Ukrainische Autorin Sofia Andruchowytsch liest am Exzellenzcluster

Annette von Droste-Hülshoff-Lesung am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ – Lesung und Gespräch mit der ukrainischen Autorin Sofia Andruchowytsch am 20. Oktober in Münster – Auseinandersetzung mit der politischen Dimension von Erinnerung und deren Auslöschung in Geschichte und Gegenwart der Ukraine

Plakat zur Lesung mit Sofia Andruchowytsch
© exc/Vasylyna Vrublevska/Annette-von-Droste-zu-Huelshoff-Stiftung

Pressemitteilung vom 13. Oktober 2026

Die ukrainische Schriftstellerin Sofia Andruchowytsch liest am 20. Oktober bei der zweiten Annette von Droste-Hülshoff-Lesung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster. „Andruchowytsch gehört zu den bedeutendsten Stimmen der ukrainischen Gegenwartsliteratur. Mit ihrem Werk zeigt sie, wie wichtig, aber auch, wie trügerisch Erinnerung sein kann – und wie Literatur auf ihre ganz eigene Weise die komplexen Verbindungen von Geschichte, Identität und Macht verdeutlichen kann“, sagt die Slavistin Prof. Dr. Irina Wutsdorff vom Exzellenzcluster, die in den Abend einführt und das Gespräch moderiert. Andruchowytsch liest aus ihrem Romanepos „Amadoka“ (2020). Es ist auf Deutsch in den drei Bänden „Die Geschichte von Romana“ (2023), „Die Geschichte von Uljana“ (2023) und „Die Geschichte von Sofia“ (2024) erschienen. Die Autorin liest Auszüge im Original.  Aus den deutschsprachigen Übersetzungen trägt ein Mitglied des Schauspielensembles des Theaters Münster vor. Die Veranstaltung findet in ukrainischer und deutscher Sprache statt, das Gespräch dolmetscht Dr. Tetyana Dagovych. Anschließend lädt der Exzellenzcluster zu einem Empfang ein. Der Eintritt ist frei. Der Veranstaltungsort ist das Hörsaalgebäude des Exzellenzclusters „Religion und Politik“, Raum JO 1 (Johannisstraße 4, 48143 Münster).

Sofia Andruchowytsch, geboren 1982 in Iwano-Frankiwsk, zählt zu den renommiertesten zeitgenössischen Autor*innen der Ukraine, wie Wutsdorff ausführt. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges nutzt die vielfach ausgezeichnete Autorin ihre internationale Bekanntheit auch, um über die Lage in ihrer Heimat aufzuklären. Zur Annette von Droste-Hülshoff-Lesung lädt der Exzellenzcluster seit 2024 internationale Schriftstellerinnen und Schriftsteller ein, die sich in künstlerisch anspruchsvoller Weise mit der Beziehung von Religion und Politik befassen.

„Andruchowytsch verzichtet auf einfache Schwarz-Weiß-Zeichnungen“

Sofia Andruchowytsch
© Vasylyna Vrublevska

Bereits in ihrem Roman „Felix Austria“ (2014, deutsch „Der Papierjunge“) entwarf Sofia Andruchowytsch ein Panorama des multireligiösen und multikulturellen Galiziens um 1900. Mit dem Romanepos „Amadoka“ widmet sie sich den Themen Verlust und Auslöschung. Benannt nach einem auf antiken Karten verzeichneten, tatsächlich jedoch nicht existierenden See, verknüpft der Roman drei traumatische Epochen der ukrainischen Geschichte: die stalinistischen Repressionen der 1930er Jahre und die Vernichtung der ukrainischen Intelligenzija („Erschossene Renaissance“), den „Holocaust der Kugeln“ – die Massenerschießungen während der nationalsozialistischen Besatzung in den 1940er Jahren – sowie den seit 2014 andauernden Russisch-Ukrainischen Krieg. „Andruchowytsch verzichtet auf einfache Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Indem sie Täter und Opfer in ihrer menschlichen Ambivalenz zeigt, hinterfragt sie moralische Grenzziehungen ebenso wie die Gewalt, die der Konstruktion von Familiengeschichten und nationalen Mythen eingeschrieben sein kann“, so Wutsdorff. Auch auf der Bühne hat der Roman Resonanz gefunden: Die Inszenierung von Dušan David Pařízek, eine Produktion des Prager Theaters Divadlo X10 und des Festivals „Theater der Welt“, wurde im April 2026 in Prag uraufgeführt und im Juni beim Festival in Chemnitz erstmals dem deutschen Publikum präsentiert.

Für ihr literarisches Schaffen erhielt Andruchowytsch zahlreiche Auszeichnungen. 2024 wurde sie gemeinsam mit ihrem Übersetzungsteam Alexander Kratochvil und Maria Weissenböck mit dem Internationalen Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet. „Amadoka“ erhielt darüber hinaus den Internationalen Literaturpreis des Kulturhuset Stadsteatern (Schweden, 2025), den Encounter – Ukrainisch-Jüdischen Literaturpreis (Kanada/Ukraine, 2023) sowie den Sholem-Aleichem-Preis (Ukraine, 2023).

Die erste Annette von Droste-Hülshoff-Lesung am Exzellenzcluster hielt 2024 der algerische Schriftsteller Boualem Sansal. „Das Verhältnis von Religion und Politik ist nicht nur Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Es wird seit jeher auch in der Literatur verhandelt. Dabei werden Fragen und Nuancen, Dilemmata und Konflikte mit literarischen Mitteln anders zum Ausdruck gebracht, als die wissenschaftliche Beschäftigung mit Religion und Politik es zu tun vermag“, erläutert Prof. Dr. Wolfram Drews, Sprecher des Exzellenzclusters, der den Abend eröffnet. Die Lesereihe ist nach der aus dem Münsterland stammenden Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848) benannt, die zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen deutscher Sprache gehört. „Ihr kritischer Blick auf Religion und Gesellschaft macht ihr Werk bis heute auf vielfache Weise aktuell“, so Drews. (fbu/vvm)

Lesung und Gespräch mit Sofia Andruchowytsch

Dienstag, 20. Oktober 2026, 18.15 Uhr

Hörsaalgebäude des Exzellenzclusters „Religion und Politik“, Raum JO 1, Johannisstraße 4, 48143 Münster

Der Eintritt ist frei.