Katja Angenent, Eva-Maria Lerche und Maike Frie (v. r. n. l.) im Gespräch mit Nora Kluck vom alumni|förderer-Magazin.
Katja Angenent, Eva-Maria Lerche und Maike Frie (v. r. n. l.) im Gespräch mit Nora Kluck vom alumni|förderer-Magazin.
© WWU - Thomas Mohn

„Den Schreibmuskel kann man trainieren“

Die WWU-Alumnae Katja Angenent, Maike Frie und Dr. Eva-Maria Lerche lehren kreatives und wissenschaftliches Schreiben

Das Interview führte Nora Kluck.

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Dieser Text stammt aus dem alumni|förderer-Magazin in der Universitätszeitung "wissen|leben", Ausgabe Sommersemester 2019.

Die WWU-Alumnae Katja Angenent, Maike Frie und Dr. Eva-Maria-Lerche haben sich mit der Leitung von Schreibwerkstatt-Seminaren selbstständig gemacht. Sie unterrichten kreatives, wissenschaftliches und berufliches Schreiben. Zu ihren Kunden gehören Autorinnen und Autoren, Berufstätige, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Promovierende und Studierende. Die Themen erstrecken sich über den gesamten Schreibprozess von „Wie fange ich an?“ bis hin zu „Wie lektoriere ich meinen fertigen Text?“. Die drei Schreibtrainerinnen kooperieren seit 2017 auf Initiative von Eva-Maria Lerche. Im November 2018 stellten sie den ersten „Kreativen Schreibmarathon Münster“ auf die Beine: Eine Woche lang boten sie Seminare und freie Zeiten zum Schreiben an. In unserem Interview berichten die drei Alumnae über ihr Studium an der WWU, den Weg in die Selbstständigkeit und das Handwerk des Schreibens.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich mit dem Thema „Schreiben“ selbstständig gemacht haben?

Maike Frie: Ich habe als Lektorin und Sprachdozentin begonnen, freiberuflich zu arbeiten. Beim Lektorat belletristischer Texte wurde mir schnell klar, dass viele Leute Begleitung beim Schreiben haben möchten. Darum habe ich angefangen, Schreibwerkstätten zu leiten.

Katja Angenent: Ich habe während des Studiums und danach als Journalistin gearbeitet, unter anderem als Redaktionsleiterin der Geschichtszeitschrift „Miroque“. Ich wollte aber auch wieder kreativ schreiben, wie ich es als Kind schon gemacht habe. Darum habe ich Schreibseminare und Autorenstammtische besucht. Dann habe ich mich entschieden, es hauptberuflich mit dem Schreiben zu versuchen. Genau zu dem Zeitpunkt fragte Eva Lerche mich, ob ich eine Seminarleitung im Schreibraum übernehmen möchte.

Eva-Maria Lerche: Die schreibdidaktische Weiterbildung am Schreiblabor der Universität Bielefeld war für mich, als würde ein Vorhang zur Seite gezogen. Sie steht in US-amerikanischer Tradition und stellt den Schreibprozess und positives Feedback sehr stark in den Mittelpunkt. Ich habe danach an verschiedenen Universitäten in der Schreibberatung gearbeitet. Nach einiger Zeit im akademischen Mittelbau wollte ich aber raus aus dem System mit den befristeten Arbeitsverträgen. So entstand der Schreibraum Münster.

Was mögen Sie besonders an Ihrem Beruf?

Katja Angenent: Die Freiheit, die mit der Selbstständigkeit einhergeht. Und die unterschiedlichen Leute, mit denen ich durch die Kurse in Kontakt komme.

Maike Frie: Die Freiheit ist zugleich das Schönste und das Schlimmste, weil ich nicht immer weiß, ob Aufträge kommen. Andererseits kann ich Anfragen ablehnen, wenn ich merke, dass sie mir nicht guttun.

Was war in der Gründungsphase besonders schön?

Maike Frie: Die vielen positiven Begegnungen mit Menschen, die einen bestärken und begleiten. Wir schulen uns zum Beispiel gegenseitig in einem Netzwerk von Kreativen in Münster.

Eva-Maria Lerche: Die Gründerinnenwerkstatt und die Unterstützung durch die Wirtschaftsförderung. Dort gab es professionelle Hilfe und Beratung auch zu den unangenehmeren Themen wie Kostenkalkulation oder Steuerrecht.

Inwiefern profitieren Sie heute von Ihrem Studium?

Eva-Maria Lerche: Neben den fachlichen Inhalten war das Studium vor allem eine Lebensphase, in der ich mir vieles aneignen und mich entwickeln konnte. Ich habe eine Ausbildung zur Selbstverteidigungs-Trainerin gemacht und war politisch aktiv. Heute scheint es mir manchmal, dass das Studium für viele nur eine Phase ist, durch die man durchmuss, um möglichst schnell einen Job zu bekommen.

Katja Angenent: In der Selbstständigkeit können wir viele Fähigkeiten nutzen, die wir uns im geisteswissenschaftlichen Studium angeeignet haben, weil es noch nicht so verschult war: uns selbst organisieren, eine Beratung suchen, Anfragen stellen, sich selbst Strukturen schaffen.

Maike Frie: In den Angewandten Kulturwissenschaften haben wir neben der Kulturtheorie Vorlesungen in Jura und BWL belegt. Wir haben auch praktische Sachen gemacht, zum Beispiel eine Preisverleihung für den Sender 3sat organisiert. Das hilft mir heute alles sehr.

Was ist Ihre prägendste Erinnerung an die Studienzeit in Münster?

Katja Angenent: Besonders schön und familiär fand ich die Buchwissenschaft in der Anglistik, wo ich als studentische Hilfskraft gearbeitet habe. Und auch damals habe ich die Freiheit genossen, die ich heute als Selbstständige so schätze. Ich konnte mir viele Themen in einem breiten Fächerspektrum aussuchen und viele Angebote wahrnehmen, wie zum Beispiel den Niederländisch-Kurs für mein Erasmus-Semester.

Maike Frie: Die Feste bei den Skandinavisten: „Midsommar“ und das Fest der Heiligen Lucia. Ich habe auch schöne Erinnerungen an das kleine Institut an der Kleimannstraße, das in einem eigenen Haus mit Wintergarten untergebracht war.

Eva-Maria Lerche: Die Volkskunde war auch so ein schönes kleines Fach, es wurde immer die „Familie Volkskunde“ genannt. Dort durften wir schon als Studierende mit zu Kongressen fahren und Aufsätze veröffentlichen. Die Zeit während der Promotion im DFG-Projekt war für mich die schönste Zeit an der Uni – es war großartig, für das Forschen bezahlt zu werden. Gleichzeitig habe ich aber damals schon gesehen, wie viele Studierende daran gescheitert sind, dass es keine Unterstützung beim Thema Schreiben gab. Letztlich hat sich aus diesem Mangel heraus mein Beruf entwickelt.

Kann man denn gutes Schreiben lernen?

Katja Angenent: Ganz klar: ja. Natürlich hilft Talent, aber der Rest ist Handwerk. Wer schreiben möchte, sollte anfangen und sich nicht entmutigen lassen. Und wenn nicht der ganze Text gut ist, sind mit Sicherheit ein paar Perlen drin.

Maike Frie: Jeder weiß, dass man ein Musikinstrument oder eine Maltechnik erst erlernen und dann viel üben muss. Beim Schreiben wird aber oft gedacht, dass man es entweder beherrscht oder nicht. Das ist dieser verbreitete Genialitätsgedanke. Ich finde das Bild vom „Schreibmuskel“ gut, den man trainieren kann.

Eva-Maria Lerche: Für mich steht der Spaß am Schreiben im Vordergrund. Ich merke manchmal, dass Studierende von ihren Dozenten entmutigt worden sind. Darum ist ein Kern meiner Arbeit, das Selbstvertrauen zu stärken.

In diesem Zusammenhang wird das Schreiben mit der Hand contra Schreiben am Computer immer wieder diskutiert. Wozu raten Sie in Ihren Workshops?

Maike Frie: Beides hat seine Berechtigung. So wie es helfen kann, den Schreibort zu ändern, sollte man ab und zu das Schreibgerät wechseln. Das handschriftliche Schreiben ist keine vergeudete Zeit. Denn während des Abtippens kann man den Text direkt überarbeiten.

Eva-Maria Lerche: Viele Schreibende vermischen am Computer verschiedene Phasen des Schreibprozesses, das kreative „Runterschreiben“ und das strukturierte Überarbeiten. Das hemmt den Schreibfluss. Wenn ich mit der Hand schreibe, ist der Text per se unfertig. Damit kann ich auch den inneren Kritiker erst einmal vor die Tür schicken.

Sie haben gemeinsam im vergangenen November den Kreativen Schreibmarathon Münster organisiert. Was war die Idee dahinter?

Eva-Maria Lerche: Ich habe im vorletzten Jahr einen Schreibmarathon im „Writers’ Studio“ in Wien mitgemacht. Wir haben unter der Anleitung von Schreibtrainern morgens angefangen zu schreiben und erst abends aufgehört. Das Konzept wollte ich gerne in etwas veränderter Form nach Münster holen. Zu dritt haben wir überlegt, was zu uns und unserer Kundschaft passt. Also haben wir eine Woche lang jeden Vormittag Workshops angeboten. Am Nachmittag gab es freie Schreibzeiten, an denen jeder im Schreibraum an seinem eigenen Projekt arbeiten konnte. Zum Tagesabschluss wurden die frisch entstandenen Texte unter viel Applaus vorgelesen. Die Resonanz war sehr gut. In diesem Jahr findet der Marathon an den Wochenenden über den gesamten November verteilt statt.

Katja Angenent: Wer teilnimmt, bekommt in diesem Monat jeden Morgen eine E-Mail von uns als Ansporn, täglich zu schreiben. Das greift den Gedanken des Novembers als internationalem Schreibmonat auf, der aus dem „National Novel Writing Month“ in den USA hervorgegangen ist.

Kann man in seiner Freizeit noch unbefangen Romane lesen, wenn man schreiben lehrt?

Maike Frie: Ich merke vor allem beim Lesen mit meinen Töchtern, wie viele Kinder- und Jugendbücher es gibt, die handwerklich schlecht geschrieben sind.

Katja Angenent: Ich habe früher unbefangener gelesen und denke zum Beispiel darüber nach, ob ich einen Texteinstieg gelungen finde. Aber wenn die Geschichte gut ist, blende ich das irgendwann aus.

Und wenn Sie selbst kreativ schreiben – gibt es bestimmte Genres oder Themen, die Sie besonders reizen?

Katja Angenent: Ich schreibe alles, was ein bisschen düster und morbid ist, unter anderem Krimis. Auch mein Fantasyroman, der im Sommer erscheint, ist ein Krimi.

Maike Frie: Thematisch bin ich nicht festgelegt. Darum hilft es mir, vorher einen Rahmen zu stecken. Ich suche mir Ausschreibungen für Schreibwettbewerbe oder gebe mir selbst eine Zeit oder eine Zeichenzahl vor. Oder ich verabrede mich mit anderen zum Schreiben.
Eva-Maria Lerche: Ich schreibe am liebsten Kurzkrimis. Dabei kann ich Stile und Perspektiven ausprobieren, die in einem längeren Text schwierig wären. Es ist egal, wie ich losschreibe: Es kommt hinterher immer eine Leiche vor.

Dr. Eva-Maria Lerche (44) hat 2017 den „Schreibraum Münster“ gegründet, der für ihre Kurse zugleich Seminarraum und Rückzugsort zum Schreiben ist. Ihre schreibdidaktische Ausbildung erhielt sie am Schreiblabor der Universität Bielefeld. Von 1995 bis 2002 studierte sie an der WWU Münster Politikwissenschaft, Volkskunde, Neuere und Neueste Geschichte und Ostslavistik. Im Jahr 2008 wurde sie im Fach Volkskunde promoviert.
www.eva-lerche.de

Maike Frie (42) ist seit 2005 Inhaberin von „skriving | Lektorat – Text – Norwegisch“ und leitet Seminare zum kreativen Schreiben. Sie ist freie Lektorin, Autorin und außerdem Dozentin für Norwegisch. Für ihre Kurzgeschichten wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Sie hat von 1996 bis 1999 an der WWU Münster Germanistik, Nordistik und Angewandte Kulturwissenschaften studiert. Ihr Hauptstudium absolvierte sie in Oslo und in Hamburg.
www.skriving.de

Katja Angenent (36) leitet Schreibseminare im „Schreibraum Münster“. Sie ist freie Journalistin und Autorin und gehört zur münsterschen Autorengruppe „Semikolon“. Kürzlich erschien ihr Kurzgeschichtenband „Die alte Freundin Dunkelheit“. Von 2003 bis 2009 studierte sie an der WWU Münster Deutsche Philologie, Englische Philologie sowie Neuere und Neueste Geschichte. Ein Semester verbrachte sie in Leiden (Niederlande).
www.katjaschreibt.de