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Ausländische Frauen in der niederländischen Gesellschaft

Die gesellschaftliche Integration sowie die Emanzipation von Frauen und Mädchen aus Migrantenkreisen geht zum Teil nur schleppend voran. Hier werden einige Aspekte dieser Problematik beleuchtet.

In dem nachfolgenden, zum Teil als Zwiegespräch mit ihrer Mutter verfassten Artikel beschreibt die 1951 in Surinam geborene Juristin Ellin Robles u.a. die Situation „schwarzer“ Frauen auf dem Arbeitsmarkt und in den Medien. Die Bezeichnung „schwarz“ verwendet die Autorin als politischen Begriff für alle Frauen nicht-weißer Hautfarbe; gemeint sind damit sowohl Frauen afrikanischer, als auch marokkanischer, türkischer, chinesischer oder indonesischer Abstammung.

M1: Weiblich und schwarz in den Niederlanden (Fragment)

Bezahlte Arbeit für schwarze Frauen ist ein wichtiger Diskussionspunkt, dem nun schon seit Jahren viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das Thema scheint so kompliziert zu sein, dass niemand eine Lösung weiß. Die Arbeitslosigkeit unter schwarzen Menschen, das heißt natürlich auch unter schwarzen Frauen, ist ernorm hoch . [...]
Ich sollte dich an einem x-beliebigen Tag nach halb sechs Uhr abends mitnehmen zum Rathaus von Amsterdam. Dort könnte ich dir ein Schulbeispiel dafür zeigen, wie es um schwarze Frauen und Arbeit bestellt ist. Die Gänge sind buchstäblich „schwarz“, du siehst nahezu nur Frauen. Sie arbeiten mit Eimern und Besen und Bohnermaschinen in den langen Fluren, die am nächsten Morgen für das elegante Rathauspersonal wieder sauber sein müssen. In allen Büros wird abgestaubt, die Aschenbecher werden geleert, die Räume gelüftet. Sie sprechen kaum miteinander, denn die Aufsicht ist streng. Die sogenannten Vorarbeiterinnen - Weiße - gehen auf und ab und passen auf, dass die Arbeit flott und ordentlich erledigt wird.
Danach könnte ich Dich in ein x-beliebiges Pflege- oder Altenheim bringen, um dir zu zeigen, wie viele schwarze Frauen da arbeiten. Genauer gesagt: Meiner Meinung nach existiert Heimpflege nur dank der schwarzen Frauen.
Warum so viele schwarze Frauen in Pflege- und Haushaltsberufen arbeiten? Der am häufigsten vorgebrachte Grund ist, dass sie sich so gut dafür eignen. Ich denke, es hat etwas damit zu tun, dass für diese Arbeitsplätze kaum oder gar keine Ausbildung verlangt wird. Viele schwarze Frauen sind schlecht ausgebildet und dadurch zu den am wenigsten begehrten Arbeiten mit den schlechtesten Bedingungen und den niedrigsten Löhnen verurteilt. Für schwarze Frauen - oft in ihrer Heimat ordentlich ausgebildet -, die nicht die niederländische Staatsangehörigkeit besitzen, bedeutet eine solche Arbeit nicht nur ein regelmäßiges Einkommen, sie ist auch die Grundlage dafür, dass sie ihre Aufenthaltsgenehmigung behalten.
Ich gebe dir kein verzerrtes Bild, nein, das habe ich nicht vor. Natürlich arbeiten schwarze Frauen auch in anderen Bereichen, und manche sitzen sogar an hohen und gutbezahlten Stellen. Aber das ist noch immer eine Ausnahme. [...]
Und nun sieh dir an, wie es mit schwarzen Frauen in der Wirtschaft steht. In den zwölf Jahren, die ich in diesem Land lebe, bin ich nur einmal in der Bank von einer schwarzen Frau bedient worden. Und sag jetzt nicht, das läge an mir, weil ich nicht oft genug in Banken käme.
Auch wenn ich beruflich mit Versicherungsgesellschaften zu tun habe, habe ich dort noch nie eine schwarze Person getroffen, die mir Auskunft gab oder mir behilflich war. Bis auf den Bijenkorf, ein luxuriöses Kaufhaus - da sehe ich regelmäßig schwarze Verkäuferinnen und Verkäufer -, ist schwarzes Personal in Geschäften eine Seltenheit. Etwas anderes triffst du allerdings immer häufiger, nämlich Schwarze, die selbst ein kleines Unternehmen eröffnen, doch schwarze Frauen als selbstständige Unternehmerinnen sind wieder äußerst selten. [...]

Ich kann von Glück sprechen, dass ich eine Afro-Niederländerin bin. So erkenne ich mich im Fernsehen wenigstens ein bisschen wieder, wenn Gerda Havertong - der einzige schwarze Medienstar - auf dem Bildschirm erscheint oder Noraly Beyer, die einzige schwarze Nachrichtensprecherin.* Türkische und marokkanische Frauen sehe ich nur in Programmen, die für Türken und Marokkaner bestimmt sind. Und nimm es mir nicht übel: Das Einwanderer-Fernsehen schaue ich mir nicht an. Ich erspare mir den Ärger einer ständigen Konfrontation mit Marginalisierung und Aussonderung.

*Inzwischen gibt es mehrere farbige Nachrichtensprecherinnen in den Niederlanden.

(Quelle: Ellin Robles' „Weiblich und schwarz in den Niederlanden: Ein Traum?", in: Gerda Meijerink, Robertine Romeny (Hrsg.): Holland der Frauen, München 1992, S. 78-86; übertragen in die neue deutsche Rechtschreibung)


Foto: G. Havertong als „Tante Peetje“ in der niederländischen Sesamstraße. (by J.P. Heijmans)

M2: Hohe Rate von Selbstmord(versuch)en bei Migrantentöchtern

Die heutigen Jugendlichen tragen die Last ihrer Eltern und Großeltern und es dauert wenigstens eine Generation, bis diese Probleme abnehmen [...]
Sie sehen oft keinen Ausweg mehr, die heranwachsenden Töchter der Türken, Marokkaner und indischstämmigen Surinamer der ersten Generation. Viel öfter als ihre Brüder oder andere Mädchen ihres Alters fühlen sie sich derart eingezwängt zwischen der Tradition ihres Herkunftslandes und dem modernen westlichen Stadtleben, dass sie selber die Hand an sich legen.
Und dies ist nur die Spitze des Eisbergs: Nicht nur Selbstmord und Selbstmordversuche kommen häufig vor, sondern auch Selbstverstümmelung ohne die Absicht, sich zu töten (Parasuizid) und ständige Gedanken an Selbstmord. Weil sie sich selbst auslöschen wollen, weil sie Hilfe benötigen, erhört werden wollen, weil sie Angst haben, verstoßen zu werden, weil sie eine Pattstellung oder Familienkrise durchbrechen wollen.
Manchmal hilft ein Selbstmordversuch für kurze Zeit; die Eltern sind zu Tode erschrocken. Doch schon bald lässt dieser Effekt wieder nach. Das alltägliche Leben mit all seinen Sorgen gewinnt wieder die Oberhand. [...]
Die Generation der Migranten, die sich nie an das Stadtleben und in die moderne westliche Gesellschaft gewöhnt hat und die noch oft in althergebrachten hierarchischen Beziehungen lebt, prallt auf die Generation ihrer Kinder. Durch die Migration geraten die Menschen völlig aus dem Lot. Ist es da verwunderlich, dass sich in vielen der heutigen Migrantengesellschaften und -familien Unruhe, Verwirrung und Unglück breit machen?
Viele Migrantenkinder leben ein gespaltenes Leben zwischen Zuhause und Außenwelt. Das gilt insbesondere für die Mädchen, denn ihre Ehre steht ständig auf dem Spiel. Sie sind Familienbesitz und es sind die Männer, die in der Familie die Macht haben. Die Jahre, in denen Mädchen zur Frau heranreifen, sind die riskantesten Jahre. Die meisten Eltern sind erleichtert, wenn ihre Töchter verheiratet sind.

(Quelle: Pauline de Bok: „Een gespleten leven“, in: Vrij Nederland vom 1. Februar 2003, S. 34 ff., Abbildung: Tobias Schalken)

M3: Ehepartner außerhalb der Niederlande

Anders als erwartet, endete die Immigration aus der Türkei und Marokko nicht, nachdem die meisten Familien in den Niederlanden vereint waren. Um die Jahrhundertwende wurde deutlich, dass sich eine neue Gruppe von Immigranten in den Niederlanden niederlässt: die Ehepartner der Kinder der ersten Generation von Türken und Marokkanern. Dass in den Niederlanden aufgewachsene Türken und Marokkaner sich auch weiterhin für einen Partner aus dem Heimatland ihrer Eltern entscheiden, lässt sich nur schwer nachvollziehen angesichts der Entwicklung, die diese Generation inzwischen durchgemacht hat. [...]
Eine wichtige Ursache für dieses Phänomen stellt die Kluft zwischen jungen Frauen und Männern innerhalb der türkischen und marokkanischen Gemeinschaft in den Niederlanden dar. Die Mädchen sind heutzutage stark an Bildung interessiert und bevorzugen eine Partnerbeziehung in der Gleichberechtigung und Kommunikation eine zentrale Rolle spielen. Die Jungen hingegen führen momentan ein freies Leben und wünschen sich für die Zukunft eine traditionelle Familie. Hinzu kommt, dass Mädchen und Jungen kein positives Bild voneinander haben. Die Mädchen empfinden die Jungen aus ihrer eigenen Herkunftsgruppe als heuchlerisch, da sie von ihrer zukünftigen Ehefrau verlangen, dass diese sich anständig benimmt und Jungfrau bleibt, während sie alles tun, was ihrer Religion zufolge verboten ist. Die Jungen halten die Mädchen für zu frei und zu verwöhnt.

(Quelle: Erna Hooghiemstra: „Trouwen over de grens“, in: demos , August 2003.)

M4: Eheschließungen in den Niederlanden bei türkischen und marokkanischen Männern und Frauen nach Partnerwahl, Stand 2006

 

 Türkische Männer
Marokkanische Männer
Türkische Frauen
Marokkanische Frauen
gesamt
Mit Einheimischen
 10%11%
9%
9%
9,7%
Mit Landsleuten aus den Niederlanden
54%
60%
60%
66%
60%
Mit Ehemigranten aus dem Herkunftsland
27%
23%
26%
17%
23,2%
Übrige
9%
6%
5%
9%
7,2%
Gezamtzahl der Eheschließungen
1.500
1.600
1.300
1.400
5.800

 

 


(Quelle: Huis, Mila van: Partnerkeuze van allochthonen. In: demos 24 (2008).