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Ein Wahrzeichen über die Jahrtausende hinweg

Ausstellung zu den "Teufelssteinen" bei Heiden

Fotos

Die "Düwelsteene" bei Heiden
Die "Düwelsteene" bei Heiden
© Altertumskommission für Westfalen
  • Die von Bürger*innen eingesandten Bilder dokumentieren nicht nur Veränderungen an der Steinen, sondern auch in der Gesellschaft. Bild von 1930
    © Altertumskommission für Westfalen
  • Bild von den Grabungsarbeiten 1932
    © Altertumskommission für Westfalen
  • Die von Bürger*innen eingesandten Bilder dokumentieren nicht nur Veränderungen an der Steinen, sondern auch in der Gesellschaft. Bild von 1977
    © Altertumskommission für Westfalen
  • Die von Bürger*innen eingesandten Bilder dokumentieren nicht nur Veränderungen an der Steinen, sondern auch in der Gesellschaft. Bild von 2018
    © Altertumskommission für Westfalen
  • 1713 wurde die "Düwelsteene" erstmals dokumentiert.
    © Altertumskommission für Westfalen
  • In der Rekonstruktion zeigt sich ein deutlich anderes Bild des Megalithgrabes.
    © Altertumskommission für Westfalen

Ob Grab, Hinterlassenschaften des Teufels oder Touristenattraktion - die 5000 Jahre alte Megalithanlage bei Heiden im Westmünsterland wurde von den in ihrer Nähe lebenden Menschen zwar immer wieder verändert und uminterpretiert, gleichgültig war sie ihnen nie. Das "Düwelsteene" genannte Megalithgrab der spätneolithischen Trichterbecherkultur stand deshalb im Mittelpunkt eines Projektes, das 2019 mit dem ersten "Citizen-Science-Preis" der Universität Münster ausgezeichnet wurde. Eine Sonderausstellung im Archäologischen Museum zeigt bis zum 17. Februar die Ergebnisse.

Die "Teufelssteine" wurden nicht für eine einzelne, herausragende Persönlichkeit geschaffen, sondern im Zeitraum zwischen 3.300 und 2.700 vor unserer Zeitrechnung kollektiv als Begräbnisstätte genutzt. Das südlichste bekannte Megalithgrab aus dieser Epoche wurde ebenerdig aus Findlingen errichtet und mit einem Erdhügel bedeckt. Der Zugang wurde baulich von Grabkammer abgesetzt.

Die Anlage mit einem Ausmaß von bis zu 4,8 mal zwölf Metern wurde 1713 erstmals erwähnt und im Bild dokumentiert. Die Steine, die das Grab bildeten, wurde von einem Kreis kleinerer Findlinge umfasst, die heute nicht mehr vorhanden sind. Wann sie verschwanden, ist nicht mehr zu rekonstruieren. Im Zuge des in den 1920er Jahren immer mehr wachsenden Heimatbewusstsein gründete sich 1921 der Heimatverein von Heiden. Im gleichen Zeitraum fand erstmals eine Grabung am Megalithgrab statt. "Unsachgemäß", wie die Doktorandin und Mitarbeiterin der Altertumskommission für Westfalen, Lea Kopner, erläutert. "Steine verkippten, die geborgenen Funde wurden nicht in Heiden aufbewahrt, sondern 1930 an das Ruhr-Museum in Essen verkauft."

In den darauffolgenden Jahren wurde das Grab immer weiter durch Ausflügler und Neugierige beschädigt. So wurde 1928 beispielsweise bei einer Sonnenwendfeier ein Feuer in der Grabanlage entfacht. 1932 kam es dann zu einem Instandsetzungsversuch, bei dem die ursprüngliche Lage der Steine noch weiter verändert wurde. "Offenbar wurde versucht, das Grab deutlich 'aufgeräumter' zu gestalten, die Steine wurden in einem ansatzweise rechten Winkel angeordnet, so dass es mehr einem Idealbild entsprach", erläutert Florian Jüngerich, der den ursprünglichen Zustand vor 1932 digital rekonstruiert hat.

Der Doktorand stand vor einer schwierigen Aufgabe, denn die Arbeiten von 1932 waren kaum dokumentiert, die Funde, darunter Keramik, Leichenbrand und Flintwerkzeuge, galten als im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs verloren. Immerhin ließ sich bei den Arbeiten nachweisen, dass die großen Findlinge an ihrem Fundament durch kleinere Steine gestützt wurden und die Anlage gepflastert war.

Auch in den Nachkriegsjahren fanden die "Düwelsteene" keine Ruhe: 1969 wurde entdeckt, dass ein weiterer Stein verschwunden war. Das Jahr 2015 brachte schließlich die Wende: Die verloren geglaubten Funde von 1932 wurden in unkatalogisierten Kisten wieder entdeckt.  Im Rahmen der wissenschaftlichen Beschreibung aller Megalithgräber in Westfalen entstand 2017 ein virtuelles Modell der "Düwelsteene" und die Idee, sie digital wieder in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen. Doch wie sah der aus? Um das herauszufinden, sollten die Heidener Bürger*innen alte Fotografien zur Verfügung stellen.

"Das Interesse war enorm groß", berichtet Jüngerich. "Wir haben über 300 Fotografien und Dokumente erhalten, von denen wir 44 für die digitale Rekonstruktion nutzen konnten". Der Rest war entweder zu jung oder zu undeutlich. In eine Datenbank pflegte Jüngerich alle bekannten Informationen wie Fotograf, Aufnahmedatum, und ähnliches ein und vermerkte die Richtung der Aufnahme. Anhand der alten Kameraperspektiven konnten die Einzelsteine im Computer entsprechend zugeordnet und gedreht werden.

Im Archäologischen Museum lassen sich anhand von zwei Modellen aus dem 3-D-Drucker die Unterschiede zwischen den beiden Versionen nachvollziehen. Ein Film fasst die wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen und eine Leuchtwand mit den verwendeten Fotografien und eine Diashow betonen die Bedeutung, die die Bürger*innen Heidens für das Projekt hatten. "Das ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, dass Bürger*innen einen, eigenen vollwertigen Beitrag für die Wissenschaft leisten können", betont Prof. Achim Lichtenberger, der Direktor des Archäologischen Museums.

Über die archäologische Bedeutung der digitalen Rekonstruktion hinaus hat Jüngerich noch einen weiteren Reiz der eingesandten Fotografien entdeckt: „Die Fotos zeigen auch, welchen Wert dem Denkmal vom 19. Jahrhundert bis heute zugemessen wurde, und wie sich die Gesellschaft gewandelt. Eines ist aber über die Jahrtausende gleichgeblieben: Die ,Teufelssteine‘ waren immer ein wichtiger Anlaufpunkt für die Menschen in der Umgebung.“