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Ein Land mit zwei Gesichtern
Die Ereignisse des Novembers haben gezeigt, soweit das nicht bereits
durch den Mord am Populisten Pim Fortuyn vor zweieinhalb Jahren
offenbar wurde, dass die Niederlande ein zerrissenes Land sind. An der
Oberfläche scheinen die Niederlande ein Idyll des Friedens, der
Liberalität und der Toleranz. Das zeigt sich bei kurzen Besuchen, wenn
sich das Land als wohlhabend, sauber und harmonisch präsentiert. Die
Innenstädte von Den Haag, Leiden und Amsterdam wirken wie Puppenstuben,
überall sind Zeichen multikultureller Vielfalt zu sehen.
Selbst in den Problemvierteln, wie dem Westen Amsterdams, aus dem
Mohammed B. stammt, scheint das Leben in einigermaßen geregelten Bahnen
zu verlaufen. Lediglich die Häufung von Satellitenschüsseln deutet
daraufhin, dass in den Häusern Menschen leben, deren kultureller
Bezugspunkt außerhalb der Niederlande liegt. Der zweite Blick
offenbart, dass frische Farbe auf Fassaden, von Stadtarchitekten
verteilten Blumenkübel und Betonbänke nur Versuche sind, den Blick auf
in diesen Vierteln brodelnden Probleme zuzustellen. Die Amsterdamer
selber sprechen bei bestimmten Stadtvierteln nur noch von „little
Gaza“. In den Tagen nach dem Mord wurden Menschen weißer Hautfarbe aus
den Straßen um die Tawhid-Moschee, die Mohammed B. besuchte, mit
Steinen beworfen und vertrieben. In diesen Vierteln, so wurde durch die
Steine deutlich, leben Menschen, die mit dem Land nichts zu tun haben
wollen.
Parallelgesellschaften
Die Niederländer sind stolz auf ihre Toleranz. Jeder soll seinen Weg
gehen, auf seine Weise glücklich werden. Die Regierung lässt jeden
gewähren, kümmert sich aber, so wurde jetzt deutlich, aber auch nicht
um jeden. Die Niederlande sind Einwanderungsland, die Niederlande sind
multikulturelle Gesellschaft. Wer kommt ist willkommen, wer neu im Land
ist kann den Aufstieg schaffen, wenn er denn will. Viele wollen offenbar nicht. Probleme bereiten unter den Einwanderern,
die aus Indonesien, aus Surinam, den arabischen Ländern, der Türkei und
mittlerweile verstärkt aus Osteuropa kommen derzeit vor allem die
Gastarbeiter, die in den sechziger Jahren aus der arabischen Welt ins
Land geholt wurden.
Die Moslems scheinen, so die neue Erkenntnis, Probleme mit der
niederländischen Sprache zu haben, können mit der niederländischen
Lebensweise wenig anfangen und wenden sich im „Ausland“, eigentlich der
neuen Heimat einer fundamentalistischen Auslegung ihrer Religion zu.
Die Probleme sind bekannt, nach dem Mord an Pim Fortuyn wandte sich die
Regierung dem Problem zu, setzte eine Kommission ein, die das Problem
untersuchen sollte. Die Erkenntnisse waren niederschmetternd. Es gebe
so der Bericht, viele Neubürger, die noch immer von den „Obrigkeiten
ihrer Heimatländer gesteuert“ würden. Es sei für die eingebürgerten
Gastarbeiter, sich der Integration zu entziehen. Die größte Gefahr, so
die Experten, die die Integration immerhin noch als einigermaßen
gelungen bezeichneten, bestehe im entstehen „rein schwarzer“, so die
Formulierung, Stadtteile und Schulen.
Ein ähnliches Bild zeigt ein neuer Bericht des Sociaal Cultureel
Planbureau, das die Bildungsnachteile der Immigranten zeigt. Bis zu 60
Prozent der marokkanischen Einwanderer beispielsweise verfügen nur über
rudimentäre Schulbildung. Der Bericht zeichnet auf wissenschaftlicher
Basis ein Szenario, dass Pim Fortuyn und Theo van Gogh ebenfalls
thematisiert haben. In nicht allzuferner Zukunft werden die Einwanderer
in den Großstädten die Bevölkerungsmehrheit stellen. Trendforscher
Adjiedj Bakas sieht dadurch eine verhängnisvolle Entwicklung in Gang
gesetzt.
Demnach verlasse die Mittelschicht die großen Städte. Nach
ihrer Flucht gebe es dann nur noch Eliten und die Unterschicht in den
Metropolen. Fotos: Moschee Nr.091; Basisschool Nr. 090, Quelle: Fred Hendriks, Nederland in Beelden, editie 2008 Erstellt am: 9. Dezember 2004
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