Zur Geschichte des Instituts für Slavistik

(vormals "Slavisch-Baltisches Seminar")
  • 1930 bis 1958

    Die Gründung des Slavischen Seminars an der Universität Münster im Jahr 1930 trug der wachsenden politischen Bedeutung der slavischen Staaten in Ost- und Mitteleuropa sowie dem erhöhten Interesse an Sprache und Kultur dieser Völker Rechnung. Zur Vorgeschichte dieser Entscheidung gehören die Lehraufträge für Russisch und Polnisch, die auf Erlass des Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung in Berlin erstmals 1919 an der Universität Münster erteilt worden waren. Da sich die Sprachkurse der slavischen Sprachen großer Beliebtheit erfreuten, wurde 1927 im Rahmen des Instituts für Altertumskunde Karl Heinrich Meyer (1890–1945) als Privatdozent und außerordentlicher Professor mit der Vertretung des Faches "Slavische Philologie" betraut.

    Aus dem Institut für Altertumskunde ging 1930 auch das eigenständige Slavische Seminar hervor, dessen erster Direktor Meyer wurde. Meyer vertrat in Forschung und Lehre die Sprachgeschichte des Ost- und Westslavischen ausgehend vom Altkirchenslavischen, beschäftigte sich aber auch mit der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Meyer konnte für das Russisch-Lektorat den bedeutenden russischen Gelehrten Petr Bogatyrëv (1893–1971) aus der Prager Emigration gewinnen, der das Veranstaltungsangebot durch Lehrveranstaltungen zur russischen und tschechischen Literatur ergänzte und in seinen Münsteraner Forschungen sein Projekt eines Grundrisses der wissenschaftlichen Folklore-Forschung weiterführte.

    Nachdem Meyer 1935 einem Ruf nach Königsberg gefolgt war, übernahm die Vertretung des Mün-steraner Lehrstuhls der Deutsch-Ukrainer Oswald Burghardt (1891–1947), der seit den 1920er Jahren unter dem Dichternamen Jurij Klen bedeutend zur europäischen Ausstrahlung der sog. "Kiever Neo-Klassiker" beigetragen hatte. Burghardt war in Münster seit 1934 als außerplanmäßiger Lektor für Russisch und Ukrainisch tätig. Seine Forschungen und Veranstaltungen galten im Weiteren der ost- und westslavischen, schwerpunktmäßig der polnischen Literatur. Kriegsbedingt war der slavistische Lehrbetrieb seit 1941 rückläufig, kam jedoch nach Kriegsende und bis 1947 unter der Leitung von Josefine Burghardt und mit der Unterstützung des Serbokroatisch-Lehrbeauftragten Dr. Anton Knežević (1909–) sowie des Vasmer-Schülers Dr. Heinz Wissemann (1912–2001), der Altkirchenslavisch-Kurse durchführte, wieder in Gang.

    Von 1947 an gab es Bestrebungen, einen ordentlichen Professor für Slavische Philologie nach Münster zu berufen. Die Universität nahm aus diesem Grund zunächst Verhandlungen mit dem ukrainischen Gelehrten Dmytro Čyževs’kyj (Tschizewskij; 1894–1977) auf; der Ruf erging 1948 jedoch an Dietrich Gerhardt (1911–2011), dessen großes Verdienst in der Folge der Aufbau der Bibliothek des Slavischen Seminars war.

  • 1958 bis 1980

    Ab 1958 wurde der bislang außerordentliche Lehrstuhl zum Ordinariat. Als Gerhardt 1959 einen Ruf nach Hamburg annahm, wurde Ernst Dickenmann (1902–1985) berufen, der in Forschung und Lehre sowohl die Linguistik als auch die Literaturwissenschaft vertrat, wobei sein besonderes Interesse dem 18. Jahrhundert galt. In den 1960er Jahren erfreute sich das Studium der Slavischen Philologie so großen Zuspruchs, dass 1966 die Einrichtung einer weiteren Professur folgte, auf die Friedrich Scholz (1928–) berufen wurde. Scholz beschäftigte sich mit den Sprachen und Literaturen der slavischen Länder, aber auch des Baltikums. Seit 1968 wurde am Slavischen Seminar, das seinen Namen in Slavisch-Baltisches Seminar änderte, zeitweilig als einziger Universität in der Bundesrepublik Deutschland das Studium der Baltischen Philologie angeboten. Lettisch und Litauisch wurden im Slavisch-Baltischen Seminar seit 1967 gelehrt, seit Beginn der 70er Jahre kamen die finnougrischen Sprachen Estnisch, Finnisch und Ungarisch hinzu.

    Im Jahre 1970 kam mit Hubert Rösel (1917–2010), dem Nachfolger auf dem Lehrstuhl Dickenmann, ein Ordinarius nach Münster, der die Westslavische Philologie, insbesondere die Bohemistik, in den Mittelpunkt seiner sprach- und kulturhistorisch orientierten Arbeit stellte. Ein besonders sichtbares Ergebnis seiner Forschungen ist das 1983 im Münsteraner Aschendorff Verlag erschienene "Wörterbuch zu den tschechischen Schriften des J.A. Comenius". Von 1978 an vertrat Gerhard Ressel (1945–) als C 3-Professor die Slavistik mit Schwerpunkten in der Serbokroatistik und der synchronen Linguistik der russischen Gegenwartssprache.

  • 1980 bis 2006

    Zum fünfzigjährigen Bestehen des Seminars im Jahre 1980 wurde auf Initiative von Hubert Rösel, Friedrich Scholz und Gerhard Ressel die Reihe "Studia slavica et baltica" ins Leben gerufen, in der die am Seminar entstandenen Dissertationen veröffentlicht wurden; seit 1990 wird die Reihe unter dem Titel "Veröffentlichungen des Slavisch-Baltischen Seminars der Westfälischen Wilhelms-Universität: Sprache - Literatur - Kulturgeschichte" fortgeführt.

    Auf den Lehrstuhl des 1982 emeritierten Hubert Rösel wurde zum Sommer 1983 Gerhard Birkfellner (1941–2011) berufen, dessen Schwerpunkte in der sprach- und kulturhistorischen Bearbeitung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Slavia lagen. In seinen letzten Dienstjahren veröffentlichte er wichtige Editionen ukrainischer Liturgie-Sammelbände sowie eine kommentierte Ausgabe und Übersetzung des mittelrussischen Hauswirtschafts- und Erziehungsbuchs "Domostroj" (2 Bde., Osnabrück 1998).

    Im Jahr 1993 wurde auf Initiative der damaligen Rektorin der Universität, Frau Maria Wasna, das Institut für Interdisziplinäre Baltische Studien gegründet, das die wissenschaftliche Beschäftigung mit Problemen des Baltikums fördern und auch über den Bereich der Universität hinaus überregional koordinieren soll. Im Vorfeld der Institutsgründung hatte die Münsteraner Slavistik erhebliche Sparanstrengungen zu erbringen; die periodisch zwischen 1928 und 1938 sowie durchgehend seit 1969 angebotenen Tschechisch-Kurse wurden 1994 eingestellt. Beendet wurde auch die gut 50-jährige Tradition systematischer Sprachausbildung für Polonistik und Serbokroatistik; ein Lektorat für Polnisch existierte bis 1989, eines für Serbokroatisch bis 1992. Im Jahr 1993 wurde Friedrich Scholz emeritiert; sein Lehrstuhl blieb zweieinhalb Jahre lang unbesetzt. Da keine Vertretung genehmigt wurde, mussten die Professoren Birkfellner und Ressel den Lehrstuhl anteilig ersetzen, was zu einer Schwächung der kleinen Slavinen und speziell des Studienganges Südslavistik führte.

    Zum Wintersemester 1995 trat Alfred Sproede (1951–) die Nachfolge des Lehrstuhls Scholz an; seine Arbeitsbereiche sind die ost- und westslavischen Literaturen von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart; ausbauend auf seinen polonistischen Forschungs- und Lehrprojekten hat er sich seit der Übernahme des Münsteraner Lehrstuhls auch mit komparatistischen Fragestellungen befasst, u.a. mit der polnisch-litauischen vergleichenden Literaturwissenschaft. Wenige Monate nachdem mit dem Dienstantritt von Sproede nach längerer Unterbrechung wieder die Besetzung aller drei Slavistik-Professuren erreicht war, wurde Gerhard Ressel zum Sommer 1996 nach Trier berufen. Eine temporäre Ressel-Nachfolge war 1998–2004 durch eine befristete Hochschuldozentur (C2) möglich, auf die Frau Dr. Snježana Kordić (1964–) berufen wurde. Frau Kordić vertrat die Linguistik der modernen slavischen Sprachen und die Südslavische Philologie in der Sprach- und Literaturwissenschaft.

  • seit 2006

    Das Slavisch-Baltische Seminar konnte im Jahr 2006 das dem Bologna-Modell entsprechende Bachelor-Programm "Regionalstudien Ostmitteleuropa“ eröffnen; zwei Jahre später wurde der Master-Studiengang "Polonistik / Osteuropäische Kulturstudien“ erfolgreich evaluiert. Der Bachelor-Studiengang bündelte Anteile aus allen WWU-Fächern mit Osteuropa-Bezug (Geschichte, Katholische Theologie, Jura). Die im Master obligatorischen Polen-Aufenthalte konnten an drei großen Polonistik-Standorte absolviert werden, mit denen das Seminar die langjährige Kooperation fortführt: die Adam-Mickiewicz-Universität Posen/Poznań, die Universität Łódź und die Jagiellonen-Universität Krakau.

    Die positive Evaluation des Bachelor-Studiengangs hatte auch für den Fortgang der slavistischen Forschung in Münster wichtige Weiterungen: Das Gutachter-Gremium hatte empfohlen, die beantragten Schwerpunktfächer Polnisch und Litauisch/Lettisch durch das Ukrainische zu ergänzen. Gerade aus dem zusätzlichen Ukraine-Schwerpunkt ergab sich eine weitreichende Forschungslinie; so beteiligte sich das Slavisch-Baltische Seminar seit 2009 an mehreren deutschen und internationalen Verbundprojekten: (1.) das BMBF-Kompetenznetzwerk "Institutionen und institutioneller Wandel im Postsozialismus: Zwischen Geschichtlichkeit und globalem Anpassungsdruck/KOMPOST" (Laufzeit i.2010 - xii.2016); (2.) das DFG-Projekt "Die Ukraine und die Herausforderung Europa" im Rahmen des Kollegs "Europa: Literarische Figurationen“ unter Beteiligung der WWU-Institute für Anglistik und Germanistik (ix.2012–viii.2015); (3.) das von der DFG, dem Schweizer Nationalfonds und dem österreichischen FWF (D-A-CH Lead Agency) finanzierte Dreiländerprojekt "Region, Nation, and Beyond. An Interdisciplinary and Transcultural Reconceptualization of Ukraine" (i.2012–v.2015). Auftakt zu dieser Projektserie waren erfolgreich abgeschlossene russistische Arbeiten zum Thema "Erzählte Justiz in Russland. Narrative Übersetzungen einer Rechtsordnung, 1864-1918" im BMBF-Forschungsverbund "Kulturen der Gerechtigkeit. Normative Diskurse im Transfer zwischen Westeuropa und Russland" (vii.2009–viii.2012). Im Rahmen der vier genannten Vorhaben konnten insgesamt fünf Mitarbeiter- bzw. Doktoranden-Stellen (TV-L 13 / 50%) besetzt werden.

    Die Forschungen zur Rechtskultur des slavischen Raums setzt der 2016 emeritierte Lehrstuhlinhaber Alfred Sproede mit seiner Beteiligung an dem seit 2019 existierenden SFB "Recht und Literatur“ fort, wo er gemeinsam mit dem Rechtshistoriker Prof. Dr. Sebastian Lohsse das Projekt B01 "Literarische Formen europäischer Rechtskultur in Polen, Russland und der Ukraine. Forschungen zu Recht und Literatur zentral- und osteuropäischer Gesellschaften in vergleichender Perspektive“ leitet.

    2017 wurde das "Slavisch-Baltische Seminar" laut einem Beschluss des Rektorats in "Institut für Slavistik" umbenannt und das "Institut für Interdisziplinäre Baltische Studien" aufgelöst. Die bisherigen Regionalstudiengänge zu Ostmitteleuropa (B.A.) bzw. Polen (M.A.) wurden eingestellt. Neue philologische Studiengänge der Slavistik sind geplant. Die Wiederzuweisung der Professur mit der Denomination "Slavistik" diente dem Ziel, das Fach in Lehre und Forschung stärker in das Gesamt des Fachbereichs zu integrieren. Für den angestrebten, lehreinheitsübergreifenden Masterstudiengang "Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft“ soll der Slavistik dabei eine koordinierende Rolle zukommen. Seit September 2020 ist der Lehrstuhl mit Irina Wutsdorff (1970-) besetzt; ihre Schwerpunkte liegen neben der russistischen Literatur- und Kulturwissenschaft in der Bohemistik, wobei sie in Forschung und Lehre vielfach auch komparatistisch (v.a. zur deutschsprachigen Literatur) sowie zur (Geschichte der) Literaturtheorie arbeitet. Die 2021 hinzukommende Professur für Slavistische Sprachwissenschaft mit Schwerpunkt in Translationswissenschaft (W1 mit tenure nach W2) soll die linguistischen Anteile im Studienangebot der Slavistik und die Kooperation an der Schnittstelle zwischen slavistischer sowie allgemeiner Sprach- und Literaturwissenschaft gewährleisten.