Gewaechshaus1

Rundgang durch den Arzneipflanzengarten: technische Details

Der Gewächshauskomplex im Bereich der Strasse „Am Schlossgarten“ wurde Ende Oktober 1995 eingeweiht. Voraus gegangen war der Abriss von Dreiviertel der alten Gewächshausanlage, die akut einsturzgefährdet war. Der Neubau gliedert sich in drei Abschnitte auf: ein Schaugewächshaus, ein Warmhaus zur Anzucht und Kultur tropischer/subtropischer Pflanzen und ein Kalthaus zur Anzucht einheimischer Pflanzen und zur Überwinterung nicht winterharter Pflanzen.

Von der alten Anlage blieb nur das sog. Phytohaus (eine alte Stahl -/Holzkonstruktion mit Einfachverglasung, im Bild rechts zu sehen) erhalten. Der Neubau ist eine Stahl -/Aluminiumkonstruktion mit Doppelverglasung (im Bild links), im Bereich des Schaugewächshauses ist die Dacheindeckung zudem als Sicherheitsglas ausgeführt. Beheizt wird der Komplex mit Fernwärme. Belüftung und Schattierung werden (klimaabhängig) elektronisch gesteuert.

Im Schaugewächshaus leben tropische Pflanzen, die einen pharmazeutischen bzw. lebensmittelchemischen Bezug haben. (z.B. Kaffee, Tee, Kakao, Vanille, Papaya oder verschiedene Pfefferarten). Die Temperatur liegt im Durchschnitt bei ca. 23°C.

Direkt nebenan liegt das Kalthaus. Hier überwintern unsere nicht winterharten Pflanzen aus dem Bereich des Schaugartens. Außerdem werden hier im zeitigen Frühjahr unsere Anzuchten für den Schaugarten und für die Gemüsebeete vor dem Auspflanzen abgehärtet. Die durchschnittliche Temperatur liegt hier (im Winter) bei 5 – 10°C.

Deutlich wärmer ist es in dem sich an das Kalt- und Schauhaus anschließenden Warmhaus. Bei durchschnittlich 25°C wachsen hier Jungpflanzen für das Schauhaus heran, aber auch Pflanzen für wissenschaftliche Versuche wie z.B. der Sternanis (Illicium floridanum J.Ellis) oder auch Pflanzen, die wir für Dekorationen bei Veranstaltungen im Fachbereich benötigen.

Eine technische Besonderheit ist wohl das 11m³ fassende Wasserbecken, in dem wir das, auf den Dachflächen, anfallende Regenwasser speichern. Das Wasser wird erwärmt und zum Giessen und Übersprühen der Pflanzen benutzt. Durch das Übersprühen im Schaugewächshaus und im Warmhaus erhöhen wir die, für das Wohlbefinden der Tropenpflanzen wichtige, Luftfeuchtigkeit. Im abschließenden Altbau, Phytohaus genannt, finden sich zwei Klimakammern, die zur Pflanzenanzucht genutzt werden.

Folgt man dem Hauptweg weiter liegt am Ende des wissenschaftlichen Schaugartens das Gartenbetriebsgebäude. Dieses Gebäude dient als Arbeitsraum, als Lagerraum für z.B. Düngemittel und Gartengeräte und als Garage. Hier sind der Aufenthaltsraum und die sanitären Räume für die Gärtner, sowie das Büro des Gärtnermeisters untergebracht. Außerdem wurde im Gebäude ein großer Trockenschrank installiert. In diesem Schrank wird Pflanzenmaterial schonend getrocknet und so für die weitere Verarbeitung haltbar gemacht.

Es schließen sich wichtige Arbeitsbereiche der Gärtner direkt an das Gartenbetriebsgebäude an: die sog. Kastenanlage, der Kompostplatz und die Außenlager.

Die Kastenanlage wird überwiegend zur Pflanzenanzucht und zur Weiterkultur der angezogenen Jungpflanzen genutzt. Der erste hohe Kasten (er sieht eigentlich wie ein kleines Gewächshaus aus) ist ein reiner Anzuchtkasten. Hier stehen die Aussaaten bis zur Keimung in einem speziellen Drahtschrank, damit Mäuse nicht die Aussaaten verderben können. Wenn die Aussaaten eine gewisse Größe haben, müssen sie pikiert werden. Die pikierten Jungpflanzen stehen dann ebenfalls hier, bis sie getopft werden. Weiter werden im zeitigen Frühjahr die allerersten Gemüsejungpflanzen hier wettergeschützt aufgestellt, bis sie gepflanzt werden können. Der zweite hohe Kasten wird im Sommer mit Tomaten, Paprika und Auberginen für die lebensmittelchemische Ausbildung bepflanzt; diese Pflanzen gehören eigentlich auf die Gemüsebeete, wachsen aber unter den hier herrschenden geschützten Bedingungen besser – es ist wärmer (auch wenn nicht geheizt wird) und vor allen Dingen regengeschützt. Dieser Regenschutz ist besonders für die Tomaten wichtig, die sich im Freiland besonders leicht mit Braunfäule infizieren. In der Kastenanlage stehen nicht nur Jungpflanzen, sondern auch einige alte Pflanzen in Kübeln, die in jedem Frühjahr als Blütenbeispiele für den Kurs der „Blütenbestimmungsübungen“ in den Schaugarten gestellt werden. Außerdem werden die großen Doppelkästen z.B. zum Überwintern unserer Artischocken (Cynara scolymus L.) benutzt, denn die Artischocke ist nur bis max. - 4°C winterhart!

Unübersehbar liegt gleich nebenan der Kompostplatz. Die Größe ist eigentlich nicht optimal – der Komposthaufen ist viel zu hoch und viel zu breit, aber leider sind uns da gewisse Grenzen gesetzt, denn der Platz ist knapp. Alles was an Kompostierbarem im Garten anfällt, wird auch kompostiert! Der Kompost wird 2-mal (im Jahresrhythmus) umgesetzt und im 3. Jahr gesiebt. Bevor er gesiebt werden kann wird er gedämpft – d.h. der Kompost wird auf ca. 90°C erhitzt um Krankheitskeime, aber auch Unkräuter (sei es nun als Samen oder als Wurzeln) abzutöten. Den Kompost wird für Topferde benötigt, aber auch um die Beete wieder aufzufüllen.

Nahebei ist auch unser Außenlager. Hierher kommt alles, was im Gartenbetriebsgebäude nicht gelagert werden kann. Außerdem lagert hier unsere selbst gemischte Topferde und im Winter wird hier der Erddämpfer aufgestellt.

Im direkten Anschluss folgt ein Gestell, das fast gänzlich von zwei Blauregen – Pflanzen (Wisteria sinensis (Sims) Sweet) bewachsen ist. Es ist die alte Schattenanlage! Im Schatten dieser Anlage werden z.B. im Frühsommer die überwinterten Pflanzen aus dem benachbarten Folienhaus auf die ersten Kontakte mit der Frühjahrssonne vorbereitet. Durch dieses Abhärten können wir bei unseren Pflanzen einem „Sonnenbrand“ vorbeugen.

Das Folienhaus wurde 1995 vor der Abriss- und Neubauphase der Gewächshausanlage angeschafft, um unsere tropischen Nutzpflanzen heil über den Sommer zubekommen. Nach der Bauphase waren wir dankbar für mehr Überwinterungsstellfläche. Das Folienhaus wird mit Elektroheizung frostfrei gehalten. Außerdem dient es im Sommer zur Anzucht und Kultur empfindlicher Versuchspflanzen oder als Seminarraum für die Blütenbestimmungsübungen bei schlechtem Wetter. Die Stellfläche vor dem Folienhaus ist für die Kübelpflanzen als Übersommerungsplatz gedacht. Die schwarze Folie ist wasser– und wurzeldurchlässig, verhindert aber Unkrautbewuchs. An den Drahtgestellen werden die Kübelpflanzen bei Bedarf angebunden, um zu verhindern, dass sie bei jedem Windstoss umfallen.

Am Ende unseres neuen Arzneipflanzengartens steht der neue Pavillon (ab 2006). Treffpunkt für die Gartenführungen, Informationspunkt oder auch Schutz vor Sonne und Regen – das sind seine Aufgaben.

Noch eine Bemerkung zum neuen Zaun: Der alte Zaun (teilweise noch erhalten) war defekt und nicht mehr „kaninchensicher“ – also dringend erneuerungsbedürftig. Wollte man ihn an alter Stelle wieder aufbauen, hätte das einen schwer zu kalkulierenden Aufwand an Zeit (Menschen- und Maschinenstunden) und erheblichen Schaden im Pflanzenbestand (ober- und unterirdisch) gefordert. Aus diesem Grund haben wir uns zu einem (wie wir meinen) vernünftigen Kompromiss entschlossen: die Flächen zwischen den Zäunen wollen wir (nahezu) sich selbst überlassen und sind gespannt auf das, was sich die Natur für diese Fläche einfallen lässt. Dieses "Niemandsland" ist mittlerweile auch Teil eines WWU-internen Forschungsprojektes geworden.