Der Einbruch der Realität in den Diskurs

Von Religionssoziologe Prof. Dr. Detlef Pollack

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Wissenschaftliches Denken setzt damit ein, unsere als selbstverständlich unterstellte Wirklichkeitswahrnehmung zu unterbrechen. Es mag sein, dass die Mehrheit unter uns sich darauf geeinigt hat, das Coronavirus für gefährlich zu halten. Doch seine Wirksamkeit zu bestreiten, entspricht durchaus einer wissenschaftlichen Welthaltung. Wissenschaft wiederholt nicht das, was jedermann bejaht, sondern rückt das als normal vorausgesetzte Wirklichkeitsverständnis in ein alternatives Licht. Sie ist insofern Verschwörungstheorien, die wir als fremd und abseitig beurteilen, näher als wir vermuten. Sowohl Verschwörungstheorien als auch wissenschaftliche Analysen partizipieren an dem Grundproblem der Erkenntnistheorie: dass wir nicht sicher wissen können, was wahr ist.

Hinter diesem Problem steht ein Verdacht. Es ist der Verdacht, dass unsere Erkenntnis von Sinnestäuschungen und Vorannahmen, von Vorlieben und Abneigungen tief geprägt ist. Gibt nicht schon die Zugehörigkeit zu einer politischen oder ethnischen Gruppe in hohem Maße vor, was wir an der Wirklichkeit wahrnehmen und was wir ausblenden? Unsere Erkenntnis ist durch kulturelle Bedingungen präformiert und von individuellen Interessen getrieben. Selbst bei angestrengtem Bemühen und selbst wenn wir unser Bemühen mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden zu kontrollieren versuchen, erreichen unsere Erkenntniswerkzeuge die Wirklichkeit nicht. Es bleibt eine Kluft zwischen Begriff und Sache. Die Dinge, wie sie sind, können so wenig unser Denken berühren, wie ein Auto, das wir doch zweifelsfrei zu erkennen vermeinen, durch unser Denken zu fahren vermag.

Glich die Erfahrung, die wir mit dem plötzlichen Auftauchen des Corona-Virus gemacht haben, in gewisser Weise nicht zunächst genau dieser prinzipiellen Ungreifbarkeit der Wirklichkeit? Erst war es eine Seuche im fernen Asien, die gewiss nicht bis nach Europa vordringen würde. Dann waren es einzelne Fälle in benennbaren Gebieten. Dann ließ sich nicht erkennen, ob die sich häufenden Todesfälle wirklich auf das Virus zurückzuführen waren. Irgendwann aber wurde uns klar, dass die Todesrate über dem Durchschnitt einer gewöhnlichen Grippewelle lag und nur durch das sich ausbreitende Corona-Virus zu erklären war. Nun nahm die Mehrheit das Virus ernst und begann sich gegen seine Ausbreitung zu schützen. Es war die scharf geschnittene Grenze zwischen Leben und Tod, die sie zur Einsicht zwang. Ereignisse in dieser Eindeutigkeit sind selten. Heute mit mehr als einer Viertelmillion, die an Corona gestorben sind, lässt sich die tödliche Wirkung des Virus nicht mehr wegdiskutieren. Und so ist eine Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland eher gegen eine Ausweitung der Lockerungen. In Großbritannien sprechen sich 80 Prozent für eine Beibehaltung der Kontaktsperren aus. Hatten wir in anderen Fragen jemals ein so hohes Maß an Konsens?

Doch kaum hatte sich eine weitgehende Einigkeit über die Gefährlichkeit des Virus durchgesetzt, schossen Verschwörungstheorien aus dem Boden und torpedierten die gerade erreichte Einmütigkeit. Sie sind die unausweichlich andere Seite des Konsenses, der offenbar dazu einlädt, durch Herstellung von Differenz Aufmerksamkeit hervorzurufen. Propheten, Weltdeuter und Mahner blicken hinter die Fassade der etablierten Institutionen, korrigieren die Erkenntnisse der Wissenschaft, haben tiefere Einsichten in den verborgenen Zusammenhang der Welt und wissen, welche Agenten hinter allem stehen. Bislang unterschätzte Gegeneliten entschleiern die wahren Ursachen der Krise und profilieren ihre Weltdeutungen gegen das Wissen der Experten, der Politiker und der intellektuellen Eliten. Sie wirken absonderlich auf die meisten von uns, und seitdem der Konsens über die Gefährlichkeit des Virus zu schwinden beginnt und sich die bekannte Vielfalt der Meinungen, wie die angestrebten Lockerungen durchzuführen sind, wieder einstellt, geht die Resonanz für die in Umlauf gebrachten Verschwörungstheorien, die ohnehin immer nur wenige anzuziehen vermochten, auch wieder zurück.

Können wir diesen Rückzug als einen Triumph der Wissenschaft und der Expertise über empirisch nicht fundierte ganzheitliche Welterklärungstheorien, als einen Triumph des gesunden Menschenverstands über die Unvernunft abseitiger Besserwisser verbuchen? Nicht unbedingt. Denn der Streit um die Interpretation des Virus‘ und seine Folgen geht ja weiter, innerhalb der Naturwissenschaft, in der professionellen Politik und auch unter uns, die wir uns vielleicht für normal halten. Auf das, was der Fall ist, können wir uns nicht einigen. Weder die Wissenschaft, die von der Kritik und vom Widerspruch lebt, noch der Common Sense, der alles andere als einen privilegierten Zugang zur Wirklichkeit besitzt, helfen aus unserer erkenntnistheoretischen Unsicherheit heraus. Die Situation wird nicht besser, wenn wir uns daran erinnern, dass wissenschaftliche Analyse und Common Sense gar nicht auf einer Ebene liegen, sondern der wissenschaftliche Ansatz geradezu gegen den Common Sense auftritt. Der erste Schritt des wissenschaftlichen Denkens ist doch der Zweifel, die Unterbrechung unseres alltäglichen Wirklichkeitsverständnisses. Wissenschaft baut Wirklichkeit in der Differenz zur als normal unterstellten Wahrnehmung auf – wie das eben auch Verschwörungstheorien tun. Sie ist ein konstruktivistisches Projekt, auch wenn sie ihre Deutungen – im Gegensatz zur Verschwörungstheorie – für falsifizierbar hält. Die Einsicht in den konstruktivistischen Charakter wissenschaftlichen Denkens ist von der Wissenschaft, sowohl der Geistes- als auch der Naturwissenschaft, längst durchschaut. Wir wissen, dass Daten nicht das sind, was der Name suggeriert: etwas Gegebenes, vielmehr sind sie etwas Gemachtes, etwas, das die Wissenschaft zum eigenen Gebrauch herstellt. Den zweifelsfreien Anhalt an der Wirklichkeit gibt es also auch für die wissenschaftliche Art des Herangehens an diese nicht. Heißt das, dass wir aus dem Diskurs nicht herauskommen und dass alle Versuche, auch alle wissenschaftlichen Versuche der Wirklichkeitserkenntnis, den Diskurs nur erweitern können, aber ihn nicht zu überschreiten vermögen?

Das mag sein. Aus dem hermeneutischen Zirkel finden wir nicht heraus. Gleichwohl kann uns die Corona-Krise etwas lehren. Wenn die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler meinen – und hier ist vor allem an Kulturwissenschaft, Soziologie und Ethnologie zu denken –, dass es ein Jenseits des Diskurses nicht gibt und über das, was als wirklich gelten soll, nur verhandelt werden kann, so vermag die sich der Bevölkerungsmehrheit aufdrängende Macht des Coronavirus sie vielleicht dazu bewegen, die Existenz einer solchen diskursüberschreitenden Realität in Erwägung zu ziehen – eine Realität, die ja sogar in der Lage ist, uns zu übermächtigen. Die wissenschaftliche Erkenntnis, will sie sich nicht in Fiktionen verlieren, ist gut beraten, das als selbstverständlich unterstellte Alltagswissen mit ihren Konstruktionen nicht nur zu unterbrechen, sondern in einem zweiten Schritt auch noch einmal an sich heranzulassen und diese an jenem zu prüfen. Diesen Schritt – das ist klar – wollen diejenigen nicht gehen, die jegliche Erkenntnis für eine Konstruktion halten und meinen, Daten aller Art auf die Voraussetzungen, unter denen sie produziert wurden, zurückführen zu können. Für sie ist Wissenschaft nichts als Diskurs. Der Einbruch der Corona-Krise ist vielleicht geeignet, sie eines Besseren zu belehren. Aber auch den unbeirrbaren Realisten können die ganzen Corona-Diskussionen verdeutlichen, dass die Wirklichkeit größer ist und die Wissenschaft mehr, als Fakten zu sagen vermögen.