgenossen, sondern auch für das kulturelle Leben der Stadt Münster ein. Als Kunstsammler und Mitbegründer des Kunstvereins hat Haindorf selbst zur Vorgeschichte des LWL-Museums für Kunst und Kultur beigetragen. Deshalb findet dort am 15. Oktobers ein besonderer Konzertabend ab 19.30 Uhr statt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Das Ensemble "Mendels Töchter" interpretiert Lieder von Erich Mendel (1902-1988). Mendel war Chorleiter und forschte zu jüdischer Musik. Er wurde zudem selbst am Marks-Haindorf-Lehrerseminar in Münster ausgebildet. Das Seminar sowie die gleichnamige Stiftung tragen die Namen von Alexander Haindorf und seinem Schwiegervater, dem Kaufmann Elias Marks. Zudem kehrt Haindorf selbst an diesem Abend auf die Bühne zurück: Der münstersche Schauspieler Jonas Riemer schlüpft in seine Rolle und lässt ihn mit seinen Ideen, Hoffnungen und Widersprüchen selbst zu Wort kommen.
Vom 15. Oktober bis 15. November erinnert zudem eine Sondervitrine im Archäologischen Museum an Alexander Haindorf und die Geschichte der Marks-Haindorf-Stiftung. Ausgewählte historische Objekte und Dokumente geben Einblicke in Haindorfs Bildungsvision und die wechselvolle Geschichte der von ihm begründeten Institution. Ein besonderes Highlight ist ein Ehrenpokal aus dem Jahr 1850, den die "Israelitische Gemeinde" Alexander Haindorf anlässlich des 25-jährigen Bestehens seiner Bildungsinitiative widmete. Das historische Objekt zeugt von der Wertschätzung, die Haindorf und seinem Engagement für die jüdische Bildung entgegengebracht wurde.
