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Wirtschaft und Arbeitsmarkt aktuellEin Dossier von Jeanette Goddar
Die
Verfassung der niederländischen Wirtschaft könnte kaum besser sein.
Nach einer Delle in der Konjunktur rund um das Jahre 2003 geht es
wieder bergauf – und zwar so steil, dass die EU-Kollegen wieder einmal
mit Neid auf das kleine Land im Westen der Union blicken. Um mehr als
drei Prozent stieg das Bruttoninlandsprodukt 2006 und damit deutlich
stärker als in der Eurozone. Für das laufende Jahr rechnen die Forscher
des Centraal Planbureaus in Den Haag erneut mit drei Prozent
Steigerung; für das kommende werden mindestens 2,5 Prozent
prognostiziert.
Das mit unabhängigen Forschern besetzte Haager
Planungsbüro ist seit mehr als 60 Jahren die wesentliche Instanz der
niederländischen Wirtschafts- und Arbeitsmarktanalyse und gilt als
zuverlässig. Sinkende Arbeitslosenquote
Sollte sich
die Prognose bewahrheiten ist es dem Poldermodell mit einer
konzertierten Anstrengung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern erneut
geglückt, drohenden wirtschaftlichen Niedergang in einen beachtlichen
Aufschwung umzuwandeln. Nachdem 2003 eine halbe Million Niederländer
und somit nahezu sieben Prozent der Bevölkerung arbeitslos waren,
verpflichteten sich die Sozialpartner erneut zu Lohnmäßigung,
Einschnitten in das soziale Netz und der Schaffung neuer Arbeitsplätze.
Prompt sank die Arbeitslosenquote 2006 auf 5, 5 Prozent – laut den
Statistikern der EU-Behörde Eurostat, die andere Kriterien verwenden,
sogar auf 3, 8 Prozent und damit auf die niedrigste Arbeitslosenquote
in der EU. Laut niederländischen Berechnungen soll die
Arbeitslosenquote 2007 auf 4,5 Prozent fallen. Europäische Reexport-Drehscheibe
Am
stärksten profitiert der Dienstleistungssektor von dem Aufschwung. Vor
allem der Großhandel sowie Transport und Logistik boomen, nicht zuletzt
wegen des ständig zunehmenden Außenhandels, den der Anterdamer
Flughafen Schiphol und der Rotterdamer Hafen generieren. Seit Jahren
entwickeln sich die Niederlande zur europäischen Reexport-Drehscheibe:
Ein- wie Ausfuhren legen in jedem Jahr um rund sieben Prozent zu. Die
Zahlen ähneln sich, weil ein großer Teil der Produkte, die importiert
werden, auch wieder exportiert werden. Die Wiederausfuhr von
Unterhaltungselektronik-Artikeln aus China verzeichnete 2006 sogar eine
zweistellige Zuwachsrate. Aber auch IT-Unternehmen sowie die Werbe- und
Marketingbranche können steigende Zahlen vorweisen. Im Aufwind
begriffen ist auch der Bausektor.
Sinkende Einnahmen verzeichnet
hingegen – wie in anderen Ländern auch – das verarbeitende Gewerbe. Zu
den großen niederländischen Wirtschaftszweigen, von denen nicht zuletzt
der Staatshaushalt in den vergangenen Jahren profitierte, gehört auch
der Handel mit Erdgas. Mangel an Arbeitskräften
Wie
in den 90er-Jahren, als die Vereinigung der kleinen und mittleren
Betriebe MKB dazu aufrief, deutsche Gastarbeiter anzulocken, werden
auch jetzt die Arbeitskräfte knapp. Bereits jetzt machen sich Engpässe
in nahezu allen Sektoren bemerkbar – in der Industrie wie der
Dienstleistungsbranche und nicht zuletzt im Gastgewerbe: In der
Hauptstadt Amsterdam findet sich im Frühjahr 2007 nahezu kein
Restaurant oder Cafe, das nicht an der Eingangstür um „medewerkers“
wirbt. Besonders betroffen sind die kleinen und mittleren Unternehmen.
50.000 bis 80.000 Arbeitsplätze werden dort zurzeit in jedem Jahr
benötigt - angesichts eines offiziellen Arbeitslosenreservoirs von
350.000 potenziellen Mitarbeitern mit allen möglichen Qualifikationen
eine echte Herausforderung. Der Dachverband der kleinen und
mittelgroßen Betriebe MKB fordert deswegen, die Niederländer länger
arbeiten zu lassen sowie mehr Menschen in Arbeit zu bringen. Rund 15
Prozent der Erwerbsbevölkerung stehen dem Arbeitsmarkt aus
unterschiedlichen Gründen nicht mehr zur Verfügung und leben vor allem
von der jahrelang großzügigen Vorruhestands- und
Arbeitsunfähigkeitsregelung, dem so genannten Wet op de
Arbeidsongeschiktheid (WAO). Die Bereitschaft zu arbeiten nimmt
unterdessen in den Niederlanden offenbar zu: Laut jüngst
veröffentlichten Umfragen können sich immer mehr Niederländer
vorstellen, im Alter länger und mehr zu arbeiten. Außerdem steht eine
weitere Entlastung des Arbeitsmarktes durch ausländische Kräfte ins
Haus: Am 1. Mai 2007 liefen in den Niederlanden die
Übergangsregelungen für Arbeitskräfte nach dem EU-Beitritt der
osteuropäischen Länder aus; ähnlich wie in Großbritannien werden vor
allem zureisende Polen erwartet.
Fotos: Philips, Amsterdam, Nr. 061; Schiphol Lucht, Nr. 105, B en U, Diemen, Quelle: Nederland in Beelden, editie 2008 Erstellt am: 14. Mai 2007
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