Alfred Bodenheimer ist neuer Hans-Blumenberg-Professor
Der Professor für Jüdische Literatur- und Religionsgeschichte aus Basel spricht kommende Woche in Münster über die Rechtfertigung jüdischen Handelns durch historische und biblische Verhaltensmodelle – Abendvortrag „Vorwärts in die Vergangenheit“ über das Judentum im „Klammergriff historischer Analogien“ am 16. Juni am Exzellenzcluster

Alfred Bodenheimer, Leiter des Zentrums für Jüdische Studien an der Universität Basel, ist Hans-Blumenberg-Professor 2026 am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster. Der Professor für Jüdische Literatur- und Religionsgeschichte spricht kommende Woche am Forschungsverbund über die Rechtfertigung heutigen jüdischen Handelns durch historische und zum Teil biblische Ereignisse oder Verhaltensmodelle. Das kündigte der Sprecher des Exzellenzclusters, Mediävistik-Professor Wolfram Drews, an. Der Abendvortrag am Dienstag, 16. Juni 2026, trägt den Titel „Vorwärts in die Vergangenheit. Jüdische Selbstdefinitionen der Gegenwart im Klammergriff historischer Analogien“.
Die Veranstaltung beginnt um 18.15 Uhr im Fürstenberghaus, Hörsaal F2, Domplatz 20–22 in Münster. Eine Zoom-Teilnahme ist per Anmeldung (veranstaltungenEXC@uni-muenster.de) möglich. Auf die Blumenberg-Professur beruft der Exzellenzcluster Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der internationalen Spitzenforschung, die innovative Impulse nach Münster bringen und die interdisziplinäre Diskussion vertiefen.
„Dass der Beginn des Irankriegs Ende Februar dieses Jahres stattfand, als das jüdische Purimfest gefeiert und das biblische Estherbuch gelesen wurde, das die Rettung der Juden im persischen Weltreich behandelt, hat unter anderem in Israel Analogieschlüsse zwischen dem biblischen und dem gegenwärtigen Geschehen freigesetzt“, so Bodenheimer zur Ankündigung des Vortrags. Wer genauer auf heutige jüdische Selbstverortungen schaue, gleich welcher politischen Couleur, werde feststellen, „dass jüdisches Gegenwartshandeln sich in einem unablässigen Modus der behaupteten Reaktivierung historischer, zum Teil biblischer Ereignisse oder Verhaltensmodelle verortet.“ Die Formel vom „ewigen Volk“ werde oft mit Stolz vorgetragen, drohe aber zur „Einklammerung in scheinbar vorgestanzte, quasi deterministische historische Verhaltensmuster und Handlungsweisen“ zu werden.
„Innere Herausforderungen und Zerreißproben des Judentums heute“
Um „innere Herausforderungen und Zerreißproben des Judentums heute“ zu verstehen, ist es nach den Worten von Bodenheimer unumgänglich, die Wechselwirkung von geschichtlichem Selbstverständnis und der Rechtfertigung eigenen Handelns oder Nichthandelns zu erkennen. „Das gilt gerade in einer Zeit, in der jüdisches Leben auch von außen so bedroht ist wie seit der Shoah nicht mehr.“ In seinem Vortrag nähert sich der Forscher dem Thema mit Hilfe von Hans Blumenbergs Werk „Die Lesbarkeit der Welt“ und von Yosef Hayim Yerushalmis Standardwerk „Zachor!“ zu jüdischer Geschichte und Historiographie.
Alfred Bodenheimer hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht, etwa über jüdische Narrative und Traditionsbildung sowie zur deutschen Beschneidungsdebatte von 2012. Mit dem Arabisten Thomas Bauer vom Exzellenzcluster und dem Theologen Michael Seewald, langjähriger Sprecher des Verbundes, schrieb er 2022 das Buch „Welche Sprache spricht Gott? Versuche aus Judentum, Christentum und Islam“. Bodenheimer, der 1965 in Basel geboren wurde, hat die Professur für Religionsgeschichte und Literatur des Judentums in Basel seit 2003 inne. Das kulturwissenschaftlich und interdisziplinär angelegte Zentrum für Jüdische Studien legt den Schwerpunkt auf die jüdische Literatur, Religion und Geschichte der Moderne.
Bodenheimer, der an der Universität Basel Germanistik und Geschichte studierte, erhielt eine traditionelle jüdische Ausbildung an Talmudhochschulen in Israel und den USA. 1993 promovierte er über die Emigration von Else Lasker-Schüler nach Palästina. Es folgten Forschungs- und Lehraufenthalte in Israel und an der Universität Luzern und die Habilitation an der Universität Genf. 2003 kam er als Professor nach Basel zurück. Von 2005 bis 2008 war er auch Rektor der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg. Bodenheimer ist Präsident der Gesellschaft für Europäisch-Jüdische Literaturstudien und Mitherausgeber namhafter Reihen wie der „Reihe Jüdische Moderne“ (Böhlau Verlag). Seine Krimis über den Zürcher Ermittler Rabbi Gabriel Klein standen auf der Schweizer Bestsellerliste. (vvm)
